Dienstag, 10. November 2020

Kinderbetreuung: Väter übernehmen Verantwortung

Der Lockdown habe zwar einerseits zu einer Mehrbelastung der Frauen geführt, weiß Michael Bockhorni von „Väter aktiv“. Doch andererseits auch zu mehr Familien, in denen die Väter sich an der Kinderbetreuung beteiligt bzw. sie ganz übernommen haben. Und genau das soll Thema einer Online-Tagung sein, die „Väter aktiv“ morgen organisiert. „Moderne Väter wollen Zeit für ihre Familie und die Kinderbetreuung. Jetzt muss die Wirtschaft nachziehen“, sagt Bockhorni.

In der Corona-Zeit übernahmen  Väter häufiger die Kinderbetreuung.
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In der Corona-Zeit übernahmen Väter häufiger die Kinderbetreuung.
„Dolomiten“: Vielfach wird eine Retraditionalisierung durch Corona bzw. insbesondere während des Lockdowns beklagt. Das soll nun auch Thema einer Tagung sein. Stimmt diese Einschätzung denn?

Michael Bockhorni: Ja und Nein. Natürlich haben in vielen Familien unbestritten die Frauen die höhere Last getragen. Gerade in Partnerschaften, die schon vor Corona mehr dem traditionellen Rollenbild entsprachen, hat sich das während des Lockdowns noch verstärkt. Aber andererseits haben die Familien, in denen die Väter sich an der Kinderbetreuung beteiligt bzw. sie ganz übernommen haben, signifikant zugenommen. Das geschah nicht immer freiwillig, sondern aus der Situation heraus. Die Väter waren einfach vor Ort.

„D“: Lässt sich das quantifizieren?

Bockhorni: Es gibt für Deutschland, Österreich und Italien Studien dazu. In Österreich hat das Momentum Institut erhoben, dass sich die Anzahl der Väter, welche die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernommen haben, verzehnfacht hat. Das deutsche Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sagt, der Väteranteil an der Familienarbeit sei während der Corona-Krise von 33 auf 41 Prozent angestiegen. Doch gerade in diesem Bereich zeigt uns die Erfahrung, dass man die nicht einfach 1:1 auf Südtirol übertragen kann.

„D“: Es bräuchte also eine eigene Studie für Südtirol?


Bockhorni: Ja, davon bin ich überzeugt. Man muss wissen, von welcher Realität man ausgehen muss. Die Betriebsstruktur und die Karenzregelungen sind ganz andere. Wir von „Väter aktiv“ haben eine kleine Umfrage unter 250 Männern gemacht. Die ist natürlich nicht signifikant, aber die Ergebnisse sind doch interessant.

„D“: Die da wären?


Bockhorni: Die Anzahl der Väter, welche die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernommen haben, hat sich zumindest bei den von uns befragten Personen verdoppelt. Und mit positivem Ergebnis: 40 Prozent haben angegeben, dass das ihre Beziehung zu den Kindern positiv beeinflusst hat. 20 Prozent fanden auch, dass das der Partnerschaft gut getan hat.

„D“: Die Reaktionen dieser Väter sind also positiv?

Bockhorni: Ja, die Mehrheit hat den intensiveren Kontakt mit den Kindern genossen. Die Erfahrung, im Alltag der Kinder eine Rolle zu spielen, haben die meisten als positiv erlebt.

„D“: Die Corona-Pandemie ist leider noch lange nicht vorbei – und auch ein weiterer Lockdown, wen auch mit etwas anderen Vorzeichen, im Gange. Trotzdem wage ich schon einmal die Frage: Was retten wir aus diesen Beispielen in die Nach-Corona-Zeit?

Bockhorni: Das ist eine spannende Frage. Denn neben den Vätern betrifft dies auch die Arbeitgeber der Väter. Beim Lockdown waren die Väter gezwungenermaßen zu Hause, ein Einverständnis des Arbeitgebers hat es nicht gebraucht. Schön wäre, wenn Kinderbetreuung auch in den Augen der Wirtschaft eine Sache von Vater und Mutter werden würde. Wir reden bisher nämlich beim Thema Vereinbarkeit Familie und Beruf immer nur von den Müttern.

„D“: Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle für Männer sind also noch die größere Mangelware als die für Frauen?

Bockhorni: Männer haben oft große Probleme, wenn sie etwa Elternzeit nehmen wollen. Natürlich ist es ihr Recht, aber es wird nicht gern gesehen – und das wird auch so kommuniziert. Das geht einfach nicht so automatisch wie bei den Müttern. Gesetzliche Änderungen, die da durch die EU kommen werden, helfen da sicher weiter. Aber auch darüber hinaus müsste in diese Richtung sensibilisiert werden.

„D“: Noch mehr Appelle?

Bockhorni: Nein, so wie bisher bringt das nicht viel. Da wird es eine Beratung brauchen, die hilft, zu sensibilisieren, maßgeschneiderte Lösungen zu finden und die Betriebe auch beim bürokratischen Aufwand zu entlastet. Moderne Väter wollen Zeit für ihre Familie und die Kinderbetreuung. Jetzt muss die Wirtschaft nachziehen. Interview: Isabelle Hansen

d

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