Scheitert die Zugverbindung zwischen dem Vinschgau und dem Kanton Graubünden am mangelnden Interesse der Schweiz? Regierungspräsident Mario Cavigelli widerspricht. <BR /><BR /><BR /><i>Von Burgi Pardatscher Abart</i><b><BR /><BR />Seit vielen Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten wird über eine Anbindung der Bahnlinie Meran – Mals an die Rhätische Bahn gesprochen. Bisher ist dieses Vorhaben auf schweizerischer Seite aber auf begrenztes Interesse gestoßen. Hat sich daran etwas geändert?<BR /></b>Mario Cavigelli: Ich teile die Auffassung nicht, dass der Kanton Graubünden nur ein begrenztes Interesse an dieser Verbindung gehabt haben soll. Auch nicht in letzter Zeit – im Gegenteil. Der Kanton Graubünden ist vor rund 10 Jahren mit einer ersten vertieften Abklärung in die Vorleistung gegangen und hat die Erkenntnisse aus dieser Abklärung auch Dritten, darunter dem Land Südtirol, zur Verfügung gestellt. Wir sind interessiert an einer solchen Verbindung. Wir sehen sehr wohl einen Nutzen, und zwar für beide Seiten, für Südtirol und für Graubünden.<BR /><BR /><BR /><b>2019 haben sie festgestellt, dass für dieses Projekt ausschlaggebend sei, dass 75 Prozent der Bahninfrastruktur vom Ausland bezahlt werden muss. Sehen Sie das heute auch noch so?</b><BR />Cavigelli: Die Frage ist falsch gestellt. Von Seiten Südtirols ist gegenüber einer bedeutenden schweizerischen Tageszeitung vor nicht allzu langer Zeit signalisiert worden, es bestünde Aussicht, dass die italienische Seite, auch mit Unterstützung durch Mittel der Europäischen Union, einen erheblichen Teil der Investitionskosten mitfinanziere. Es ist wohl selbstverständlich, dass bei solch großen grenzüberschreitenden Projekten eine gemeinsame Finanzierung gesucht und auch verbindlich gefunden wird. Die Höhe der Mitfinanzierungsquote von 75 Prozent ist nicht durch uns ins Spiel gebracht worden und uns im nachbarschaftlichen Austausch von Seiten der zuständigen italienischen Behörde im Übrigen bis heute weder je bestätigt noch auch nur amtlich erwähnt worden.<BR /><div class="img-embed"><embed id="628586_image" /></div> <BR /><b>In der Antwort auf eine Anfrage der Großrätin Valerie Favre Accola schreiben sie, dass das Projekt einer Verbindung zwischen dem Vinschgau und dem Engadin im strategischen Entwicklungsprogramm (STEP) das Schweizer Bahnnetz für 2035 nicht enthalten ist. Es wird also frühestens in 15 Jahren zum Bau dieser Bahnverbindung kommen? Warum zieht das Ganze so lange hin?</b><BR />Cavigelli: Dazu muss man den politischen Prozess für den Bau von Bahninfrastrukturen in der Schweiz kennen und muss wissen, dass die Aufnahme in das STEP 2035 bedeutet, dass ein Projekt grundsätzlich bis ins Jahr 2035 in allen Teilen geplant und mit dem Bau bereits begonnen werden soll. Dieser Zeithorizont lässt sich für ein so umfassend großes, binationales Infrastrukturprojekt ab heute nicht erreichen. Der schnellstmöglich wirkende Anstoß kann derzeit also erst für das nächste STEP erfolgen. Es läuft in der Schweiz so ab: Der Bund stößt die Planung in 5-Jahres-Programmen an. Jeder Kanton kann dabei Projekte eingeben, die in einem ersten Schritt in sogenannten Planungsregionen unter den Kantonen dieser Planungsregion bereinigt werden. Graubünden gehört zur Planungsregion Ost, die das Staatsgebiet der gesamten Ostschweiz mit insgesamt 7 Kantonen umfasst. Nach dieser Bereinigung werden die Projekte der Planungsregion zuhanden des Bundes eingegeben. In einem zweiten Schritt bereinigt dann der Bund die eingegebenen Vorhaben zuerst aus fachlicher Sicht nochmals, bevor anschließend der politische Prozess auf Bundesebene beginnt. Ein großes Infrastrukturprojekt hat also mehrere kantonale, regionale und nationale Hürden in einem nationalen Wettbewerb von Ausbauprojekten zu nehmen. In der Schweiz wird der politische Wettbewerb um öffentliche Mittel für den Ausbau der Infrastrukturen für den öffentlichen Verkehr sehr intensiv geführt, berücksichtigt regionale Aspekte allerdings immer auch mit. <BR /><div class="img-embed"><embed id="628589_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie schreiben weiter, dass die Bündner Kantonalregierung bis Dezember 2022 ein Angebotskonzept für den STEP 2040/45 abgeben wird. Können Sie dazu schon etwas Konkretes verraten?