<b>STOL: Wie geht es den Jugendlichen in Südtirol?</b><BR />Michael Reiner: Das ist natürlich schwierig zu beantworten. Man muss klar zwischen allgemeinen Aussagen und Einzelschicksalen unterscheiden. Schauen wir auf die Gesamtheit der Jugendlichen, geht es dieser meiner Einschätzung nach besser, als häufig befürchtet wird. Sie sind in der heutigen Zeit zwar Dingen ausgesetzt, die natürlich etwas mit jungen Menschen machen. Gleichzeitig haben sie aber eine Widerstandsfähigkeit, die der Generation Z bisweilen gar nicht zugetraut wird. Deshalb kommt die große Mehrheit der jungen Menschen relativ unbeschadet und gut durch die aktuell schwierige Zeit. Das darf natürlich nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es auch viele Jugendliche gibt, die mit einem hohen Leidensdruck zu kämpfen haben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56014388_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Aktuell sehen wir uns ständig mit neuen Krisen konfrontiert. Was macht das mit jungen Menschen?</b><BR />Reiner: Man muss unterscheiden, ob wir von Kindern sprechen oder von Jugendlichen, die sich aktiv mit der Gesellschaft, ihrer Rolle darin und mit der Zukunft auseinandersetzen. Durch globale Krisen wird vor allem ihr Gefühl der Sicherheit im Sinne der Kontinuität angegriffen: Heute ist die Welt bei weitem nicht mehr so vorhersehbar und Entwicklungen sind weit schwieriger einzuschätzen wie noch vor 15 oder 20 Jahren. Egal ob im technischen, politischen oder gesellschaftlichen Bereich hat es eine Revolution nach der anderen gegeben und Konstanten fallen ständig weg. Daraus entsteht für junge Menschen die große Herausforderung, sich immer wieder an eine „neue Welt“ anzupassen. <BR /><BR /><b>STOL: Ist Angst vor der Zukunft ein zentrales Thema in Ihren Beratungsgesprächen?</b><BR />Reiner: Südtirols Jugendliche haben nicht generell Angst vor der Zukunft, aber vielen fehlen die Referenzpunkte, die ihnen Sicherheit geben. Die Krisen, die wir aktuell erleben – Krieg, Wirtschaftskrisen, Pandemie – erschweren es, Entscheidungen auf dem eigenen Lebensweg zu treffen: Welche Berufslaufbahn soll ich einschlagen? Wo bekomme ich am ehesten einen Job? Wie sicher ist dieser auch in Zukunft? Die Zukunft ist also immer weniger einschätzbar. Zwangsläufig führt das auch zu Ängsten, aber in einigen Fällen auch zu Resignation und Verzweiflung. Da die Zukunft nicht beeinflussbar scheint, wird der Gedanke daran weggeschoben; einfach in den Tag hineingelebt. Dazu kommt enormer Leistungsdruck: Viele Jugendliche, die sich bei uns melden, haben das Gefühl nur etwas wert zu sein, wenn sie Topleistungen bringen. In Kombination mit Zukunftsängsten kann das zu extrem großen Krisen auf persönlicher Ebene führen: Ich traue mir nichts mehr zu. Alles macht mir Angst. Jeder Schritt ist gefühlt der falsche. <BR /><b><BR />STOL: Wie kann das Gefühl der Sicherheit wiederhergestellt werden?</b><BR />Reiner: Es ist wichtig, auf die eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen zu bauen und auf Dinge, die man schon erreicht hat. Jeder Mensch übersteht in seinem Leben zahlreiche Krisen, die zunächst unüberwindbar schienen. Auf diese Erfolgserlebnisse sollte man sich besinnen und daraus das Vertrauen schöpfen, auch kommende Krisen überwältigen zu können. Unsere Leben verlaufen nicht genauso, wie wir sie uns ausmalen. Deshalb ist es besonders für junge Menschen wichtig, dem Leben mit einer gewissen Flexibilität zu begegnen und nicht einem in Stein gemeißelten Plan zu folgen. Wenn Träume platzen, ist das natürlich furchtbar und wirft junge Menschen zurück. Dennoch sollte man sich nicht darauf versteifen, dass es nur den einen Weg zu einem zufriedenen und erfüllten Leben gibt. Dieses kann man oft auch auf Umwegen erreichen, die so gar nicht vorherzusehen waren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56015713_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Wie gelingt der Umgang mit einer persönlichen Krise?