Mittwoch, 07. April 2021

Die Jugend und Corona: „Wir sind traurig, dass wir komplett ignoriert werden!“

Seit Monaten sitzen Südtirols Jugendliche zu Hause. Gemeinsam mit Freunden abhängen, Fehlanzeige! Sich beim Sport oder auch live in der Schule messen, Fehlanzeige! Zumindest letzteres ist ab Mittwoch wieder möglich. Wie die Jugendlichen die strengen Einschränkungen und die Distanz zu Freunden im Lockdown erlebt haben, lesen Sie hier.

Keine sozialen Kontakte, ein Leben, das sich fast nur zu Hause abspielt: Südtirols Jugendliche sind frustriert.
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Keine sozialen Kontakte, ein Leben, das sich fast nur zu Hause abspielt: Südtirols Jugendliche sind frustriert. - Foto: © shutterstock
In einer gemeinsamen Aktion des Tagblatts „Dolomiten“ und STOL wurden die Jugendlichen nämlich aufgerufen, zu berichten, wie es ihnen im Lockdown und im Fernunterricht ergangen ist und noch immer ergeht.

Carolina, 16, aus Bozen:

Liebe Politiker,
wir sind sehr traurig, dass wir komplett ignoriert werden!

In dieser Krisensituation werden unsere Menschenrechte teilweise missachtet. Wir haben zum Beispiel nicht mehr das Recht frei auf der Straße zu trinken und essen und müssen Angst haben kurz einen Schluck Wasser zu trinken und uns hinter den Häusern verstecken, damit wir keine Strafe bekommen. Besonders in dieser Zeit – mit den Masken habe ich noch mehr Durst als sonst, da ich rede, atme und mein Mund ganz trocken wird.

Wir haben nicht mehr das Recht uns frei zu bewegen, wir können nicht unsere Großeltern besuchen, wenn diese in einer anderen Gemeinde leben und nicht unsere Hilfe zu ihrer Verpflegung brauchen. Wir können uns nicht mehr mit unseren Freunden treffen. Wir können keine neuen Leute kennenlernen und unsere sozialen Kontakte nicht mehr pflegen, was, besonders in unserem Alter, sehr wichtig wäre und uns auf das spätere Leben vorbereiten würde.

Wir können nicht mehr in Präsenz zur Schule gehen. Wir sollten also, den ganzen Tag zu Hause eingesperrt bleiben, vor dem Computer sitzen, unsere Hausaufgaben erledigen, am Videounterricht teilnehmen, und am Nachmittag wieder vor dem Computer sitzen, die Hausaufgaben erledigen und eventuell mit unseren Freunden – wieder mit dem Handy oder vor dem Computer – telefonieren, damit wir nicht ganz den Kontakt zueinander verlieren. Und dies geht nun schon seit einem Jahr so weiter.

Uns wird die Freiheit genommen. Ich kann zwar verstehen, dass es das Virus gibt und es gefährlich ist; ich kann auch verstehen, dass es diese Schutzmaßnahmen braucht, aber nur wenige reden von all den jungen Menschen, die an diesen Freiheitsbeschränkungen leiden. Wenige reden von all den Menschen, die psychologische Hilfe suchen. Wenige reden von all den jungen Menschen, die seit der Corona-Krise an Essstörungen, Schlafstörungen und Depressionen leiden – und auch diese Zahlen steigen. Wenige reden von den Suiziden. Wenige reden von all jenen, die im letzten Jahr ihre Arbeit verloren haben, von den Hotels, Restaurants, Geschäften, die schließen mussten, weil sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten, das sind zum Teil unsere Eltern! Fast all diese Menschen haben eine Familie, die sie versorgen müssen, eine Miete, die sie bezahlen müssen – all diese Menschen werden nur wenig ökonomisch unterstützt – oder teilweise ganz auf sich selbst gelassen.

Es ist ein Jahr vergangen und die Menschen leiden. Die Fälle an depressiven oder mental instabilen Personen steigen. Die Todesfälle an Suiziden steigen. Es kann nicht mehr so weitergehen. Menschen sind nicht dafür gemacht ohne sozialen Kontakte über Monate in einem Haus eingesperrt zu sein und vor technischen Geräten zu sitzen!
Wir wollen nach Ostern unbedingt zurück in die Schule, ich spreche im Namen mehrerer Schüler! Bitte setzen Sie sich konkret ein. Wir waren viel zu lange diszipliniert und folgsam. Wir brauchen jetzt Kontakte und Schule in Präsenz!

Claudias Wunsch nach Schule in Präsenz ging teilweise in Erfüllung. Seit dem heutigen Mittwoch dürfen auch die Oberschüler zu 75 Prozent wieder zurück in die Klassenräume.

Maximilian, 18, aus Mühlwald:

Meiner Meinung nach ist dieser Aufruf an die Jugend, hier ihre Erfahrungen zu beschreiben und mitzuteilen, zwecklos. Am Ende kommt sowieso dasselbe heraus, wie in den vergangenen Monaten:
Alle Jugendliche beschweren sich darüber, dass wir als Risikogruppe 0 nichts machen dürfen, außer zu Hause still abzuwarten und „fleißig dem Fernunterricht, der ach so gut funktioniert“ zu folgen.

Wir die „zu unerfahren und zu jung“ sind, haben schlussendlich sowieso kein Stimmrecht wenn es um den Verlauf der Corona-Pandemie geht – weder im Bezug auf unsere sozialen Aktivitäten noch zu den von uns gewählten schulischen Aktivitäten, die wir jetzt durch den Fernunterricht kaum noch auskosten können, da es für viele nicht möglich ist dieselbe Leistung vor einem Bildschirm zu erbringen wie in einer Klasse wo man aktive Unterstützung erhält. Verständlich oder?


Hier weitere Erfahrungen und Meinungen der Jugendlichen.


Macht mit! Der Jugend das Wort

„Dolomiten“ und STOL möchten der Jugend eine Stimme geben. Schickt uns an die Adresse [email protected] eine E-Mail, versehen mit eurem Namen, Alter und Wohnort, in der ihr kurz (maximal 20 Zeilen) über eure Erfahrungen in Fernunterricht, im Lockdown und auf Distanz zu euren Freunden berichtet. Eure Erzählungen werden mit Name und Wohnort im Tagblatt „Dolomiten“ und auf STOL veröffentlicht.

dol/stol