<b>STOL: Die Daten des Amtes für Arbeitsmarktbeobachtung zeigen, dass tausende Südtiroler ihren unbefristeten Arbeitsvertrag freiwillig gekündigt haben. Warum gerade jetzt, wo Arbeitskräfte in allen Sektoren fieberhaft gesucht werden?</b><BR /><BR />Stefan Luther: Seit etwa einem Jahr stellen wir fest, dass es rund 30 Prozent häufiger vorkommt, dass Personen in Südtirol ihren unbefristeten Arbeitsvertrag freiwillig kündigen. Dabei gibt es allerdings Unterschiede je nach Branche: Es scheint, als ob Arbeiten, die eine hohe mentale Belastung mit sich bringen, von diesem Phänomen eher betroffen sind als Arbeiten, die vor allem durch körperliche Belastung geprägt sind. Eine stärkere psychische Belastung am Arbeitsplatz – so eine erste Interpretation der Daten – führt also eher zu Übermüdung oder dem Wunsch nach einer Auszeit. Als Folge gibt es mehr Personen, die eine Pause einlegen wollen oder sogar müssen. Teilweise kommt es während dieser Pause auch zu einer beruflichen Umorientierung. Von den Personen, die freiwillig kündigen, nimmt sich etwa ein Drittel eine längere Auszeit. 2 Drittel hingegen kehren innerhalb von 6 Monaten auf den Arbeitsmarkt zurück.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57230334_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Besonders begehrt sind am Arbeitsmarkt junge Menschen. Was erwartet sich die junge Genration von ihrer Arbeit?</b><BR /><BR />Luther: Eine der wichtigsten Quellen, um die Jgend zu verstehen, ist die Shell-Studie, die bereits seit den 1950er-Jahren Einstellungen, Werte, Gewohnheiten und Sozialverhalten von Jugendlichen ermittelt. Beim Lesen dieser Studie wird schnell klar, dass man nicht über die eine junge Generation reden kann, sondern dass diese von einer großen Vielfältigkeit geprägt ist. Früher konnte man die Jugend vielleicht noch in 2 große Gruppen und ganz wenige kleine Restgruppen einteilen: Die traditionsbewusste und die anti-traditionsbewusste Jugend. Heute spricht man eher davon, dass es mehrere unterschiedliche, aber gleichwertige Milieus gibt. Ein pauschales Urteil über „die Jugend“ ist demnach nicht angebracht. Wichtig ist zudem, darauf zu achten, dass Trends in eine bestimmte Richtung nicht automatisch bedeuten, dass bereits die Mehrheit so tickt: Die Sicherheit des Arbeitsplatzes war im Jahr 2016 für rund 70 Prozent der Südtiroler Jugendlichen wichtig. Heute sind es 10 Prozent weniger. Damit verliert die Sicherheit des Arbeitsplatzes zwar an Wichtigkeit, aber für die überwiegende Mehrheit von 60 Prozent der Jugendlichen spielt sie immer noch eine zentrale Rolle. Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Thema „Selbstverwirklichung bei der Arbeit“. Rund 50 Prozent der Jugendlichen sagen, es sei ihnen wichtig, etwas Sinnvolles zu machen, wo das Geld nicht an erster Stelle steht. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass für die andere Hälfte der Jugendlichen Selbstverwirklichung nicht an erster Stelle bei der Jobsuche ist. Die Studie zeigt auch, dass die Jugend sehr wohl sensibel für das Geldverdienen ist. Viel zu verdienen ist für 60 Prozent ein wichtiger Aspekt, den die Arbeit mit sich bringen soll. Flexible Arbeitszeiten spielen „nur“ für 42 Prozent eine Rolle, wichtiger ist der gute Verdienst. Wir müssen also aufpassen, dass diese Werte richtig gelesen werden und dass eine Werteveränderung nicht pauschal auf die gesamte Jugend geltend gemacht wird. Sonst verfallen wir in Fehlschlüssen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57230631_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Mitarbeitermangel ist das Wort der Stunde. Haben wir es hier mit einem akuten Problem zu tun oder mit einer Entwicklung, die sich schon lange angebahnt hat?