Freitag, 17. Juli 2020

„2021 und 2022 wird es nur eine teilweise Erholung geben“

Von ihren Umsatzzielen für 2020 mussten sich viele Betriebe bereits im Frühjahr verabschieden. Und das wohl auf längere Sicht. Bis sich Südtirol nämlich vollständig vom Corona-Schock erholt haben wird, dürfte es bis 2023 dauern. Das erklärt Handelskammer-Präsident Michl Ebner im „STOL“-Interview zur Lage der Südtiroler Wirtschaft.

Handelskammer-Präsident Michl Ebner schilderte im „STOL“-Interview  die Lage der Südtiroler Wirtschaft.
Badge Local
Handelskammer-Präsident Michl Ebner schilderte im „STOL“-Interview die Lage der Südtiroler Wirtschaft. - Foto: © Dlife/DF
STOL: Angebot und Nachfrage wurden durch die Folgen der Corona-Krise weitestgehend lahmgelegt. Welche Spuren hinterließ das Herunterfahren der Wirtschaft bei den Betrieben?

Michl Ebner: In Südtirol ist die Lage ähnlich dramatisch wie im restlichen Italien. Gemäß der neuesten Erhebung des Institutes für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen (WIFO) haben die Unternehmen im April im Schnitt mehr als 40 Prozent und im Mai fast 30 Prozent des Umsatzes verloren. 3 Viertel der Unternehmen glauben nicht, dass sie die massiven Rückgänge bis zum Jahresende aufholen können, zumal auch im Juni über 60 Prozent der Unternehmen eine weit geringere Nachfrage als vor der Krise aufwiesen. Die Unternehmen verzeichneten einen Umsatzrückgang von rund 4 Milliarden Euro im ersten Halbjahr.

STOL: Welche Branchen hat es besonders hart getroffen?


Ebner: Besonders betroffen sind der Tourismus und die Personenbeförderung mit einem Minus von 71 Prozent bzw. einem Minus von 54 Prozent im Mai. Aber auch die Weinkellereien, der Kfz-Handel, die Kfz-Reparatur und verschiedene Branchen des Groß- und Einzelhandels sowie des Verarbeitenden Gewerbes meldeten erhebliche Umsatzeinbußen. Auch bei der Erhebung des Konsumklimaindizes für den April wurde ein noch nie dagewesener Einbruch verzeichnet.

STOL: Zur Stützung des Konsums erwägt die Regierung eine Senkung der Mehrwertsteuer. Inwiefern könnte dies in der jetzigen Phase helfen, um den Konsum wieder anzukurbeln?

Ebner: Derzeit ist eine zeitlich befristete Reduzierung der Mehrwertsteuer für digitale Zahlungen bestimmter Güter oder bestimmter Sektoren wie Tourismus, Handwerk, Bekleidung und Automobilindustrie im Gespräch. Somit könnten jene Sektoren und Bevölkerungsgruppen unterstützt werden, die besonders stark von der Covid-19-Krise betroffen sind. Andere Länder machen dies vor: In Deutschland wird zunächst für die zweite Jahreshälfte 2020 der reguläre Mehrwertsteuer-Satz von 19 Prozent auf 16 Prozent sowie der ermäßigte Mehrwertsteuer-Satz von 7 Prozent auf 5 Prozent gesenkt. Auch in Österreich ist eine zeitlich befristete Reduzierung der Mehrwertsteuer für die Sektoren Gastronomie, Kultur und Medien beschlossen worden. Eine Senkung der Mehrwertsteuer würde vielleicht den Konsum ankurbeln, jedoch bestehen Zweifel, ob sich Italien eine Mehrwertsteuersenkung leisten kann. Eine Senkung des regulären Mehrwertsteuer-Satzes von 22 Prozent um einen Prozentpunkt kostet dem Staat Schätzungen zufolge in etwa zwischen 3,4 und 4,37 Milliarden.

STOL: Was tut die Handelskammer, um die heimische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen?

Ebner: Die Handelskammer Bozen hat insgesamt 6 Millionen Euro für Südtirols Unternehmen bereitgestellt. Die Gelder werden zum Beispiel für die Digitalisierung, die Internationalisierung und die Aufnahme von Praktikanten in den Betrieben eingesetzt. Für die Unterstützung der Ankurbelung der Wirtschaft werden sektorale Maßnahmen durchgeführt. Die Handelskammer unterstützt außerdem imagebildende Maßnahmen, um die Arbeitgebermarke der heimischen Unternehmen zu stärken.

STOL: Was sagen Sie zu den Maßnahmen des Landes?

Ebner: In der ersten Phase der Coronakrise war es sicherlich schwierig die geeigneten Maßnahmen zur Unterstützung der Bevölkerung und der Unternehmen zu treffen. Nun hat sich mittlerweile aber gezeigt, wer besonders von der Krise betroffen ist und nun müssen noch weitere Nachbesserungen gemacht werden. Wichtig ist, dass das Geld schneller bei den Betrieben ankommt. Es kann nicht sein, dass der Prozess zur Beantragung und Auszahlung der Hilfen so zeitintensiv und komplex ist.

STOL: In der Handelskammer Bozen gibt es eine Servicestelle für Unternehmen, die staatliche oder Landesbeiträge bzw. Kredite in Anspruch nehmen möchten ...


Ebner: Das stimmt. Bei unseren Beratungen haben wir auch gesehen, dass wegen der bürokratischen Hemmnisse nicht alle berechtigten Südtiroler Unternehmen für die Zuschüsse ansuchen werden. Die Beantragung der Hilfen ist zu komplex und müsste vereinfacht werden. Auch die Auszahlung der Hilfen dauert zu lange. Bis manche Unternehmen die Hilfen bekommen, ist die Situation für diese schon äußerst kritisch. In vielen anderen Ländern wie zum Beispiel Schweiz bekommen die Unternehmen innerhalb weniger Tage die beantragten Hilfen. Auch in Südtirol muss es möglich sein, dass die Betriebe schneller die dringend benötigten Beiträge bekommen.

STOL: Wie lange wird es Ihrer Einschätzung nach dauern, bis sich die Wirtschaft wieder vollständig erholt hat?


Ebner: Gemäß aktueller Wachstumsprognosen wird sich die Wirtschaft 2021 und 2022 nur zum Teil erholen, das heißt, mit einer vollständigen Erholung der Wirtschaft ist frühestens voraussichtlich 2023 zu rechnen. Aufgrund der derzeit noch geltenden Restriktionen, der Schwierigkeiten im internationalen Handel und Tourismus sowie der dauernd angekündigten latenten Gefahr eines neuerlichen Ausbruchs sowie der damit verbundenen Unsicherheit dürfte es vermutlich noch länger dauern.

Interview: Verena Stefenelli




vs