Mit dem Mut eines Löwen absolvierte Alidad Shiri in Südtirol Schule, Matura und Studium in Trient. Auf s+ erinnert er sich an seine unglaublich dramatische Flucht aus Afghanistan, er erzählt von hilfsbereiten Menschen, seiner neuen Familie und warum er sich jetzt für Flüchtlinge engagiert. <BR /><BR /><b>Herr Shiri, die ersten 9 Jahre ihres Lebens war die Stadt Ghazni, 140 Kilometer von Kabul entfernt, Ihr Zuhause. Wie war Ihre Kindheit?</b><BR />Alidad Shiri: Mein Vater war Jurist, beim Militär, Kopf der Wahdat-Partei und eine Art Gouverneur der Stadt. Ich hatte 2 Schwestern und einen Bruder, besuchte die öffentliche Schule und – weil diese wegen der Kälte im Winter geschlossen hatte – auch die Koranschule.<BR /><BR /><b>Wie muss man sich die normale Schule vorstellen?</b><BR />Shiri: Bis wir ein Zelt der UNICEF bekommen haben, war das Klassenzimmer im Freien unter einem Baum, die Schiefertafel an den Baum gelehnt und der Lehrer besaß als einziger einen Stuhl. Anfangs waren wir unter dem Baum 34 Schulkinder, danach im Zelt 44. Ich hatte eine glückliche Kindheit, wir waren eine wohlhabende Familie.<BR /><BR /><b>Was passierte dann?</b><BR />Shiri: Im Sommer 1999 kam mein Vater bei einem Attentat ums Leben. Vater war alles für mich. Er wollte nicht, dass ich ein Faulpelz werde, sondern dass ich lerne, mutig bin und anderen helfe. Nur 6 Monate später starben meine Mutter, meine Oma und meine 6 Jahre alte Schwester, als unser Haus beschossen wurde. Mein Bruder, meine Schwester und ich entkamen, weil wir zu einer Geburtstagsfeier eingeladen waren.<BR /><BR /><b>8 Jahre alt, ohne Vater, ohne Mutter. Welche Erinnerungen haben Sie daran?</b><BR />Shiri: Ich habe geweint, nicht mehr geredet, wollte nicht mehr spielen, nicht mehr aus dem Haus gehen. Ich habe aufgehört, Träume zu haben. Meine Tante meinte, das Leben gehe weiter, ich sei nicht das einzige Kind, das die Eltern verloren hätte. Ich verstand die Welt nicht mehr. 2000 mussten wir wegen der Taliban mit unserer Tante nach Pakistan flüchten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55620830_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wie war’s in Pakistan?</b><BR />Shiri: Es war schwierig, ich ging zur Schule und half meinem Onkel. Aber auch dort waren wir laut meiner Tante nicht sicher. Also sagte sie zu mir, ich war 12: Du musst gehen. Anfangs dachte ich nur, wie kann mich meine Tante so im Stich lassen. Erst später habe ich verstanden, dass es die einzige Möglichkeit war, mich zu beschützen. Sie kannte einen Schleuser, der mich 2003 in den Iran brachte. Ich war 23 Tage unterwegs, viel zu Fuß, oft ohne Essen, ohne Wasser, voller Läuse und Flöhe.<BR /><BR /><b>Wie kamen Sie im Iran über die Runden?</b><BR />Shiri: Ein Freund unserer Familie besaß dort eine Fabrik, die Metallteile für Eisschränke herstellte. Dort arbeitete ich als 12-Jähriger von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens. Ich versuchte mich unsichtbar zu machen, weil ich ja keine Dokumente hatte. Ich durfte zu keinem Arzt, weil immer die Gefahr bestand, angezeigt zu werden. Wurde ich von einem Polizisten angehalten, musste ich ihn bestechen. In diesen 2 Jahren in der Fabrik verdiente ich nicht schlecht.<BR /><BR /><b>Trotzdem wollten Sie weg?