Dienstag, 17. November 2020

Viele Südtiroler ärgern sich über Corona-Helden-Video

Am vergangenen Wochenende hat die deutsche Regierung eine Werbe-Kampagne gestartet, um junge Menschen zum Zuhausebleiben zu motivieren. Dabei setzt sie auf Kriegsromantik und erntet dafür heftige Kritik – auch in Südtirol.

Eine besondere Kampagne ruft die Menschen dazu auf, zuhause zu bleiben und dadurch andere Menschen zu schützen. Werden auch Sie zum Helden und bleiben Sie zuhause. - Foto: © stol
Besagtes Video spielt in der Zukunft. Ein älterer Herr namens Anton Lehmann blickt auf seinen „Einsatz 2020“ zurück. Er sei damals 22 gewesen und wollte eigentlich „feiern, studieren, mit Freunden einen trinken gehen“.

Doch dann kam die 2. Coronawelle, die ihn daran gehindert hat. Statt sich mit Freunden zu treffen, habe er getan, was von ihm erwartet wurde: Zuhausebleiben und nichts tun. In seiner Erzählung zieht Lehmann einige Parallelen zum Einsatz im Krieg: „Unsere Couch war die Front, unsere Geduld war unsere Waffe – So wurden wir zu Helden.“

Für den deutschen Historiker Andreas Rödder ist das Vorbild der Kampagne klar: „Amerikanische Kriegsveteranen, die in US-Filmen (u.a. Band of Brothers) von der Befreiung Europas von Nazi-Deutschland erzählen“, wird er in der Bild zitiert.

Historiker Steininger: „Gut gemeint, aber daneben“

Das Video stieß für seine Nachkriegs-Rhetorik in Deutschland auf heftige Kritik. Deutsche Historiker nannten das Video gegenüber der Bild „peinlich“, „befremdlich“ und „freundlich ausgedrückt, ein Armutszeugnis“.

Der deutsch-österreichische Historiker Prof. Dr. Rolf Steininger, der am Institut für Zeitgeschichte an der Univerität Innsbruck lehrt, hat sich für STOL das Video angeschaut und folgendes Fazit gezogen:
„Das Video ist vielleicht gut gemeint, aber schräg, daneben und überflüssig. Es ist aber auch kein Weltuntergang, wie manche Reaktionen vermuten lassen. Und bitte nicht gleich mit der Keule 'Weltkrieg' kommen. Peinlich ist vor allem, dass das Video ausgerechnet am Volkstrauertag veröffentlicht wurde. Das Geld hätte man sich sparen können.“

Hitzige Diskussion der Südtiroler auf Social Media

Auch in Südtirol wurde die Kampagne durchwegs kritisch aufgenommen. In den sozialen Medien entbrannte schnell eine hitzige Diskussion – häufig fiel das Urteil über die Kampagne negativ aus.

Die Verharmlosung des Lockdowns stieß bei vielen Usern auf Unverständnis. So schrieb etwa Astrid Prosch auf der STOL-Facebook-Seite: „Nette Werbung, aber schon sehr süß verklärt erzählt. So ruhig gelangweilt lag im Winter 2020 nur der unbefristet Angestellte daheim auf dem Sofa, dessen Arbeitgeber unmöglich in Konkurs gehen konnte oder schließen musste.“

Auch Verena Kollmann findet den Lockdown nicht zum Lachen: „...Ich glaube kaum, dass in vielen Jahren hier jemand darüber schmunzeln kann, wenn er daran zurückdenkt, dass er das Haus nicht mehr verlassen durfte.“

Robert Dasser schrieb auf Facebook: „Dieser Film lässt einen weinen über die Seichtigkeit und Dummheit unserer Zeit. Ich hoffe, dass ich meinen Enkeln etwas Wichtigeres mitgeben kann als diesen Blödsinn!“

Auch die Userin Stefanie Sparber konnte keinen Gefallen am Vergleich zwischen der Coronakrise und den Weltkriegen finden: „Ich empfinde das Video als traurig, einfach nur traurig. Unsere Groß- und Urgroßeltern würden sich schämen...“

Das Video war auch von Südtiroler Politikern, etwa Philipp Achammer, auf Facebook geteilt worden. Dafür gab es einiges an Kritik für den Landesrat, der den Beitrag kurz nach Veröffentlichung wieder gelöscht hat.

pho