Freitag, 24. April 2020

Dr. Gänsbacher: Impfstoff an Hund und Pferd getestet – Nun folgt der Mensch

STOL hat mit dem renommierten Südtiroler Immunologen Dr. Bernd Gänsbacher über die neuesten Entwicklungen zum Thema Sars-Cov2, gesprochen. Wie viele Menschen in Südtirol Antikörper haben, die Lage in unserem Land, das totale Versagen Italiens, die Übertragung des Virus auf ungeborene Kinder, der Sommer als Virus-Bremse, extreme Verläufe, die 2. Welle und vor allem die ersten europäischen Impf-Tests am Menschen standen dabei im Fokus. Doch auch private Einblicke in das Leben des Professors kamen nicht zu kurz.

Dr. Bernd Gänsbacher  sprach im STOL-Interview unter anderem über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Impfstoff-Tests in Europa.
Badge Local
Dr. Bernd Gänsbacher sprach im STOL-Interview unter anderem über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Impfstoff-Tests in Europa. - Foto: © Oliver Oppitz/shutterstock/Infografik/AmbraDelvai
Interview: Verena Stefenelli

DIE LAGE IN SÜDTIROL, FEHLER, LERNPROZESSE UND POLITIK

STOL: Zu allererst: Wie schätzen Sie die derzeitige Covid-19-Situation in Südtirol ein? Sind wir überm Berg?

Dr. Gänsbacher: Ich muss sagen, Südtirol hat die Situation noch relativ gut gehandelt. Die Lage scheint unter Kontrolle. Ich weiß, dass die Ärzte hervorragend reagiert haben, obwohl sie nah an der Grenze des Machbaren waren, aber scheinbar haben wir die Kurve jetzt gepackt. Die Lernphase war und ist enorm, es gab ja sehr ungewöhnliche Fälle. Weltweit sind ja fast 50 Prozent der Intubierten gestorben. Jetzt weiß man zum Beispiel, dass das die Auswirkungen der beidseitigen Lungenentzündungen eher Ähnlichkeit mit der Höhenkrankheit haben und dementsprechend anders behandelt werden sollen als das klassische „aquired respiratory distress syndrome“ ARDS. Landeshauptmann Arno Kompatscher und auch Landesrat Thomas Widmann machen ihre Sache recht gut, viele Entscheidungen waren richtig. Trotzdem sind Fehler passiert, aber das ist angesichts einer derartigen Situation schwierig. Besonders in manchen Altenheimen hätte man anders vorgehen sollen. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, wie Südtirol mit der Pandemie umgegangen ist. Vor allem, wenn man die Nähe Südtirols zur am stärksten betroffenen Region Lombardei bedenkt und vergleicht: Italien war das am stärksten betroffene Land in der westlichen Welt. Es ist eine Tragödie, recht viel schlimmer hätte es nicht kommen können. Das Land war unvorbereitet, die italienischen Politiker, die 2 Monate Zeit gehabt hätten, sich vorzubereiten, haben versagt. Dass so viele Menschen am Virus gestorben sind, war wirklich unnötig. Deutschland hat fast gleich viel Infizierte wie Italien, aber nur 4000 Tote. Italien hat 25.000 Tote. Italien war vor allem auch nicht fähig, Ärzte und Krankenhauspersonal zu schützen. Es gibt über 12.000 Krankenhausmitarbeiter, die infiziert und über 150 Ärzte, die wegen Covid-19 gestorben sind. In China waren in den ersten 2 Monaten 3000 Krankenhausmitarbeiter infiziert, aber das war am Anfang der Pandemie, also zu einer Zeit ,wo man noch wenig Wissen über das Coronavirus hatte. Italien hat auf allen Ebenen in Bezug auf das Coronavirus versagt.

Einen Moment Bitte - das Video wird geladen



STOL: Wie viele Personen sind oder waren in Südtirol infiziert?