</b><BR />Shiri: Wieder war es meine Tante, die mich zum Gehen überredete. Ein Zurück nach Afghanistan war wegen der Feinde meines Vaters unmöglich und im Iran riskierte ich, aufgegriffen und nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Also suchte ich in Teheran das Büro eines Schleppers auf. Ich zahlte 900 Dollar und mit weiteren 7 afghanischen Buben wurde ich – wieder ohne Essen und Trinken zur türkischen Grenze gebracht. Die Schlepper sind menschenverachtend – sie interessiert nur das Geld. In den Bergen nahe der Grenze wurden wir uns selbst überlassen. Sie sagten uns, dass wir uns vor Licht und Häusern fernhalten sollten. Aber weil meine Füße bluteten, die Sohlen meiner Schuhe waren durchgetreten, und ich Angst hatte zu sterben, bin ich alleine hinunter auf eine Straße. Dort knurrten mich zunächst Hunde an, bis 2 Soldaten auftauchten. Aber anstatt mich zur Grenze zurückzuschicken, gaben sie mir zu trinken. Ich dachte, ich träume.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="800915_image" /></div> <BR /><BR /><b>Schließlich gelang es Ihnen im Februar 2005, sich bis nach Istanbul durchzuschlagen. Wie kamen Sie nach Griechenland?</b><BR />Shiri: Da gab’s 3 Möglichkeiten: 500 Dollar, um zu fünft in einem Schlauchboot hinübergebracht zu werden, 1500 Dollar um mit 15 weiteren Personen in einem etwas größeren Boot transportiert zu werden und 3500 Dollar um mit einem größeren Schiff und weiteren 44 Leuten nach Griechenland gebracht zu werden. Ich entschied mich für die letztere Variante, auch weil ich nicht schwimmen konnte. Mittlerweile habe ich es gelernt.<BR /><BR /><b>Hatten Sie so viel Geld?</b><BR />Shiri: Nein, das Geld wurde immer von einem Freund von mir von Teheran aus überwiesen. <BR /><BR /><b>Wie war die Überfahrt?</b><BR />Shiri: Wir wurden zu 44 in einen Transporter gepfercht und nach Izmir gebracht. Irgendwo hat man uns hinausgeworfen. Durstig mussten wir den langen Weg zum Strand alleine fortsetzen. 2 afrikanische Frauen, 7 Pakistaner und 3 Bangladeschi blieben zurück, weil sie keine Kraft mehr hatten. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Das belastet mich heute noch.<BR /><BR /><b>Wie lange blieben Sie in Griechenland?</b><BR />Shiri: Etwa 3 Monate. Mit Tomaten-Pflücken habe ich mir 500 Euro verdient. Und dann hatte ich wieder 3 Möglichkeiten, um meine Reise fortzusetzen. 500 Euro, um in einem Fernlaster mitgenommen zu werden, wo man aber nicht weiß, wo der hinfährt. 1500 Euro, um versteckt in der Fahrerkabine mitgenommen zu werden oder gar nichts zu zahlen und auf der Achse eines Fernlasters mitzufahren. Ich entschied mich für die riskanteste Variante.<BR /><BR /><b>Wie ging das vor sich?</b><BR />Shiri: In Patras schmuggelte ich mich in den Hafen und dort unter einen Tankwagen. So gelangte ich auf eine Fähre nach Italien. Dort wechselte ich auf die Achse eines anderen Fernlasters. Ein Freund von mir meinte: Sobald der Lkw in Italien von der Fähre fährt, hält der Fahrer eine halbe Stunde später an, um einen Kaffee zu trinken. Ich wusste nicht, in welchem Hafen ich war, ich dachte in der Nähe von Rom. Erst später habe ich begriffen, dass ich in Venedig war. Und der Lkw-Fahrer hielt nicht an, fuhr immer schneller und auf die Autobahn auf. Ich klammerte mich an den Haltegriffen fest, es regnete und das Wasser klatschte mir ins Gesicht. Ich hatte Todesangst, schrie in meiner Muttersprache: Komak, Komak, Hilfe, Hilfe. Aber natürlich konnte mich niemand hören. Bei jedem Holperer schlug mein Rücken auf der Achse auf. Ich war verrückt vor Angst, jeden Augenblick von der Achse zu fallen und zerquetscht zu werden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55620834_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Und dann hielt nach 4 Stunden der Lkw an...