Dienstag, 07. September 2021

Andrea Pizzini und der Kampf gegen Windmühlen: „Ich bin fertig, ausgepustet“

Monatelang berichtete der Fotograf Andrea Pizzini mit seinem Filmprojekt „Wellenbrecher“ aus der Intensivstation in Bozen. Seither wurde er zur Zielscheibe von Beleidigungen und Wutattacken. Am Montag dann der Schlussstrich: „Ich bin fertig, ausgepustet, und habe es satt.“ Doch dann wurden plötzlich andere Stimmen laut – die vielleicht neuen Wind brachten.

Über Monate berichtete Fotograf Andrea Pizzini von der harten Arbeit der Ärzte und Pfleger auf der Bozner Intensivstation.
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Über Monate berichtete Fotograf Andrea Pizzini von der harten Arbeit der Ärzte und Pfleger auf der Bozner Intensivstation. - Foto: © Andrea Pizzini/ProjektWellenbrecher
Er gab Ärzten und Patienten auf der Intensivstation Bozen im Projekt „Wellenbrecher“ eine Stimme:

Von Dezember 2020 bis Mai 2021 war der Fotograf immer wieder auf der Intensivstation in Bozen, ließ Patienten, Ärzte, Pfleger und Mitarbeiter zu Wort kommen – stets mit der einfachen Absicht, die realen Zustände nach außen zu bringen: „Eigentlich war nicht geplant, das Projekt so aufwändig zu machen, aber die Situation hat mich gepackt und ließ mich nicht mehr los.“

Im STOL-Interview: Fotograf Andrea Pizzini (März 2021)

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„Wollte nie eine Kampagne gegen Impfgegner führen“

So entstanden rund 20 filmische Beiträge und zahlreiche Fotos, die Pizzini in den sozialen Medien teilte.

„Mir ging es nie darum, eine Kampagne gegen Impfskeptiker zu leiten oder sie zu dämonisieren. Ich habe selbst Bekannte und Freunde, die diese Einstellung haben“, betont Andrea Pizzini am Dienstag im Gespräch mit STOL.

So sei auch er gegen eine Impfpflicht: „Ich finde, jeder muss für sich selbst entscheiden und sollte nicht gezwungen werden. Wenn, dann muss Überzeugungsarbeit auf sanfte Weise gemacht werden.“

Mit seinen Filmbeiträgen, Fotos und Kommentaren wollte er seinen Beitrag zur Realitätswahrnehmung beisteuern – gegen Fake News und Verschwörungstheorien, die im Netz und auch sonst verbreitet werden.

„Was ich absolut inakzeptabel finde, sind Menschen, die ihre Profession und Reichweite nutzen, um blanke Lügen zu verbreiten, die wissenschaftlich einfach nicht belegbar sind“, so Pizzini weiter.

Wer immer noch behaupte, das Coronavirus sei wie jedes andere Grippevirus oder könne mit einfachen Hausmitteln behandelt werden, der solle sich dann aber auch um jene kümmern, die anschließend erkranken und intensivmedizinische Pflege brauchen.

Besuch auf der Intensivstation am Montag: „Mir wurde schlecht“

Wie berichtet, war der 43-Jährige für seine Beiträge täglich in den sozialen Medien beschimpft worden und erhielt auch Drohungen.

Nach einem 2-monatigen Aufenthalt im Ausland kehrte Pizzini am Montag zum ersten Mal wieder in die Intensivstation zurück: „Und ehrlich: Mir wurde schlecht“.

Trotz monatelanger Impfkampagne und Aufklärungsarbeit ist die Anzahl der Intensivpatienten wieder gestiegen, „und die meisten sind jung und aus Überzeugung ungeimpft“, so Pizzini.

Im Herbst, so ist Pizzini überzeugt, werde sich die Situation wieder verschlimmern: „Was die Leute nicht verstehen: Viele Covid-Patienten auf der Intensivstation haben das Gefühl, zu ersticken. Sie haben panische Angst, weil sie nicht wissen, ob sie in ein paar Minuten noch leben. Also habe ich mich gefragt: Soll ich das noch einmal mitmachen, den Patienten beim Leiden und den Angehörigen beim Weinen zuschauen? Momentan glaube ich, das schaffe ich nicht mehr.“

Aufbauende Worte und die notwendige Auszeit

Am Montagabend also fasste er einen Entschluss: Schluss mit der Überzeugungsarbeit, Schluss mit dem Kampf gegen Windmühlen.

Doch genau dieser Schlussstrich brachte neuen Aufwind: Wo sonst die negativen Kommentare überwogen, flossen plötzlich Worte des Lobes, des Mutes, der Hoffnung ein.

„Halte durch.“
„Gib nicht auf.“
„Mach weiter, deine Arbeit ist wertvoll.“

Worte, die ihre Wirkung nicht (gänzlich) verfehlt haben: Eine Auszeit nimmt sich der „Wellenbrecher“ auf alle Fälle, in 2 bis 3 Wochen dann will er eine Entscheidung treffen.

liz