Dr. Gänsbacher: Diese Frage kann leider niemand beantworten. Es gibt Schätzungen von Experten, die glauben, dass in Italien vielleicht 8 Prozent der Menschen infiziert sind. Das trifft vielleicht auch auf Südtirol zu. Um die genaue Situation zu verstehen, müsste man groß angelegte Antikörpertests machen. Das Problem hier ist, dass serologische Tests derzeit sehr unzuverlässig sind und eine große Schwankungsbreite haben. Wenn wir an St. Ulrich denken: 48 Prozent der Bewohner sind dort nur deshalb Coronavirus-Antikörper-positiv getestet worden, weil ein Test verwendet wurde, bei dem Kreuzreaktionen zu anderen ungefährlichen Erkältungs-Coronaviren nicht ausgeschlossen werden konnten. Fakt ist: Derzeit sind wahrscheinlich etwa 92 Prozent der Südtiroler ohne Antikörper und es ist deshalb sehr wichtig zu verstehen, dass es zu einer 2. Welle kommen kann, wenn man sich nicht ausreichend mit Maske und Handschuhen schützt, vor allem auch nach Ende des Lockdowns.



STOL: Spielen uns der Sommer und die steigenden Temperaturen in die Karten?

Dr. Gänsbacher: Man weiß, dass das Virus hohe Luftfeuchtigkeit und hohe Temperaturen nicht mag. Aber man muss auch sehen, dass es zum Beispiel in den Städten wie Singapur und Hongkong, die ja fast am Äquator liegen, auch sehr viele Fälle gegeben hat. Auf die jetzt steigenden Temperaturen brauchen wir uns also nicht zu verlassen. Dieser Faktor spielt nur eine kleine unwichtige Rolle.


STOL: Wie schützen Sie sich eigentlich?

Dr. Gänsbacher: Ich persönlich gehe nur mit Mundschutz und Einweghandschuhen aus dem Haus. Das ist notwendig und wird so sein, bis der Impfstoff da ist oder erfolgreiche Medikamente entwickelt werden und das rate ich auch allen. Da braucht man nur etwas Hausverstand. Die Schätzungen besagen, dass in Italien etwa 7 bis 8 Prozent infiziert sind oder waren. Das heißt, das 92 Prozent noch nicht infiziert waren. Der Träger ist der Mensch also findet das Virus noch unglaublich viele, auf die es überspringen kann und eine 2., 3. oder 4. Welle auslösen kann. Die Gefahr dafür, wenn man nicht aufpasst, besteht so lange bis man Medikamente oder eine Impfung hat.


IMPFSTOFF UND MEDIKAMENTE


STOL: Alle Hoffnung liegt im baldigen Durchbruch bei den Impfstoffen. Besteht eigentlich auch die Möglichkeit, dass es gar keinen Impfstoff geben wird gegen Sars-CoV-2 oder sind Sie da optimistisch? Gegen das HI-Virus hat man ja bis heute keine Impfung gefunden.


Dr. Gänsbacher: Impfstoffe werden sicher hergestellt werden, wobei man sagen muss, dass dies sicher nicht einfach sein wird. Nehmen wir eben das HIV, ein dem Coronavirus Sars-CoV-2 ähnlicher RNA-Virus, da gibt es immer noch keine Impfung. Allerdings bei Ebola, ebenfalls ein RNA-Virus, ist es relativ schnell gelungen, einen Impfstoff zu finden, der auch zugelassen ist.

STOL: Gestern gab es ja einige Neuigkeiten dazu. Sowohl ein deutsches als auch ein Schweizer Team dürfen nun erstmals Impfstoffe am Menschen testen.

Dr. Gänsbacher: Ja, das stimmt, aber Sensation ist es keine. In den USA hat man im „National Institute of Health“ schon vor 2 Wochen begonnen, einen genetischen Impfstoff am Menschen zu testen, und das sogar ohne Vorlauf, also ohne Tierexperimente. Da hat man vieles abgekürzt. Und auch in China hat man bereits 3 klinische Studien begonnen. Bei einem Tierversuch in China – das wurde erst gestern bekannt – konnte man alle Versuchs-Affen mit inaktivierten Coronaviruspartikeln schützen. Nachdem man die Rhesusaffen im Rachenraum neu mit dem Virus infiziert hat, stellte sich heraus, dass keines der Tiere neu erkrankt ist, alle Antikörper gebildet hatten und es gab auch keine Nebenwirkungen. Das ist sehr, sehr positiv.

STOL: Was ist dann genau die Neuigkeit in Bezug auf diese Impfstoffstudien?

Dr. Gänsbacher: Was da jetzt neu ist: Diese Firmen haben erstmals in Europa die Erlaubnis bekommen, mit der Studie anzufangen. Die deutsche Firma BioNtec ist auf genetische Impfansätze spezialisiert. Die RNA, also der genetische Code vom Spike-Protein (Dornfortsatz) wird unter die Haut in die Muskelzelle injiziert. Die Muskelzellen machen dann dieses Spike-Protein. Dann hofft man, dass das Immunsystem des Probanden dieses Spikeprotein als fremd erkennt und Antikörper entwickelt, die das Virus neutralisieren. Das ist also kein Lebend-Impfstoff, sondern nur ein kleiner Teil vom Virus, man nimmt also nur die genetische Information vom Spikeprotein. Denn wenn der Virus in den Körper gelangt, dann sieht das Immunsystem ja nur das Äußere, also in dem Fall die Dornfortsätze (Spike) und die werden dann angegriffen.

Die zweite Firma in Europa, die jetzt die Studie beginnen darf, ist jene von Martin Bachmann in Bern in der Schweiz. Er ist ein bekannter Wissenschaftler mit sehr viel Erfahrung auf dem Gebiet. Er hat einen anderen Ansatz und zwar genau jenen, den man bei der Papillomavirus-Impfung anwendet, also jener gegen Gebärmutterhalskrebs. Man weiß ja, dass 99 Prozent der Zervix-Karzinome vom Papillomavirus verursacht und durch Geschlechtsverkehr übertragen wird. Hier hat man den Virus-Like Particles-Ansatz (VLP, deutsch virusartige Partikel) angewandt, wo man das gesamte genetische Material dem Virus (der Kugel) entnimmt und nur die Hülle verwendet. Man nimmt also Partikel, die dem Virus ähneln, aber keine genetische Substanz enthalten. Wenn man das injiziert, sieht das Immunsystem eine Kugel daherkommen mit Fortsätzen und glaubt, es ist der Virus. Allerdings hat er – um die Wirkung noch zu verstärken – aus der ACE2 Bindungsstelle der Virusoberfläche einen kleinen Bestandteil (RBD-Domäne) isoliert, und auf die leere Hülle des VLP geschweißt. Diese Kombination von RBD und der VPL Hülle sollten dann das Immunsystem zur Produktion der richtigen Antikörper anregen. Der Impfstoff verhindert dann das Andocken des Virus an den sogenannten ACE2-Rezeptoren und kann so neutralisieren. Im Versuch an Katzen, Hunden und als Großtier bei Pferden ist das bereits erfolgreich getestet worden. Jetzt ist der Mensch dran.



STOL: Wie funktioniert diese Testphase am Menschen?

Dr. Gänsbacher: Wie bei jedem Medikament, muss man auch bei jedem neuen Impfansatz durch Phase 1, 2 und 3. In diesem Fall testet man zuerst in der Phase 1 an jungen, gesunden Menschen. Man muss sich demnach sehr sicher sein, dass man diesen jungen Menschen nicht schadet. Das ist ja hier anders als bei Krebspatienten etwa.

In Phase 1 sucht man bei 20 bis 30 Probanden die angemessene Dosis, in Phase 2 verwendet man zwischen 50 und 60 Leute, wo man dann schaut, ob man schon einen kleinen Hinweis auf Effizienz und Wirksamkeit findet und in Phase 3 wird an Hunderten von jungen, gesunden Menschen kontrolliert, ob das Virus neutralisierende Antikörper induziert. Die Probanden sind immer Freiwillige, in manchen Fällen werden sie bezahlt.

STOL: Die Entwicklung dauert also noch viele Monate, bis der Impfstoff auf dem Markt ist?

Dr. Gänsbacher: Ja, das wird noch Monate dauern. Ich schätze, dass ein Impfstoff in etwa einem Jahr zur Verfügung steht. Normalerweise dauern die Phasen 1 bis 3 etwa 18 Monate im Durchschnitt. Angesichts der jetzigen Situation könnte es etwas schneller gehen, aber mit einem Jahr müssen wir rechnen. Und dann sollte es zur Pflicht werden, sich impfen zu lassen. Da muss der Staat dafür sorgen. Kein Mensch hat das Recht, andere zu gefährden.



STOL: Das sind ja düstere Aussichten. Rechnen Sie aber damit, dass in der Zwischenzeit zumindest wirksame Medikamente entwickelt werden können?

Dr. Gänsbacher: Ja, ich rechne sehr damit, dass schon vorher gute Medikamente auf den Markt kommen. Wir lernen ja täglich bei jedem einzelnen Patienten dazu. Seit Neuestem weiß man ja zum Beispiel, dass man oft bei schwerkranken Menschen heparinisieren soll, also dass man Blutverdünner geben soll, wenn die Patienten eine Blutgerinnungsstörung haben. Es gibt Daten, die sagen, dass Remdesivir, ein Medikament, dass man gegen Ebola eingesetzt hat, im Tierversuch mit Affen erfolgreich getestet wurde. Sie waren gegen eine Reinfektion geschützt, der Krankheitsverlauf ist abgekürzt und die Tiere wurden relativ schnell gesund. Allerdings muss man auch hier die Studien am Menschen abwarten. Bei Hydroxychloroquine ist man noch nicht so sicher, hier gibt es sehr konträre Berichte. In Brasilien etwa hat man vor 2 Tagen eine große Studie gestoppt, da Patienten Herzfrequenzstörungen entwickelten. Man lernt jeden Tag dazu.

STOL: Klingt sehr interessant. Ist diese Entdeckungsreise für Sie als Virologe nicht sowieso die spannendste Zeit ihres Lebens? Wie ein Sechser im Lotto?

Dr. Gänsbacher: Nein, als Virologe hatte ich schon spannendere Zeiten, zum Beispiel als ich im „Memorial Sloan Kettering Cancer Center“ in New York meine Fachausbildung gemacht und geforscht habe. Schon im Jahr 1990 haben wir da RNA-Viren aufgeschnitten, Teile vom Genom herausgenommen, haben menschliche Gene hineinkloniert und haben dies verwendet, um gegen Krebs vorzugehen. Das war super spannend. Die Leute, die unsere Methode, also Gene als Medikament zu verwenden, weiterentwickelt haben und damit jetzt arbeiten, also mit gentechnisch veränderten T-Zellen, werden den Nobelpreis bekommen. Grade bei Leukämie haben sie jetzt sensationelle Resultate. Ich bin leider jetzt raus aus der Sache.

Die jetzige Zeit ist in dem Hinblick spannend, als dass die gesellschaftlichen Veränderungen so dramatisch sind. Das habe ich ja noch nie erlebt.

STOL: Wie würden Sie das Virus in wenigen Worten beschreiben?

Dr. Gänsbacher: Das Virus ist ein Überlebensweltmeister. Viren gibt es seit Millionen von Jahren, wahrscheinlich schon seit der Zeit der Ein- und Zweizeller, also lange bevor es den Menschen gegeben hat. Das sind Teile der Erbsubstanz, die das normale Genom verlassen haben und sich selbstständig gemacht haben. Eine menschliche Zelle hat 3 Milliarden Basen (Buchstaben), der Coronavirus 30.000. Die Erbsubstanzen sind sich sehr ähnlich, nur dass das Virus viel kürzer ist. Die Viren, die es jetzt noch gibt, sind von der Evolution geformt und geprägt. Die Viren, die nicht alle Tricks verwendet haben, die überleben nicht und die gibt es nicht mehr.
Das Coronavirus sprang durch Mutationen von der Fledermaus über andere Wirte auf den Menschen über, kein Mensch hatte einen Antikörper. Dies ist ein paradiesischer Zustand für dieses Virus. Es will nur überleben und schreibt gerade seine eigene Geschichte. Das war ja vorher schon bei HIV, 2002 bei SARS, 2012 bei MERS so. Das ist jetzt auch überhaupt nichts Neues. Das wird auch immer wieder passieren.




STOL: Sie sind also nicht überrascht und finden auch nicht, dass dieser Virus komplizierter oder aggressiver ist als andere?

Dr. Gänsbacher: Nein, überhaupt nicht. Es ist eben ein Coronavirus, das 30.000 Basen, 28 Gene hat und das größte RNA-Virus ist (für gewöhnlich sind RNA-Viren viel kleiner als DNA-Viren). Etwas ganz besonderes an diesem Virus gibt es aber doch, es besitzt zu seinem eigenen Schutz eine Art Putzmaschine: Wenn er sich vermehrt, dann kopiert die Polymerase das eigene Genom mit einer Geschwindigkeit von 500 Basen pro Sekunde. Dabei werden Kopierfehler gemacht und dieses Coronavirus hat eine eigene kleine Korrigiermaschine, die diese Kopierfehler korrigiert.

Das spielt sich alles in der menschlichen infizierten Zelle ab. Ein Virus bindet an den AC2 Rezeptor in der Schleimhautzelle etwa und das Virus dringt in die Zelle ein und übernimmt die ganze Zellen-Maschinerie. Das heißt: Alles in dieser Zelle wird jetzt verwendet, um neue Viren zu produzieren. Aus diesem einen Partikel werden Hunderttausende, bis die Zelle platzt. Er stellt also massiv und schnell Kopien von sich selber her, 500 Buchstaben pro Sekunde. Da ist klar, dass auch Fehler in der Reproduktion passieren. Wenn das in wichtigen Bereichen passiert, würde er sich selber eliminieren. Damit exakt das nicht passiert, hat das Virus genau jene Korrigiermaschine, die hinter der Kopiermaschine nachläuft und Fehler ausbessert. Jede menschliche Zelle hat das übrigens auch.


STOL: Warum sind dann viele Ärzte so überrascht über gewisse Lungenbilder oder über Diagnosen bei denen Menschen, die einen relativ milden Verlauf der Krankheit hatten, irreversibel Lungen-geschädigt sind, wie etwa das Beispiel einiger junger Taucher zeigt, die ihren Sport wohl nie wieder ausüben können.

Dr. Gänsbacher: Das hängt immer davon ab, wo die Rezeptoren ausgebildet sind. Das Coronavirus verwendet den AC2 Rezeptor, den findet man im Mund, im Rachen, in der Tränenschleimhaut, in der Lunge, in der Niere, im Magen-Darm-Trakt und im Herzen. Überall dort geht es rein und proliferiert, vermehrt sich ohne Rücksicht auf Verluste und verursacht im Laufe der Heilung auch die Bildung von Narbengewebe und Fibrosierungsprozesse. Das kann auch in der Lunge passieren. So langsam versteht man auch, warum auch sich auch der Gesundheitszustand junger Menschen innerhalb von 3 Tagen massiv verschlechtert und diese nach 4 bis 5 Tagen sogar sterben. Ein Grund ist, wenn bestimmte Formen von Antikörpern in einer nur niedrigen Konzentration gebildet werden und sich an das Spike-Protein anheften, ohne das Virus zu neutralisieren. Ein Antikörper hat vorne die Bindungsstelle, wo er das Virus packt, das heißt Fab, und dann hat er ein hinteres Ende, das nennt man Fc. Viele Immunzellen haben aber Fc-Rezeptoren. Was heißt das? Wenn man eine niedrige Antikörperkonzentration hat, die nicht die Aufgabe erledigen und das Virus nicht eliminieren, dann hängen die nur am Virus und die Immunzellen binden dann den Antikörper-Komplex und ziehen ihn über den Fc-Rezeptor in die Zelle rein. So kommt das Virus auch in die Immunzelle rein, vermehrt sich dort und zerstört die Immunzellen. Deshalb kann es sein, dass die Menschen innerhalb weniger Tage sterben. Das ist eine ganz neue, schwierige und komplexe wissenschaftliche Arbeit. Wir stehen hier erst am Anfang.


SCHWANGERE, UNGEBORENE BABYS UND KINDER




STOL: Erst vorgestern gab es die Meldung, dass ein Baby in Aosta infiziert auf die Welt kam. Im März gab es eine derartige Nachricht auch aus London. Kann ein Neugeborenes im Mutterleib infiziert werden?


Dr. Gänsbacher: Ja, natürlich kann das sein. Immer dann, wenn ein Virus, egal welches Virus es ist, in das Blut gelangt, was man als Virämie bezeichnet, kann eine Infektion durch die kranke Mutter erfolgen. Das mütterliche Blut ernährt ja den Fötus, und deshalb kann es theoretisch auch zu einer Virämie im Fötus kommen. Es ist nur so, dass man bei dieser Coronavirusinfektion relativ selten das Virus im Blut findet, aber geben tut es das auch. Mich erstaunen diese Fälle also nicht.

STOL: Aber es gibt bisher sehr wenige Fälle weltweit?

Dr. Gänsbacher: Ja, sehr wenige, weil eben das Virus sehr selten in die Blutlaufbahn gelangt. Wenn man einer Schwangeren Blut abnimmt, dieses in einem High Quality-Labor nach infektiösen Viruspartikel untersuchen und diese auch finden, weiß man, dass der Fötus in Gefahr ist. Natürlich filtert die Plazenta (Mutterkuchen) einiges heraus, aber trotzdem: Ist das Virus im Blut, dann erreicht es auch das Kind in der Gebärmutter.