</b><BR />Shiri: Ich bin so schnell ich konnte, unter dem Lkw hervorgekrochen. Getrieben vom Hunger bin ich in die nächste Äpfelwiese und hab ein paar Äpfel gestohlen. Dann bin ich zu Fuß längs der Autobahn weiter. Ich dachte, ich wäre auf dem Weg nach Rom. Dann hielt ein Autobahn-Wärter an und nahm mich mit nach Franzensfeste. Er versuchte Deutsch, Italienisch, Englisch mit mir zu reden, aber ich verstand nichts. Am Dorfplatz von Franzensfeste wartete bereits eine Carabinieri-Streife. Weil ich es gewohnt war, Polizisten zu bestechen, zog ich meine 500 Euro hervor, die ich beim Tomatenpflücken verdient hatte. Aber sie nahmen mich nur mit in die Kaserne und nahmen meine Fingerabdrücke. Dann brachten sie mich nach Meran in die Wohngemeinschaft WoGe für unbegleitete Minderjährige.<BR /><BR /><b>Wie war das für Sie?</b><BR />Shiri: Schlicht unglaublich, ich hatte ein Zimmer und musste nicht zu 30 in einem Zimmer schlafen. Ein Bad, wo ich mich waschen konnte. Herrlich.<BR /><BR /><b>Wie ging’s weiter?</b><BR />Shiri: Ich ging in die Mittelschule Negrelli, musste die Sprachen lernen. Dank des Kinderdorfs durfte ich ins Schwimmbad, ich habe sogar Skifahren gelernt und meine Lehrerin in der Oberschule, die auch Skilehrerin war, zahlte mir den Skipass. 2012 legte ich die Matura ab. Eigentlich wollte ich Jus studieren wie mein Vater, mir wurde aber abgeraten, weil ich mit italienischem Recht in Afghanistan nichts würde anfangen können. Denn ich möchte irgendwann zurück.<BR /><BR /><b>Was haben Sie studiert?</b><BR />Shiri: Philosophie in Trient. Ein Studium abzuschließen, war mein großer Traum. Und mit dem Abschluss habe ich wieder angefangen zu träumen, von einer Zukunft zu träumen. Dies dank vieler Menschen, die es gut mit mir meinten.<BR /><BR /><b>Wer zum Beispiel?</b><BR />Shiri: Damals war Gerhard Duregger Hausleiter der WoGe. Er hat mich nach der WoGe als ich volljährig war bei sich aufgenommen, ich durfte in seiner Familie leben. Er ist wie ein Vater, Bruder und Lehrer für mich. Er nahm mich mit in die Berge, mit ans Meer. Ich habe noch immer ein Zimmer oben bei seiner Familie in Oberbozen. Seine Familie wurde meine Ersatzfamilie. <BR /><BR /><b>Seit April arbeiten Sie als Betreuer unbegleiteter Minderjähriger bzw. Minderjähriger aus schwierigen Verhältnissen in der WoGe. Worin sehen Sie ihre Aufgabe?</b><BR />Shiri: Ich sehe mich als Brückenbauer zwischen den auswärtigen und einheimischen Jugendlichen, aber auch als Brückenbauer zwischen den Einwanderer-Jugendlichen und der Welt hier. Den einen muss ich erklären, dass es nicht nur Rechte sondern auch Pflichten gibt, und den anderen muss ich erklären. dass diese Welt nicht den Männern gehört.<BR /><BR /><BR />STATIONEN SEINES LEBENS<BR /><BR /> Alidad Shiri erreichte am 22. August 2005 Südtirol, kam in die Kinderdorf-WoGe nach Meran, besuchte die Mittelschule Negrelli, die Landesberufsschule für Handwerk und Industrie „Marconi“ in Meran und maturierte schließlich 2012 in Bozen. <BR />Er studierte Philosophie in Trient. Er wurde u.a. vom Vatikan für die Christen in Afghanistan als Mitarbeiter engagiert und er ist für die UNO unterwegs. Zudem er schreibt für die Tageszeitung „Alto Adige“ über seine Heimat. Mit seiner Lehrerin Gina Abbate hat er 2010 ein Buch über seine Flucht geschrieben.<BR />