Stellen Sie sich vor, Sie besuchen eine Sportgala, die den Erfolgen von professionellen Athleten gewidmet ist. Überall sehen Sie Trophäen, Fotos und Highlights von Sportlern, die nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen haben. Was Ihnen jedoch verborgen bleibt, sind die Geschichten der unzähligen Athleten, deren Sportkarrieren frühzeitig endeten, sei es durch Verletzungen, unzureichende finanzielle Unterstützung oder einfach, weil sie es nicht an die Spitze geschafft haben. <BR /><BR />Diese fehlende Darstellung der gescheiterten Sportkarrieren ist ein Beispiel für die sogenannte Überlebenden-Verzerrung: Es entsteht nämlich ein verzerrtes Bild vom Weg zum Erfolg, das nicht die vollständigen Herausforderungen und Hürden widerspiegelt, mit denen Sportler konfrontiert sind. Dies wiederum führt zu einer möglicherweise fehlerhaften Einschätzung der Erfolgschancen in dieser hart umkämpften Welt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="986866_image" /></div> <BR /><BR />Bei der Überlebenden-Verzerrung handelt es sich um einen psychologischen Denkfehler: Menschen neigen dazu, ihre Schlussfolgerungen und Entscheidungen auf der Grundlage von erfolgreichen Personen oder Unternehmen zu treffen. Jene, die gescheitert sind, werden häufig ignoriert.<h3> Anleger werden zu falschen Investitionen verleitet</h3>Auch bei Investitionsentscheidungen ist das Phänomen zu beobachten, insbesondere im Kontext von Investmentfonds. Wenn ein Kunde von seinem Bankberater eine Liste von möglichen Fonds erhält und deren Entwicklung vergleicht, gibt es normalerweise nur Beispiele mit einer guten oder sehr guten Rendite. Auch wenn man selbst online nach Alternativen sucht, findet man vorwiegend erfolgreiche Anlageoptionen. <BR /><BR />Warum? Fonds, die schlecht performt haben oder aufgelöst wurden, sind in den aktuellen Angeboten und Statistiken nicht mehr sichtbar. Dies kann zu einer verzerrten Wahrnehmung des tatsächlichen Risikos und Potenzials von Investitionen führen. Anleger könnten fälschlicherweise annehmen, dass die Erfolgsraten bei Investmentfonds generell hoch sind, während sie das Risiko unterschätzen, das mit solchen Investitionen verbunden ist.<BR /><BR />Diese selektive Wahrnehmung blendet die Realität aus, dass viele Fonds scheitern oder nicht die erwarteten Renditen erzielen, und kann zu übereilten oder uninformierten Investitionsentscheidungen führen.<h3> Jungunternehmer orientieren sich zu sehr an Erfolgsstrategien</h3>Ganz ähnlich ergeht es vielen Firmengründern und Jungunternehmern. Oftmals blicken sie auf die Marktführer und deren Weg an die Spitze. Sie denken, wenn sie nur deren Strategien folgen, könnten sie einen ähnlichen Durchbruch erzielen. Diese Haltung wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass im Internet mehr Erfolgsgeschichten von Unternehmen zu finden sind als Erzählungen über Misserfolge. <BR /><BR />Der Grund: Spitzenunternehmen haben die Mittel und die Motivation, ihre Erfolgsgeschichten zu verbreiten, während die Websites von erfolglosen Firmen oft verschwinden und deren Scheitern in Vergessenheit gerät. Auch an Schulen, Universitäten und in Workshops werden überwiegend Fallstudien von Apple, Tesla, Amazon und Co. besprochen, was zu einer einseitigen Sichtweise führt und Menschen dazu verleiten kann zu glauben, dass Erfolg die Regel und Misserfolg die Ausnahme ist.<BR /><BR />Aus diesen Gründen ist es wichtig, auch und vielleicht besonders Misserfolge zu betrachten, davon zu lernen und zu ergründen, was Rückschläge oder Niederlagen auslöst. Dies ist besonders aufschlussreich, da oft wertvolle Einblicke in Risikofaktoren, Fehlentscheidungen und unvorhersehbare Marktveränderungen möglich sind, was wiederum eine realistische Einschätzung von Geschäftsmodellen und Strategien ermöglicht.<h3> Aufschlussreiches Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg</h3>Wie das geht, zeigt ein Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg: Militäranalytiker untersuchten die Bomber, die von Einsätzen zurückkehrten, um herauszufinden, welche Teile der Flugzeuge zusätzlich verstärkt werden sollten. Sie bemerkten, dass bestimmte Bereiche der zurückgekehrten Flugzeuge deutlich mehr Einschusslöcher aufwiesen. Die initiale Annahme war, diese Bereiche zu verstärken, da sie scheinbar am stärksten getroffen wurden. <BR /><BR />Ein Statistiker wies jedoch darauf hin, dass die Analyse einen entscheidenden Fehler aufwies: Sie berücksichtigte nicht die Flugzeuge, die abgeschossen wurden und nie zurückkehrten. Die Einschusslöcher in den zurückgekehrten Flugzeugen zeigten nicht die Schwachstellen, sondern vielmehr die robusten Bereiche, die Treffer überstehen konnten. Die wirklich kritischen Schwachstellen waren an den Flugzeugen, die abgeschossen wurden und deshalb nicht untersucht werden konnten. <BR /><BR />Die richtige Entscheidung war also, die Stellen zu verstärken, die bei den zurückgekehrten Flugzeugen keine Treffer aufwiesen, denn diese Bereiche waren die wahren Schwachpunkte. Wenn diese Teile getroffen worden wären, hätten die Flieger wahrscheinlich nicht überlebt und wären somit auch nicht zur Analyse zurückgekehrt. Die Berücksichtigung der fehlenden Daten – also der Flugzeuge, die abgeschossen wurden – war entscheidend, um ein vollständigeres und realistischeres Bild der tatsächlichen Schwachstellen zu erhalten. <BR /><BR />Diese Erkenntnis zeigt, wie wichtig es ist, die Überlebenden-Verzerrung zu erkennen und zu überwinden, um fundierte Entscheidungen zu treffen.<BR /><BR /><i><h3> Zum Autor</h3>Thomas Aichner ist wissenschaftlicher Leiter der Südtirol Business School.</i><BR />