Freitag, 1. April 2022

Josefsheim in Tisens: „Es gibt keine Vereinbarung zur Schließung“

Mit Kopfschütteln und Verwunderung hat Sepp Haller, der Direktor der Pflegeeinrichtungen der Schwestern des Deutschen Ordens, die Stellungnahme von Landesrätin Waltraud Deeg zur vom Land beschlossenen Reduzierung der Anzahl der Pflegebetten im Seniorenwohnheim St. Josef in Tisens zur Kenntnis genommen. Im Interview redet er Tacheles.

Bereits in einer Woche wird das Josefsheim in Tisens unbewohnt sein. - Foto: © fm

Interview: Florian Mair

„Dolomiten“: Herr Direktor Haller, Landesrätin Waltraud Deeg betont, dass vereinbart worden sei, das Seniorenwohnheim St. Josef in Tisens nach der Inbetriebnahme des Kur- und Pflegeheims St. Josef in Meran zu schließen. Stimmt das?
Sepp Haller: Von einer solchen Vereinbarung habe ich keine Kenntnis. Ich war bei allen Verhandlungsgesprächen, bei denen es um unsere Heime ging, mit dabei, aber die Schließung des Josefsheims in Tisens war nie ein Thema. Es gibt aber einen einstimmigen Beschluss der Landesregierung vom 20. Oktober 2020.

„D“: Dann sieht dieser Beschluss die Schließung oder Reduzierung der Betten von 41 auf 29 vor?
Haller: Nein. Es gibt eine Vereinbarung mit der Stadt Bozen, und in diesem Zusammenhang den einstimmigen Beschluss Nr. 801 der Landesregierung vom 20. Oktober 2020. Die Vereinbarung und der Regierungsbeschluss besagen, dass in den Pflegeeinrichtungen der Schwestern des Deutschen Ordens, insbesondere in den Heimen St. Josef in Tisens mit 41 Pflegebetten und St. Anna in Lana mit 46 Pflegebetten, in Zukunft 75 Pflegebetten zur Unterbringung von Bürgern aus der Stadtgemeinde Bozen zur Verfügung stehen sollen. Dieser Beschluss sagt wohl alles aus. Ich verstehe es deshalb nicht, warum 2021 die Anzahl der Pflegebetten des Josefsheims in Tisens von 41 auf 29 reduziert wurden.

Sepp Haller ist der Direktor der Pflegeeinrichtungen der Schwestern des Deutschen Ordens. - Foto: © Denny Staschitz


„D“: Waltraud Deeg sagt, dass es unverständlich sei, dass ein Heim mit 29 Betten wirtschaftlich nicht führbar sei. Sie zeigt sich auch über die angekündigte Schließung kommende Woche verwundert. Was sagen Sie dazu?
Haller: Im Tisner Heim gab es einmal sogar 55 Pflegebetten, die Anzahl wurde dann auf 41 reduziert. Die Größe und Beschaffenheit des Hauses sind also auf mehr als 50 Plätze ausgerichtet. Die Kosten für Miete, Instandhaltung, Heizung und vieles mehr bleiben aber gleich, egal ob 55, 41 oder 29 Personen untergebracht sind. Mit 29 Betten fehlen uns aber Einnahmen, um das Heim wirtschaftlich führen zu können. Und ich kenne auch kleine Heime, die organisatorisch und ökonomisch sehr gefordert sind, um über die Runden zu kommen.

„D“: Halten die Schwestern des Deutschen Ordens im Seniorenwohnheim St. Josef in Tisens die Pflegestandards ein, die sich laut Landesrätin Deeg vor allem in Corona-Zeiten bewährt haben?
Haller: 2020 und im Vorjahr sind wir von Corona immer verschont geblieben, erst heuer hatten wir infizierte Heimgäste. Dazu beigetragen haben ein wenig Glück und das große Engagement unseres Teams um Pflegedienstleiterin Astrid Mores. Bezüglich der Standards empfehle ich, dass sich Politiker und Landesverwaltung einmal vor Ort bei den Menschen, die im Heim leben und arbeiten, ein Bild machen sollen. Dann würden sie erkennen, dass Betreuung und Pflege gewährleistet sind, und dass das Heim mit 41 Betten sicherlich noch einige Jahre offen bleiben könnte.

„D“: Wie lang ist eigentlich die Warteliste der Personen, die auf eine Aufnahme in das Tisner Josefsheim warten?
Haller: Die Warteliste des Tisner Heims und des Pflegeheims St. Josef in Völlan umfasst derzeit insgesamt 325 Personen, die auf ihre Aufnahme warten. Zudem gibt es 25 Anträge um Aufnahme, die erst bearbeitet werden müssen. Eine Reduzierung der Betten ist somit nicht nachvollziehbar.

„D“: Bleibt es dabei, dass das Seniorenwohnheim St. Josef kommende Woche schließen wird?

Haller: Ja, auf jeden Fall. Die Heimgäste des Seniorenwohnheims St. Josef in Tisens werden am 4. und 5. April nach Völlan bzw. Meran umziehen. Leider!

fm

Kommentare
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Hermann Zanier
1. April 2022 08:10
Die Einrichtung läuft anscheinend zu gut um in das Schema des Mittelmasses der Landespolitik zu passen. Mittelmäßige Politiker können nicht dulden, dass etwas von sich gut ohne ihre Einflussnahme funktioniert, man würde sonst merken, wie mittelmäßig sie sind