</b><BR /><BR />Luther: Dass der Mitarbeitermangel kommen wird, wissen wir schon sehr lange. Im Jahr 2011 hat sich das Amt für Arbeitsmarktbeobachtung erstmals diesem Thema mit einer Tagung gewidmet. Es wurde ein Ausblick auf den Anfang der 2020er-Jahre bis ins Jahr 2040 gewagt. Die Situation, in der wir uns jetzt befinden, war bereits damals relativ gut prognostizierbar: Aktuell haben wir zwar einen Mitarbeitermangel, gleichzeitig gab es aber noch nie so viele Menschen in Südtirol, die eine Arbeit haben. Das bedeutet: Die Zahl der Beschäftigten in Südtirol geht nicht zurück – im Gegenteil: 2022 haben wir einen absoluten Rekord eingefahren. Trotzdem fehlen Mitarbeiter in den Betrieben, weil die Nachfrage nach Arbeitskräften noch höher ist, als das Angebot. Diese Kluft wird sich noch weiter öffnen: In den kommenden 10 Jahren werden uns pro Jahr etwa 3000 Arbeitskräfte abhandenkommen. Ab 2035 wird sich die Situation etwas beruhigen und mit 2040 erreichen wir ein neues Gleichgewicht. In den kommenden 10 Jahren müssen wir also mit rund 30.000 weniger Arbeitskräften auskommen, als wir eigentlich bräuchten. Damit stehen uns sehr anspruchsvolle Jahre bevor. Etwas kann man die Situation allerdings abfedern: Rund 15.000 Personen, die derzeit dem Arbeitsmarkt aus verschiedensten Gründen nicht zur Verfügung stehen, könnten und sollten aktiviert werden. Um auch die restlichen fehlenden 15.000 Arbeitskräfte abzufedern, wird es entweder zu einem Rückgang des Wohlstandes kommen oder wir schaffen es, produktiver zu werden. Vor allem arbeitsintensive Branchen werden sich anpassen müssen, weil Arbeitskraft knapper wird. Deshalb müssen Dienstleistungen und Produktionen effizienter gemacht werden, sonst werden sie zum Teil verschwinden.<BR /><BR /><b>STOL: Kommen also in Zukunft zu wenig neue Arbeitskräfte nach?</b><BR /><BR />Luther: Der Zuwachs an neuen Arbeitskräften ist in den kommenden Jahren relativ stabil. Wir wissen genau wie viele junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt kommen werden. Als Unbekannte kommt noch die Ein- und Auswanderung dazu. Das eigentliche Problem ist, dass in den kommenden Jahren sehr viel mehr Menschen in Rente gehen werden und damit den Mangel an Mitarbeitern verursachen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57230635_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Welche Rolle wird die Digitalisierung bei dieser Entwicklung einnehmen?</b><BR /><BR />Luther: Es ist gut und wichtig, dass wir dank der Digitalisierung in Zukunft viele Arbeitskräfte nicht mehr brauchen werden. Würde sie uns in diesem Wandel nicht helfen, wäre das Problem noch um einiges größer. Wohlstand ausschließlich mit arbeitsintensiver Leistung zu sichern, wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. <BR /><b><BR />STOL: Länder wie Deutschland haben die Zeichen der Zeit erkannt und versuchen massiv ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen – unter anderem durch Ausbildungsangebote in deutscher Sprache im Heimatland. Wird Südtirol in Zukunft auch stärker auf Arbeitskraft aus dem Ausland angewiesen sein?