<b>STOL: Der Zenit der Inflation scheint überschritten zu sein: Ein schwacher Trost?</b><BR />Tony Tschentt: Ich hoffe, dass die Inflation weiter zurückgeht. Wir alle spüren die <a href="https://www.stol.it/artikel/wirtschaft/suedtiroler-stoehnen-unter-teuerung" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Teuerung</a> enorm – besonders bei den Preisen für Heizung und Lebensmittel. Auch die Mieten sind gestiegen. Leute, die einen Kredit mit variablem Zinssatz zurückzahlen müssen, haben ebenfalls große Mehrkosten. Die Kaufkraft ist enorm gesunken. Das war schon in den vergangenen Jahren so, in diesem noch mehr. Dazu kommt aus Sicht der Arbeitnehmer und Rentner: Bei Löhnen und Renten ist nichts bzw. viel zu wenig passiert. Es braucht jetzt dringend eine Erhöhung. In Deutschland und Österreich sind die Löhne gestiegen. Bei uns nur zum Teil, in großen Bereichen gar nicht.<BR /><BR /><b>STOL: Warum ist das so?</b><BR />Tschenett: Man hört immer wieder vonseiten der Arbeitgeber, dass auch sie die Teuerungen spüren – etwa beim Strom. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Sie können diese Erhöhungen an die Kunden weitergeben. Kunden – das sind wir alle. Und unsere Löhne bleiben dieselben. Es kann jetzt keine Ausreden mehr geben: Wenn nichts passiert, wird auch das Konsumverhalten zurückgehen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59255804_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Ein Blick auf brechend volle Restaurants könnte einen annehmen lassen, so schlecht steht es um die Südtiroler Konsumenten noch nicht.</b><BR />Tschenett: In bestimmten Bereichen ist der Privatkonsum schon zurückgegangen. Es gibt Familien, die nur mehr daheim bleiben, weil sie sich nichts mehr leisten können, für die kein Urlaub mehr drin ist. Natürlich gibt es nach der langen Covid-Zeit bei vielen auch das Bedürfnis, sich wieder frei in der Gesellschaft zu bewegen, etwas zu unternehmen und zu konsumieren. Die Südtiroler sind fleißig und haben auch etwas gespart, von dem sie jetzt zehren. Manche verhandeln auch mit ihrem Arbeitgeber und bekommen vielleicht eine individuelle Erhöhung. Die Leute sagen, man lebt nur einmal. Aber bei vielen stelle ich mir die Frage, wie sie das tun, wie sie mit ihrem Lohn über die Runde kommen. <BR /><BR /><b>STOL: Sie glauben, vielen ist gar nicht klar, welche Kosten demnächst noch auf sie zukommen?</b><BR />Tschenett: Die Rechnung kommt erst. Bald sind die Kondominiumspesen fällig. Das ist vielen nicht bewusst. Auch die Mieten ziehen an… Es gibt sicher Menschen, die in Saus und Braus leben, aber der Großteil hat sich zurückgezogen. Vielleicht gehen sie ein- oder zweimal Pizzaessen, aber dann ist Schluss. Auch in den Lebensmittelgeschäften kann man das beobachten: Am Anfang des Monats machen die Leute einen Großeinkauf, danach schaut es mager aus. Die Leute schauen ins Ausland und fragen sich: Warum geschieht bei uns so wenig? Die Wintersaison war enorm gut, wir haben einen riesigen Landeshaushalt: Warum kommt bei den Arbeitnehmern nichts an?<BR /><BR /><embed id="dtext86-59255806_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Woran liegt’s?</b><BR />Tschenett: Es wird die Ausrede bemüht, man müsse abwarten, was bei staatlichen Kollektivverträgen passiert. Aber wenn man sich die anschaut: Der Kollektivvertrag Handel etwa ist schon 2019 verfallen. Jetzt gibt es einen Übergangsvertrag, eine einmalige Zahlung von 400 oder 500 Euro, ab 1. April eine Erhöhung von 40 Euro brutto. Der neue Kollektivvertrag Grafik/Industrie sieht 90 Euro brutto mehr für die nächsten 3 Jahre vor. Das ist lächerlich. Südtirol sollte das selber in die Hand nehmen, angesichts der Möglichkeiten, die wir im Land haben.<BR /><BR /><b>STOL: Viele Betriebe bieten ihren Mitarbeitern statt einer Lohnerhöhung Welfare-Leistungen an. Was sagen Sie dazu?</b><BR /> Tschenett: Welfare ist in Ordnung, aber die Leute brauchen monatlich mehr in der Tasche. Davon wird schließlich in die Rentenkasse eingezahlt. Parallel zu den neuen Gesundheitsfonds sind die Tarife beim Zahnarzt gestiegen. Es heißt: Du kriegst das ja rückvergütet. Wir Konsumenten zahlen mehr. Das sieht man überall. Das Geld fehlt uns dann morgen bei der Pension – besonders, da sie nach dem beitragsbezogenen System berechnet wird, ist es wichtig, beim Lohn etwas zu unternehmen.