Seit über 70 Jahren veranstaltet der Kitzbüheler Ski Club die Hahnenkamm-Rennen. STOL trifft Präsident Michael Huber im Oktober des vergangenen Jahres. Die Kitzbüheler Organisatoren sind im Schlerngebiet zu Gast, feiern 20 Jahre Partnerschaft Hahnenkamm-Rennen – Oswald von Wolkenstein-Ritt. „Die Streif ist ein Grenzgang zwischen möglich und unmöglich“, sagt Huber. „Mannschaften, die einen jungen Athleten am Start haben, lassen den das erste Training fahren und schauen dann, ob der nachts überhaupt noch schlafen kann.“Südtirol Online: Herr Huber, was hat die Streif, was die Saslong nicht hat?Michael Huber, Präsident des Kitzbüheler Ski Clubs und Hahnenkamm OK-Chef: Die Saslong am großen Internationalen Parket gibt’s seit 1970. Das weiß ich genau. Denn damals hat Kitzbühel die Weltmeisterschaft an Gröden verloren. Eine Riesengeschichte, die nur wenige kennen: 1967 hat sich Kitzbühel für die WM 1970 beworben, Gröden genauso. Im Sommer 1967 wurde in Beirut gewählt. Jede Nation hatte drei Stimmen. Und es kam zum Skandal schlechthin: Denn im ersten Wahlgang hat Kitzbühel sage und schreibe nicht drei, sondern nur zwei Stimmen erhalten. Das heißt: Österreich hat nicht mal drei Stimmen hergegeben. Die Grödner waren zugegen, mit Musikkapelle, mit Wein, Speck und Käse. Die Kitzbüheler waren zu zweit – mit einem Plakat von der Tirol-Werbung von Innsbruck, auf dem sie einfach „Kitzbühel“ darübergeschrieben haben. Ein Wahnsinn.Seitdem gibt’s also Weltcup-Rennen in Gröden. Aber Kitzbühel hat einen Vorteil: Nicht nur, dass wir bereits seit 1931, und somit wesentlich länger, alpine Rennen international austragen. Sondern es ist der Berg, der Hahnenkamm, der eine ganz eigene Charakteristik hat, die es weltweit eigentlich nicht vergleichbar gibt. Am Ende entscheidet der Berg. Und der steht in Kitzbühel.STOL: Zum einen der Berg. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch den Mythos Streif. Entstanden nicht zuletzt aufgrund dramatischer Stürze. Lebt die Streif vom Voyeurismus?Ganz falsch. FIS-Pistenhomologateur Karl Frehsner, der auch als Cheftrainer der Schweizer Damen sehr erfolgreich war, meinte einst: „Was wollt’s denn mit der Streif, das ist doch eine der flachsten Abfahrten der Welt.“ Wir werden nie behaupten, die gefährlichste Strecke der Welt zu sein. Wir sind die klassischste. Wir prüfen alle Anforderungen an den Athleten. Und wir haben sehr wenig Stürze, verglichen mit anderen Abfahrten. Nur ist die Streif so am Limit zwischen Können und Nicht-Können, dass, wenn einer stürzt, meist eine schwere Verletzung die Folge ist. Wir haben nicht viele Verletzte, ich zähle da beinahe mit, pro Rennwochenende samt Trainings sind’s zwei, drei Stürze. Aber leider Gottes ist meistens einer darunter, der schwer verläuft. Die Steif ist ein Grenzgang zwischen möglich und nicht möglich.STOL: Die Athleten sagen: Willst du bei den Hahnenkamm-Rennen antreten, musst du 110 Prozent geben. Schaffst du das nicht, ist es besser, du nimmst die Gondel und fährst wieder ins Tal.110 Prozent sind mir persönlich zu wenig. Die 45, 48 Teilnehmer pro Rennen sind die besten Abfahrer der Welt. Und ich weiß, dass Mannschaften, die einen jungen Athleten am Start haben, den das erste Training fahren lassen und dann schauen, ob der nachts überhaupt noch schlafen kann. Wenn der Athlet das erste Training psychisch schafft – das klingt jetzt wirklich komisch, aber es ist so – dann sagt das Team: „Okay, fahr weiter.“ Aber man sieht immer wieder, dass Teams ihre Athleten nach dem ersten Training zurückholen und sagen: „Du, pass auf: Heuer nicht, nächstes Jahr probieren wir’s wieder.“ Michael HuberDie Athleten tasten sich über Jahre an die Strecke heran. Das ist mit ein Grund dafür, dass in Kitzbühel eigentlich selten bis nie ein Außenseiter gewinnt. Am Ende siegt ein erfahrener Rennfahrer, weil die Streif eben eine wahnsinnige psychische Belastung, eine Kopfsache ist. Dass man für die Streif gesund, fit sein muss, das skifahrerische Können haben muss, ist logisch. Doch darüber hinaus gibt’s diese psychische Komponente. Diese Strecke, diesen Grenzgang zu bewältigen, das ist schon ein Auftrag.STOL: Wenn 110 Prozent nicht reichen – fordert man am Ende nicht doch zu viel? Immerhin verlangt der Veranstalter vom Athlet, mehr zu geben, als er eigentlich kann.Diese Frage müsste man einem Sportler stellen. Ich, von der Organisatoren-Seite, seh’s so: Was ist ein Sportler? Ein Sportler beginnt als Kind, mit 7, 8 Jahren. Er will besser werden. Er will etwas können, das er vorher nicht konnte. Diese Haltung zieht sich durch sein Leben, bis er 20, 25,30 Jahre alt ist. Und ich glaube, das ist auch ein Teil des Mythos Streif. Dass du den Athleten eine Herausforderung bietest, die sie eben nicht so mit links bewältigen. Die Streif lockt dir das Ultimative heraus, das du in deinem Sportler-Leben erreichst. Darum sagen auch viele Rennfahrer: „Okay, Olympia-Abfahrt, eine Weltmeisterschaft gewinnen ist das eine. Aber die Streif gewinnen, am Hahnenkamm-Rennen – wenn du das geschafft hast, dann kannst du sagen, ich war der Beste der Besten. Auf der ganzen Welt.“ Und das muss einem erst einmal gelingen. 20160118 Michael Huber Teil 2 Ganz oben: Für manche Sportler zählt der Sieg auf der Streif mehr als Olympia oder WM. STOL: Jemand, dem dieser eine Streif-Sieg fehlt, ist Bode Miller. Der US-Amerikaner fährt zum Teil nur noch aus diesem Grund. „Bode Miller konnte uns nicht bezwingen“ – eine bessere Werbung kann’s wohl nicht geben.Leider, leider macht Miller nun Pause, ob er weiterfährt, weiß man nicht. Mir tut das sehr leid. Bereits Marco Büchel konnte die Streif-Abfahrt nicht gewinnen, jetzt Bode Miller. Das nagt. Das hinterlässt eine Wunde, die ein Athlet in seinem Leben nie vergisst.STOL: Und wie wichtig, ist es eigentlich für einen Österreicher in Kitzbühel zu siegen?So wichtig wie für alle anderen auch.Interview: Petra Gasslitter