</b><BR /><BR />Luther: In bestimmten Bereichen sind wir bereits heute massiv von ausländischen Arbeitskräften abhängig. Der aktuelle Beschäftigungsrekord ist zu 70 bis 80 Prozent auf Personen zurückzuführen, die nicht aus Südtirol stammen. Zum Beispiel gab es im Gastgewerbe noch nie so viele Mitarbeiter aus anderen Regionen Italiens wie im Jahr 2022. Auch bei der Pflege in der Familie ist Südtirol auf Arbeitskräfte aus dem Ausland – vor allem Rumänien – angewiesen. Deutschland hat eine gezielte Einwanderung - vor allem für Branchen wie der Pflege - und bietet in den Herkunftsländern Sprachkurse an, damit die Menschen bereits mit einem bestimmten Sprachniveau ins Land kommen. Zu meinen, dass wir als kleines Südtirol ähnlich aktiv werden können, ist vermessen. Wir haben zwar bestimmte Möglichkeiten, um Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land zu holen, diese sind aber deutlich begrenzt, unter anderem auch weil das Land in diesem Bereich keine gesetzgeberische Zuständigkeit hat.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57230639_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Hätten wir uns besser auf das Problem Arbeitskräftemangel vorbereiten können?</b><BR /><BR />Luther: Negative Prognosen machen zwar Angst, werden aber wohl auch gerade deshalb gerne verdrängt. Wer verändert schon gern heute etwas, um negative Folgen in 20 Jahren abzuwenden? Im Vordergrund stehen die Tagesprobleme und die großen Probleme schieben wir vor uns her und verschließen die Augen vor ihnen. Vor allem weil ihre Bewältigung mit unangenehmen Maßnahmen verbunden wäre: Die Pensionsreformen sind ein Beispiel. Wir steuern auf eine sehr große Gruppe von Personen zu, die nach dem Renteneintritt von verhältnismäßig immer weniger Erwerbstätigen erhalten werden muss. Diese Schieflage reißt Löcher in den Pensionskassen und im Gesundheitswesen auf. Ein einfaches Konzept für diese komplexe Thematik gibt es leider nicht.<BR /><BR /><b>STOL: Vor welche riesigen Herausforderungen uns der Klimawandel stellen wird, ist ebenfalls schon lange bekannt. Unternommen wurde bisher zu wenig. Droht uns dasselbe beim demographischen Wandel?</b><BR /><BR />Luther: Der demographische Wandel lässt sich nicht aufhalten und er wird unsere gesamte strukturelle Verteilung, wie wir sie gewohnt sind, verändern. In 20 Jahren ist diese Entwicklung bereits passiert, dann sehen wir deren Auswirkung. Wenn wir jetzt gegensteuern, können wir die Maßnahmen, die wir heute ergreifen, also erst in 20 Jahren evaluieren. Das ist zum Beispiel viel länger als die Dauer einer politischen Legislaturperiode und was nicht innerhalb einer politischen Legislaturperiode messbar ist, läuft Gefahr, eher nicht in Angriff genommen zu werden. Klimakrise und der demographische Wandel sind beides Herausforderungen, die uns noch sehr lange beschäftigen werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57230643_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Wie blicken Sie auf die kommenden 10 bis 20 Jahre?</b><BR /><BR />Luther: Wir sollten nicht in Angst erstarren. Der Blick in die Vergangenheit kann uns Mut machen: Es hat sehr viele Umwälzungen und Krisen in der Geschichte gegeben. Irgendwie hat die Menschheit aber aus jeder Krise einen Ausweg gefunden; wenn auch diese Veränderungen mitunter sehr schmerzhaft und für Einzelne fatal sein konnten. Für unsere Gesellschaft – wir sprechen von Europa – werden wir uns an ein neues Gleichgewicht gewöhnen müssen, das uns von den bevorstehenden Veränderungen aufgezwungen wird, ob wir wollen oder nicht. Wir werden dann eine neue Situation haben, die wir uns heute nicht genau vorstellen können. Für nachkommende Generationen wird diese zur neuen Normalität werden und – wer weiß – sie werden auf uns zurückschauen und sich fragen: „Wie konnten die Menschen im Jahr 2022 bloß so leben?“ Trotz aller Herausforderungen bin ich optimistisch.<BR /><BR />