<BR /></b>Cavigelli: Wir haben nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung unter den 4 Regionen im Rätischen Dreieck – nämlich Tirol, Südtirol, Lombardei und Graubünden – im letzten Herbst in Graun zusammen mit den anderen Partnern eine technische Arbeitsgruppe eingesetzt. Sie soll als erstes die technischen Rahmenbedingungen abklären, damit die politische Vision zur Vernetzung und besseren Erschließung des Rätischen Dreiecks mit öffentlichem Verkehr ein gesichertes und breit abgestütztes Fundament bekommt. Diese Abklärungen sind eine bedeutende Grundlage für das Projekt im STEP 2040/45, das wir mit Blick auf die Bahnlinie Scuol – Mals schweizseitig so weit wie möglich autonom und ohne Verzug voranbringen wollen. Wir reichen das Angebotskonzept zuhanden der Planungsregion der Ostschweizer Kantone daher zum erstmöglichen Termin ein. Die Einreichefrist dauert bis Dezember 2022.<BR /><BR /><b>Seit einigen Monaten gibt es starke Bestrebungen für den Bau einer Bahnlinie Landeck – Mals. Wie stehen Sie zu diesen Plänen und wie würden sie sich auf eine mögliche Bahnverbindung Vinschgau – Graubünden auswirken?<BR /></b>Cavigelli: Diese beiden Bahnlinien – es gibt noch weitere – zeigen das lebendige Grundbedürfnis, das Rätische Dreieck besser mit dem öffentlichen Verkehr zu erschließen. Wenn nur die Bahnlinie Landeck - Mals realisiert würde, dann würde es meiner Meinung schwierig für die Bahnverbindung vom Unterengadin in den Vinschgau. Die Maximalvariante wäre im Norden eine Anbindung an den Großraum München mit einer Verbindung über den Fernpass und dann müsste man übereinkommen, dass die Linienführung entweder via Scuol in den Vinschgau oder eben via Reschenpass in den Vinschgau führt. Das wäre technisch gewiss herausfordernd, würde durch 3 Länder führen und bräuchte aufgrund der Dimension der Projekte sehr bedeutend hohe Finanzmittel. Die angestrebte Lösung muss letztlich in jedem Fall in Partnerschaft gemeinsam getragen werden. Graubünden ist in die Absichtserklärung von Graun vom letzten Herbst eingebunden und spielt dabei einen aktiven Part. <BR /><BR /><embed id="dtext86-48471379_quote" /><BR /><BR /><b>Worin sehen Sie das Potential einer Bahnverbindung zwischen dem Vinschgau und Graubünden?<BR /></b>Cavigelli: Diese Bahnlinie bringt schnellere und sichere Verbindungen für Pendlerinnen und Pendler und Touristinnen und Touristen im grenzüberquerenden Verkehr. Dieser Vorteil liegt klar auf der Hand. Sie wird es namentlich zudem ermöglichen, touristische Attraktionen dieser Regionen wie die UNESCO-Welterbe-Stätten mit dem öffentlichen Verkehr zu verbinden, und somit international einen touristischen Leuchtturm setzen. Eine Chance liegt schließlich darin, dass sich die Anrainer der Bahnlinie grenzüberschreitend ihrer Zusammengehörigkeit und des Potenzials für eine weiter zu entwickelnde Zusammenarbeit noch stärker bewusst werden.<BR /><BR /><b>Bis wann wird aus Ihrer Sicht ein Zug zwischen Mals und Scuol verkehren?<BR /></b>Cavigelli: Ich bin kein Prophet, ich kann nur versichern, dass sich der Kanton Graubünden – wie wir es im Herbst bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung in Graun abgemacht haben – für dieses Projekt stark engagieren wird.<BR /><BR />