<BR /><BR /><b>STOL: Im Raum steht der Vorschlag der Gewerkschaften, ein sektorenübergreifendes Landes-Lohnelement einzuführen. Was würde das bringen?</b><BR />Tschenett: Man müsste die Kollektivverträge um 100 Euro oder 150 Euro erhöhen. Die Unternehmen haben gut gearbeitet. Es gibt keine Ausrede mehr: Ein Teil muss an die Mitarbeiter weiteregeben werden. Im öffentlichen Dienst hat das Land alle Möglichkeiten. Man darf die Leute nicht mit einer Una-Tantum-Zahlung vertrösten. Wenn der Betrag auch interessant sein mag – er ist einmalig. Mittel- und langfristig zahlen die Arbeitnehmer damit drauf. Und dann wundern wir uns, wenn die Renten an Kaufkraft verlieren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59255807_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Gegen Lohnerhöhungen in Inflationszeiten spricht die Sorge, die Preisspirale dadurch noch zu beschleunigen. Aber jetzt ist diese Gefahr gebannt?</b><BR />Tschenett: Das Argument lasse ich sonst auch nicht gelten. Ich meine: Was tun sie im Ausland? Immer nur Ausreden suchen – das geht nicht. Unsere Löhne sind wesentlich niedriger als jene in Österreich und Deutschland. Von der Wirtschaft heißt es immer: „Wir zahlen ohnehin schon freiwillig mehr.“ Das mag für einige gelten, aber es gibt viele Südtiroler, die mit den Löhnen entsprechend der staatlichen Kollektivverträge leben müssen. Das ist zu wenig Geld. Wir müssen Lohnanpassung machen. Auch Caritas und Vinzenzgemeinschaft warnen davor, dass die Armut in Südtirol zunimmt. Das ist ein Fakt.<BR /><BR /><b>STOL: Bis sich die Preise wieder auf einem normalen Niveau einpendeln – das könnte dauern. Und bis dahin?</b><BR />Tschenett: Darauf können wir nicht warten. Bestimmte Preise werden nicht mehr sinken. Außerdem: Warum ist bei uns alles teurer als in Italien? Nicht nur der Kaffee: Statt einem Euro zahlen wir 1,50 oder 1,80 Euro. Benzin ist bei uns teurer als überall sonst. Warum das Brot in Südtirol teurer ist, muss man mir auch erst erklären. Das versteht keiner mehr. Mit Ausreden lassen sich die Leute nicht mehr abspeisen. Südtirol muss sich selbst in die Pflicht nehmen und nicht auf eine Steuerreform des Staates warten. Woher soll der Staat das Geld dafür nehmen? <BR /><BR /><embed id="dtext86-59255808_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Sie glauben also, viel kann man von der Steuerreform nicht erwarten?</b><BR />Tschenett: Es heißt, es brauche mehr Netto vom Brutto. Aber wir dürfen nicht glauben, dass da dann 100 oder 150 Euro mehr bleiben – eher 10 oder 15. Dafür hat der Staat nicht das Geld. Riesige Manöver wird es nicht geben. Aber wenn man sich anschaut, welche Boni Rom gewährt – das können sie sich echt sparen: Zum Beispiel konnte man innerhalb März ansuchen, 9,70 Euro von den Kollaudo-Spesen rückvergütet zu bekommen. Der bürokratische Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Außerdem: Man kriegt nicht einmal mit, dass es das überhaupt gibt. Die Devise sollte sein: Entbürokratisieren und jene unterstützen, die es wirklich brauchen. Sonst werden die Leute auf die Straße gehen – so geht es jedenfalls nicht weiter.<BR /><BR /><b>STOL: Ende April stehen Treffen mit den Arbeitgeberverbänden an. Was erwarten Sie sich davon?</b><BR />Tschenett: Ich habe klipp und klar gesagt, es gibt keine Ausreden mehr. Es braucht ein positives Zeichen, sonst werden wir Versammlungen einberufen und – wie die Gewerkschaften in Österreich und Deutschland – zu Protestkundgebungen aufrufen.<BR /><BR /><b>STOL: Wird das nötig sein?</b><BR />Tschenett: Ich habe gehört, dass die Betriebe bereit sind, neue Betriebsabkommen abzuschließen. Auch solche, die bisher keine hatten oder zu schlechte. Sie sehen die Notwendigkeit selbst. Bedenken hat es vonseiten kleiner Betriebe gegeben: Aber ich glaube, nun hat auch die Wirtschaft verstanden, dass man etwas beim Lohn tun muss. Die Teuerung spüren wir alle. Wie es konkret ausschauen wird, wissen wir am 27. April.<BR /><BR />