Sonntag, 17. April 2022

Wie das Kaninchen vor der Schlange

„Wir haben jahrelang geübt, unsere Vornamen zu tanzen, über die gendergerechte Sprache gestritten und unsere Gesellschaften bunt angemalt. Keiner hat bemerkt, welcher Sturm sich derweile hinter unserem Rücken zusammenbraut.“ Ein Kommentar von „Dolomiten“-Redakteur Michael Fink.

„Es ist überaus enttäuschend und ernüchternd zugleich, erfahren zu müssen, dass die politischen Spitzen keinen Weitblick mehr haben.“ - Foto: © Shutterstock / shutterstock

Als die ersten russischen Bomben in der Ukraine einschlugen, sprach der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz von einer „Zeitenwende“. Vorbei die Jahrzehnte, in denen wir Europäer uns mit allerlei Diskussionen das Leben versüßten. Wir haben jahrelang geübt, unsere Vornamen zu tanzen, über die gendergerechte Sprache gestritten, unsere Gesellschaften bunt angemalt, immer greller.

Der Urlaub sei vorbei, meinte der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg in einer ersten Reaktion. Die Realität hat uns somit wieder zurück und sie trifft uns mit brutaler Wucht. Die späten Erkenntnisse der politisch Mächtigen in Europa haben eines erschreckend vor Augen geführt: Ihre Einschätzungen waren total falsch.

Über Jahre wurde der Wandel durch Handel herbeigeredet. Es war die Beruhigungspille für den Kontinent. Der Handel hat funktioniert, der Wandel ist krachend gescheitert.


Das Virus hat uns gelehrt, die Augen zu öffnen, der Ukrainekrieg hingegen, dass der Frieden und das gewohnte Leben augenblicklich zu Ende sein kann.
Michael Fink



Es ist überaus enttäuschend und ernüchternd zugleich, erfahren zu müssen, dass die politischen Spitzen keinen Weitblick mehr haben, keine Fähigkeit, Situationen, Entwicklungen, Aktionen richtig zu deuten, eingehend zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Politiker-Generation 2.0 kann nicht mehr führen und hat keinen wirklichen Plan, wohin die Reise gehen soll.

Aber genau auf diese Fähigkeiten sind die Völker angewiesen. Das ist der Sinn des Systems, der Demokratie. Wer glaubte, Corona brächte eine Schubumkehr, muss diese leise Hoffnung endgültig begraben. Das Virus hat uns gelehrt, die Augen zu öffnen, der Ukrainekrieg hingegen, dass der Frieden und das gewohnte Leben augenblicklich zu Ende sein kann.

Von Tag zu Tag fehlen darob immer mehr Worte. Die Sprachlosigkeit über die Gemetzel, die Brutalität füttern die Hoffnungslosigkeit stündlich. Was im Osten Europas passiert, ist einfach nur unfassbar. Und wir blicken ungläubig dorthin. Wir haben mit dem Frieden zu sehr geprasst, die Leitplanken der Vernunft Meter für Meter abgebaut.

Wir taumeln intellektuell durch die Gegend und wundern uns auch noch darüber. Die große Frage, in welche Richtung sich unsere Welt entwickeln wird, kann niemand mehr beantworten. Die schallenden Ohrfeigen haben uns zum Kaninchen vor der Schlange werden lassen; für die kommenden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte

fin

Alle Meldungen zu:

Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden