Donnerstag, 16. Juli 2020

Corona: „Schlechtes Gefühl für Herbst“

Primar Marc Kaufmann ist der Präsident der internationalen Expertenkommission, die die Landesregierung in Sachen Corona berät und eventuelle Maßnahmen – bis hin zu einem weiteren Lockdown – vorschlägt. Im „Dolomiten“-Interview spricht er über das Risiko wieder ansteigender Infektionszahlen im Herbst und wie sich Südtirols Sanität darauf vorbereitet.

Primar Marc Kaufmann.
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Primar Marc Kaufmann.
Für Ende Sommer, Anfang Herbst geht die internationale Südtiroler Corona-Expertenkommission davon aus, dass die Infektionszahlen wieder ansteigen werden. „Die Experten haben für Ende Sommer, Anfang Herbst ein schlechtes Gefühl. Deswegen reagieren auch alle Experten sehr vorsichtig, was jede Lockerung betrifft“, betont Dr. Kaufmann im „Dolomiten“-Interview. (Interview: Luise Malfertheiner)



„Dolomiten“: Herr Dr. Kaufmann, was ist die Aufgabe der Kommission?

Dr. Marc Kaufmann: Es geht um die epidemiologische Beobachtung der Situation in Südtirol in Phase 2. Die Kommission ist ein beratendes Organ des Landes und hat den Auftrag, die Infektionskurve konstant zu überwachen und bei Bedarf Maßnahmen zur Vorbeugung oder Eindämmung vorzuschlagen.

„D“: Die Kommission hat jetzt 3 Mal getagt. Wird da Südtirols Corona-Entwicklung genau unter die Lupe genommen?

Dr. Kaufmann: Es ist vor allem ein Austausch der Experten von Norddeutschland bis nach Rom, die am Brückenland Südtirol sehr interessiert sind. Bei jeder Sitzung liefern wir einen Rundblick über die aktuelle Lage in Südtirol – aus klinischer Sicht, aus Laborsicht und aus Sicht der Präventivmedizin.

„D“: Wie sehen Sie die jüngst wieder steigenden Infektionen?


Dr. Kaufmann: Wir müssen beobachten, ob die leicht ansteigenden Zahlen einem momentanen Anstieg oder einem Trend entsprechen. Derzeit sind wir vom Infektionsgeschehen her in einer Linie mit in den benachbarten Ländern. Eine Zunahme der Infektionen war vorhersehbar – wegen der Lockerungsmaßnahmen, wegen der Mobilität der Menschen, Gastarbeiter, Touristen usw. Das zeigt auch der Umstand, dass es mehr „importierte“ als autochthone Neuinfektionen gibt. Aber wir haben jetzt – im Unterschied zum Corona-Ausbruch mit den vielen Erkrankten – das Potenzial, Herde sehr früh auszumachen und sie mit Umfeldanalysen unter Kontrolle zu bringen.

„D“: Was wurde im Rahmen der Expertenrunde deutlich?


Dr. Kaufmann: Wie Dr. Osamah Hamouda, Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut, anhand der HIV-Forschung deutlich machte, ist es noch nie in der Geschichte gelungen, durch Grenzschließungen ein Virus aufzuhalten. Das Virus macht an einer Grenze nicht halt. Es helfen nur geändertes Verhalten im Alltag durch richtige Aufklärung und Schulung – und der Appell an das Verantwortungsgefühl und die Eigenverantwortung der Bürger.

„D“: Mit Blick auf den Herbst: Was meinen die Experten?

Dr. Kaufmann: Die haben für Ende Sommer, Anfang Herbst ein schlechtes Gefühl. Deswegen reagieren auch alle Experten sehr vorsichtig, was jede Lockerung betrifft. Das wiederum spießt sich mit dem Interesse der Gesellschaft, wieder zurück in die Normalität zu wollen. Die Experten sind sich relativ sicher, dass im September, Oktober die Infektionszahlen wieder steigen werden. Denn diese Monate sind die Hochsaison der Familie der Corona-Viren – und damit wird auch das neue Coronavirus wieder aktiver sein. Sie gehen Hand in Hand mit Schnupfen und Erkältungen. Zudem wird wieder geheizt, und die Menschen halten sich wieder mehr in Räumen auf. Der österreichische Infektiologe Dr. Herwig Kollaritsch geht sogar davon aus, dass bereits im August die Infektionen steigen werden.

„D“: Und Ihre Einschätzung?

