Donnerstag, 17. September 2015

"Düngen in Natura 2000-Gebieten ist ein Problem"

"Das Gülle-Verbot für Natura2000-Gebiete darf nicht gelockert werden". Das fordert die Vereinigung Südtiroler Biologen (VSB) und verweist darauf, "dass in Südtirol sehr wohl eine Düngeproblematik gibt, die von Teilen der Bauernschaft nicht als solche erkannt wird". Der Vorsitzende Martin Dejori prangert in diesem Zusammenhang das Problem der degradierten Wiesen durch die Entsorgung von Wirtschaftsdünger an.

Keine Gülle in Natura2000-Gebieten fordert die Vereinigung Südtiroler Biologen.
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Keine Gülle in Natura2000-Gebieten fordert die Vereinigung Südtiroler Biologen.

Die Vereinigung Südtiroler Biologen beanstandet in einem Schreiben, "dass von Seiten des Südtiroler Bauernbundes einige unsachliche, teils sogar unwahre Argumente ins Feld geführt wurden" und wolle daher einige Dinge klarstellen.

Nähstoffüberschuss durch Kraftfutter

"Moderne Kühe ernähren sich nicht nur vom Heu der Wiesen sondern im Wesentlichen auch von Kraftfutter (in der Regel Getreide- und Leguminosenmischungen)", beginnt Dejori seine Beschreibung zum Nährstoffüberschuss durch eine nicht geschlossene Kreislaufwirtschaft.

Will heißen: Ohne Kraftfutter können Hochleistungskühe ihren Nährstoff- und Futterbedarf nicht decken. Kraftfutter werde aber vornehmlich aus Gebieten außerhalb Südtirols importiert. Und durch diesen Rohstoffimport würden schlussendlich große Nährstoffmengen als Dünger ins landwirtschaftliche Grün gelangen.

In diesem Zusammenhang werde vonseiten des Bauernbundes (so z.B. in der Zeitschrift „Südtiroler Landwirt“) ein geschlossener Kreislauf angemahnt.

Degradierte Wiesen durch Entsorgung von Wirtschaftsdünger

"Ein geschlossener Kreislauf ist aber nur dann gegeben, wenn keine zusätzlichen Nährstoffe (v.a. Stickstoff) in Form von Futtermitteln von außen ins System gebracht werden bzw. wenn diese Nährstoffe in Form von Mist oder Gülle wieder zu den Produktionsstätten der Futtermittel zurückgeführt werden", beschreibt Dejori.

Beides sei in Südtirol nicht der Fall.

"Vielmehr ist zu beobachten, dass die anhaltende Intensivierung des Grünlandes vielfach schon ein Niveau erreicht hat, das für den Futterwert einer Wiese negativ ist", so der VSB-Vorsitzende.

In vielen Fällen werde auch offenbar, dass es gar nicht mehr um die (möglichst hohe) Produktion dieser Wiese gehe, sondern um die Entsorgung von anfallendem Wirtschaftsdünger (Gülle, Mist und Jauche). Folgen dieser Entwicklung seien ökologisch degradierte Wiesen. 

Noch mehr Spritzmittel gegen wucherndes Unkraut?

In Extremfällen müssten Wiesen sogar durch flächendeckenden Herbizideinsatz von „Unkräutern“ befreit werden, die anders als die eigentlichen Futterpflanzen den Nährstoffüberschuss ertragen und daher überhand nehmen.

"Besonders anfällig für die Degradation sind Wiesen, die mit Gülle gedüngt werden", berichtet Dejori. Gülle wirke eher wie ein mineralischer als wie ein organischer Dünger, d.h. die Nährstoffe sind schnell verfügbar und es profitieren in erster Linie schnell wachsende und meist großblättrige, im Futterbau eher problematische Pflanzenarten.

Auch seien Versalzungsvorgänge, u.a. durch das eingebrachte Kalium, eher zu beobachten. "Gerade die Zielarten und -lebensräume des europäischen Naturschutzprogrammes Natura2000 kommen durch diese Landwirtschaftspraxis in arge Bedrängnis", führt der Biologe aus.

Güllewirtschaft: eine Tradition?

Auch die Behauptung des Südtiroler Bauernbundes, es sei eine Jahrhunderte alte Tradition, „Gülle, Jauche und Mist auf den Berg“ zu bringen, sei richtig zu stellen. Zum einen sei Güllewirtschaft in Südtirol erst seit wenigen Jahrzehnten Praxis. Zum anderen sei der Transport von Jauche und Mist in Richtung Bergwiesen historisch ein zu vernachlässigender Faktor.

Forderung an die Landesregierung

Die Vereinigung Südtiroler Biologen fordert die Landesregierung daher auf die dargestellte Düngeproblematik in ihrer gesamten Tragweite zu erkennen und durch angemessene Maßnahmen Abhilfe zu schaffen. Zudem müsse die Problematik des Nährstoffüberschusses als Entsorgungsproblematik erkannt und angegangen werden – landesweit und unabhängig von Natura2000-Gebieten.

stol/ker

stol