STOL: Was macht man dann in so einem Fall? Nichts? Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist das Virus für Kinder ja in den seltensten Fällen gefährlich.

Dr. Gänsbacher: Richtig. In diesem Stadium kann ein Kind noch keine eigenen Antikörper bilden. Bis circa 7 Monate nach der Geburt werden die Kinder nur von den Antikörpern, die die Mutter ihnen mitgibt, beschützt. Es hängt also sehr davon ab, welche Antikörper die Mutter gebildet hat, weil das Kind nur anhand der von der Mutter gebildeten Antikörper in einer Außenwelt überleben kann. Dies gilt natürlich für alle Viren und alle Bakterien.

STOL: Kinder nehmen in der ganzen Sars-CoV-2-Diskussion eine besondere Rolle ein. Kürzlich wurde von einem infizierten südfranzösischen Kind (damals wusste man noch nicht, dass das Kind den Virus in sich trug) berichtet, das trotz 3 absolvierter Skikurse und Kontakten zu über 170 Personen niemanden angesteckt hat. Wie kann das sein?

Dr. Gänsbacher: Da muss man wissen, dass es alle möglichen Variationen gibt in Hinblick auf die Infektiosität. Im Durchschnitt steckt ein Infizierter 2 bis 3 neue Menschen an. Ich zeige nun 2 Extreme auf, damit der Fall mit dem Kind richtig eingeordnet werden kann.
Nehmen wir als ein Extrem zuerst den allerersten Patienten, der am 31. Dezember 2019 beschrieben worden ist. Zu dem Zeitpunkt sah man bei ihm nur die beidseitige Lungenentzündung, man wusste ja noch gar nicht, dass das eine Viruserkrankung ist, geschweige denn welche, keiner hat sich irgendwie geschützt. Dieser Patient lebte damals in einer 7-köpfigen Familie. Wie viele hat er angesteckt? NULL.

Das andere Extrem-Beispiel: In der südkoreanischen Stadt Daegu im Süden des Landes saß eine Kirchengemeinschaft einen ganzen Tag lang für religiöse Feierlichkeiten in einer großen Kirchenhalle zusammen. Dabei hat ein einziger Mensch 184 Menschen angesteckt, ein sogenannter Superspreader also (Superspreader oder Superverbreiter sind im Kontext der Epidemiologie Infizierte, die eine ungewöhnlich hohe Zahl anderer Menschen (bzw. Organismen) infizieren, bei denen also die Zahl der direkt Infizierten sehr deutlich über der Basisreproduktionszahl R0 liegt, der Zahl der im Mittel von einem Infizierten angesteckten Personen).

Man hat also bei der Infektiosität eine Spannbreite drin, die unglaublich breit ist. Man hat allerdings noch nicht verstanden, wie das funktioniert und wie das möglich ist.

STOL: Die Theorie, dass Kinder andere Menschen nicht anstecken können, wie teils bereits euphorisch vermeldet wurde, ist also definitiv nicht wahr. Das südfranzösische Kind war einfach nur das Gegenteil von einem Superspreader.

Dr. Gänsbacher: Genau. Kinder werden genauso angesteckt wie ältere Menschen, allerdings sind es deutlich weniger. Wenn man die Datenbank von China etwa anschaut, liegt der Prozentsatz bei 90.000 Infizierten für jene der Betroffenen unter 15 Jahren bei 2,4 Prozent. Kinder werden gewöhnlich nicht krank. Dies fand man heraus, indem man die Kontakte innerhalb der Familien untersucht hat. Da waren natürlich auch Kinder dabei. Wenn jemand infiziert war, haben die Chinesen ja sofort die Familienmitglieder getestet. Bei einer Gruppe/Datenbank hat man 20 Kinder gefunden, die zwar Coronavirus-positiv waren, aber keinerlei Symptome zeigten und weder eine beidseitige Lungenentzündung entwickelt hat. Alle 20 Kinder haben das Virus ausgeschieden über die Atemwege und im Unterschied zu den Erwachsenen im Stuhl und sehr viel länger als über die Atemwege. Kinder können also sehr wohl den Virus ausscheiden, ist natürlich auch hier individuell unterschiedlich, aber sie werden scheinbar nicht krank.




vs