Mittwoch, 22. April 2020

Gänsbacher zu Corona-Zahlen: „Gleiches mit Gleichem vergleichen“

Statistiken rund um das neuartige Virus sind derzeit sehr beliebt, wohin man schaut gibt es neue offizielle „Infiziertenzahlen“, Corona-Tote und Sterberaten. Demnach würden in der Lombardei 20 Prozent der Infizierten sterben, in Südtirol 10, in Bayern nur 3,4 und in Südkorea gar nur 2,2. Vorsicht, sagt Immunologe Prof. Bernd Gänsbacher: „Man kann doch nicht vergleichen, wenn in einem Land jeder getestet wird, der mit dem Auto zufällig bei einer mobilen Teststation vorbei fährt, und im anderen nur, wer mit Fieber ins Krankenhaus kommt.“

Bernd Gänsbacher.
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Bernd Gänsbacher. - Foto: © DLife
„Dolomiten“: Schaut man sich die Zahlen rund um das Covid-19-Virus pro 100.000 Einwohner an, dann steht Südtirol nicht gut da. Auf 100.000 Einwohner kommen 450 Infizierte und 47 Tote, im gesamten Staatsgebiet sind es 300 Infizierte und 40 Tote, in der Lombardei allerdings 660 Infizierte und 120 Tote. In Bayern hingegen gibt es bei 290 Infizierten auf 100.000 Einwohner nur 10 Tote, und in Südkorea...
Prof. Bernd Gänsbacher: Diese Zahlen sind schwer zu interpretieren. Sie sagen nichts Genaues aus. Solange ich nicht wirklich weiß, wie viele Infizierte ich habe, bekomme ich irreführende Aussagen. Das gilt für jedes Land und fast alle Zahlen, sicher ist aber, dass in Italien zu viele Menschen an Covid gestorben sind, und die Ursachen unbedingt aufgeklärt werden müssen.

„D“: Die offiziellen Infiziertenzahlen sagen also gar nichts aus?
Gänsbacher:
Sie können doch nur Gleiches mit Gleichem vergleichen. Also doch nicht Zahlen zwischen Ländern vergleichen, in dem in einzelnen Städten über Drive-Through flächendeckend jeder getestet wird, der mit einem Auto vorbeifährt, und im anderen Land nur, wer krank ins Krankenhaus kommt. Ich gebe Ihnen 2 Beispiele: In China wurden in einer sogenannten Fieberklinik 90.000 Tests gemacht – und 0,3 Prozent der Personen waren mit dem Covid-19-Virus infiziert. In Südkorea wurden in der Gemeinde eines „Super Spreaders“ (Superverbreiter, Anm. d. Red.) flächendeckend 200.000 Personen getestet – 0,9 Prozent waren positiv. Bei unseren Testzahlen in Südtirol waren es vor einigen Tagen rund 5 Prozent.

„D“: Und was ist mit der Zahl der Toten, lassen die sich auch nicht vergleichen? Und vielleicht daraus Rückschlüsse auf die Infizierten ziehen?
Gänsbacher:
Auch das sind nur Annäherungen, denn weder in China noch in der Lombardei wurden alle Toten, die zum Beispiel zu Hause gestorben sind, auf das Virus getestet. Es gibt aber einen Wert, den man gut miteinander vergleichen kann– und der viel über die Qualität des Gesundheitssystems aussagt.

„D“: Der wäre ...
Gänsbacher:
Der Prozentsatz der gestorbenen Intensivpatienten – und da steht Südtirol schlecht da, da gibt es deutliche Unterschiede etwa zu Bayern und Nordtirol. Warum in Südtirol auf den Intensivstationen verhältnismäßig mehr Personen gestorben sind, als auf den Intensivstationen in den umliegenden Ländern, das wird Gegenstand einer Untersuchungskommission sein.

„D“: Gibt es eine Hypothese?
Gänsbacher:
Es zeigt auf jeden Fall, dass im Umgang mit den infizierten Intensivpatienten eine Lernphase vorhanden war, die in Südtirol länger angedauert hat als in den Nachbarländern.

„D“: Was weiß man denn heute besser als am Anfang der Pandemie?
Gänsbacher:
Es gibt jeden Tag neue Erkenntnisse, weil überall auf der Welt Ärzte und Forscher ihre Ergebnisse publizieren. Anfangs hat man beispielsweise noch gedacht, das es sich bei der Coronavirus-induzierten beidseitigen Lungenentzündung fast immer um ein klassisches ARDS-Syndrom (Acute Respiratory Distress Syndrome) handelt. Es handelt sich aber eher um einen Mechanismus, ähnlich wie bei der Höhenkrankheit, wo der Sauerstoffmangel eine pulmonale Vasokonstriktion verursacht und durch Sauerstoffzufuhr beseitigt werden kann. Die Ursache können in manchen Fällen Mikrothromben sein, die durch disseminierte intravaskuläre Blutgerinnungsstörungen ausgelöst werden. Die Intubation und der erhöhte Druck, der durch die künstliche Behandlung erzeugt wird – wie bei ARDS – führt aber wahrscheinlich zur Ruptur der pulmonalen Kapillaren und schadet den Corona Patienten.

„D“: Kommen wir noch einmal zurück zu den Infiziertenzahlen. Lässt sich denn daraus gar keine Größenordnung ableiten, wie viele Südtiroler tatsächlich schon infiziert sind bzw. waren?
Gänsbacher:
Also die bisherigen – internationalen – Erkenntnisse gehen davon aus, dass nur 20 bis 25 Prozent der mit dem Virus infizierten Personen ärztliche Hilfe benötigen. Die anderen haben keine oder nur Mini-Symptome. Aus den Zahlen der Personen in ärztlicher Behandlung kann man dann schon ungefähr auf die Zahl der insgesamt Infizierten schließen. Und so dürften in Südtirol wohl fünfmal mehr Personen infiziert sein, als die Statistik ausweist.

d/ih

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