Dr. Kaufmann; Man darf nicht zu locker sein im Umgang mit dem Virus, derzeit stelle ich in weiten Teilen der Bevölkerung fest, dass die Sorge beinahe null ist. Und einige unserer Leute ein Risikoverhalten an den Tag legen, wie wenn es das gefährliche Virus aktuell gar nicht mehr geben würde. Gleichzeitig staune ich über die Disziplin wie z.B. in Restaurants und Hotels. Das ist vorbildlich.

„D“: Gehen Sie davon aus, dass im Herbst wieder vermehrt Corona-Fälle auftreten?

Dr. Kaufmann: Davon gehe ich aus, eine Prognose ist schwierig. Derzeit verzeichnen wir ein paar – vor allem jüngere – Infizierte, damit ist die Belastung fürs Krankenhaus minimal. Aber wenn die Neuinfektionen nicht mehr nur 10 oder 20 sind, sondern 200, werden die Spitäler wieder mehr mit Covid-Patienten belastet – auf der normalen Covid-Station wie auf der Intensivstation. Sicher, wir sind nun viel besser vorbereitet, eine 2. Welle wird uns aus medizinischer Sicht nicht mehr so überfordern wie die erste, aber die Bevölkerung muss mitspielen.

„D“: Apropos mitspielen: Was ist mit der Covid-App Immuni?


Dr. Kaufmann: In der Schweiz nutzt bisher eine Million die App – bei 8,5 Millionen Einwohnern. Italienweit hatten die App bis Anfang Juli nur 4 Millionen der 60 Millionen Bürger heruntergeladen. Um effizient zu sein, müssten dies 36 Millionen tun. Das Vertrauen in solch technische Hilfe ist im italienischen Sprachraum viel geringer. Es überwiegt die Skepsis. Dies, obwohl die App absolut anonym ist. Das ist schade, denn eine breite Nutzung wäre ein Riesenvorteil in der frühzeitigen Aufspürung und Unterbrechung der Infektionsketten und ein sehr hilfreiches Mittel, um erneute Einschränkungen im Alltagsleben zu vermeiden – die ja von keinem gewünscht sind.

„D“: Zurück zum Herbst: Wie stellen wir uns dafür auf?

Dr. Kaufmann: Das war Thema der 2. Sitzung am 25. Juni. Mit dem Zivilschutz werden wir mobile Corona-Testteams auf die Beine stellen. Denn sollte ein Dorf wie Ischgl oder ein Tal wie Gröden zum Hotspot werden, rücken wir mit großen Zelten und Containern aus, um in ein, 2 Tagen ein ganzes Tal durchzutesten. 5000 Abstriche am Tag werden da ausgewertet. Hier ist nicht nur die Laborkapazität das Problem, sondern vor allem die enorme Logistik. Dazu haben wir einen Notfallplan mit dem Zivilschutz ausgearbeitet. Im Unterschied zu den benachbarten Ländern setzen wir zum Teil auch Antigen-Schnelltests ein – z.B. in den Notaufnahmen und den Notarzt-Hubschraubern. Liegt eine Infektion vor, erfolgt der Abtransport des Patienten bodengebunden.

„D“: Wie sind wir klinisch aufgestellt?


Dr. Kaufmann: Im Unterschied zu Österreich, Deutschland und der Schweiz sind wir in der ersten Phase an unsere Kapazitätsgrenze gestoßen. Wir haben mit unseren 35 Intensivbetten gekämpft wie die Löwen. Man kann auch nicht in einem Monat ein Gesundheitskonzept um 180 Grad drehen. Aber jetzt haben wir logisch nachgearbeitet, sind weitaus besser vorbereitet. Wenn uns jetzt eine Welle treffen würde, würden wir sie locker überstehen. Dass wir die erste Runde so gut geschafft haben, hat mit unseren Leuten, mit unserer Mentalität zu tun: Die Leute haben gearbeitet bis zum Umfallen. In der Krankenhaus-Versorgung haben wir viel an Wissen und Erfahrung gewonnen, und das Zusammenspiel unter unseren 7 Krankenhäusern war einzigartig, 7 Spitäler waren ein System. Tirol hat uns darum beneidet. Und dieser „Covid-Normalbetrieb“ ist in wenigen Tagen wieder abrufbar. Knackpunkt ist das Personal. Hier gilt es, schnellstmöglich Personal zu rekrutieren und auszubilden, denn kein Arzt und kein Pfleger wird über Nacht zum Intensivmediziner und Intensivpfleger.






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