</b><BR />Reiner: Wer sich in einer Krise befindet, verliert oft den Weg aus den Augen, den er bereits zurückgelegt hat. Häufig unterschätzen junge Menschen dabei ihre eigene Kraft und was sie alles schon hinbekommen haben. Der Blick darauf ist wichtig, um die aktuelle Krise in Relation zu setzen. Es geht nicht darum zu sagen: „Alles halb so wild“, sondern darum anzuerkennen, dass es trotz Krise viele Lebensbereiche gibt, die weiterhin funktionieren. So schafft man einen Abstand, aus dem die Kraft geschöpft werden kann, um die Probleme anzugehen. Wenn ich höre: „Ich bin immer traurig“ oder „Mir geht es immer schlecht“, dann frage ich: „Wirklich immer? 24 Stunden am Tag immer gleich schlecht?“ Es geht darum, den Blick dafür zu schärfen, dass es Unterschiede und Variationen gibt. Jugendliche, die sich auf diese neue Sichtweise einlassen, beweisen uns immer wieder ihre große Stärke. Wer sich bei der Beratungsstelle meldet, hat meist bereits gewisse Überlegungen gemacht und bringt Motivation mit, an sich zu arbeiten und sich zu verändern. Wir unterstützen die Jugendlichen dabei.<BR /><BR /><b>STOL: Fühlen sich Jugendliche in Südtirol mit ihren Themen und Problemen ernst genommen?</b><BR />Reiner: Das ist schwierig zu sagen. Man muss unterscheiden, ob es um ganz persönliche Probleme und Gefühlszustände geht oder um Themen auf globaler Ebene, denen junge Menschen ausgesetzt sind – etwa die Klimakrise. In diesem Bereich habe ich schon den Eindruck, dass Jugendliche oft das Gefühl haben, nicht ganz ernst genommen zu werden. Jugendliche setzen sich für viele Belange energisch ein – denken wir an den Klimaschutz. Häufig wird ihnen dann entgegnet: „Ihr seid da viel zu idealistisch“, „Ihr stellt euch das viel zu einfach vor“, „Ihr habt ja recht, aber…“ Obwohl Aktionen, die auf Missstände hinweisen, äußerst wichtig sind, sind junge Menschen häufig leider noch nicht in der Position, um wirklich aktiv viel bewirken zu können. Auch wenn Jugendliche erfahren, dass man auch in Hinsicht auf große Probleme, die die ganze Welt betreffen, viel erreichen kann – vor allem durch internationale Vernetzung – glaube ich dennoch, dass sie von der Erwachsenenwelt häufig nicht so ernst genommen werden, wie es eigentlich notwendig wäre. Was die eigene psychische Gesundheit betrifft, sind wir auf Landesebene stark darum bemüht, Maßnahmen zu schaffen, die so gut wie möglich auf die jeweilige Situation der Jugendlichen eingehen. Prävention und Aufklärung spielen dabei eine zentrale Rolle. Je früher wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie psychische Gesundheit gefördert werden kann; wo es Hilfe gibt; ab wann man sich Hilfe holen sollte, desto besser können Jugendliche auch selbst auf sich schauen. Das fängt nicht erst an, wenn das Problem pathologisch wird, sondern sehr viel früher. Es geht darum, zu erkennen, welche alltäglichen Dinge mir guttun; woraus ich Kraft schöpfen kann; welche Menschen in meinem Umfeld mich aufbauen. In diesem Bewusstsein kann etwa Joggen nicht nur körperliches Training, sondern zusätzlich Krafttanken für die Psyche sein. Letztlich ist das Ziel eine Enttabuisierung und das Thema psychische Gesundheit mitten im Leben zu verankern. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56015718_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Was kann Südtirol noch besser machen, um jungen Menschen in schwierigen Situationen das Leben zu erleichtern?</b><BR />Reiner: Bereits jetzt gibt es in Südtirol viele Angebote für Menschen, die eine schwierige Situation bewältigen müssen. Darauf sollten wir uns nicht ausruhen, sondern ständig daran arbeiten, diese noch besser und niederschwelliger zu machen. Auf gesellschaftlicher Ebene müssen wir Hemmschwellen abbauen. Jeder sollte sich selbst fragen: Wie geht es mir? Was kann ich für meine psychische Gesundheit tun? Wann komme ich an meine Grenzen? Kann ich mir Hilfe aus meinem Umfeld holen? Sollte ich mir professionellen Beistand suchen? Es ist völlig normal, dass es im Leben auch Tiefpunkte gibt. Das gilt es anzuerkennen, ohne Etiketten wie psychischer Störung, Depression oder ähnliches daran fest zu machen. Diese Begriffe brauchen wir zwar in der Diagnostik, sie wirken aber häufig abschreckend. In der Gesellschaft sollte jeder offen über unseren Gefühlszustand sprechen können und erkennen, dass er nicht mit allem alleine fertig werden muss. Den ersten Schritt muss zwar jeder selbst gehen, mit der Überzeugung, dass er seine Situation verbessern kann. Häufig ist der Spielraum dabei aber größer als vermutet. Wenn ich nicht weiß, welche Möglichkeiten es gibt, darf ich mich bei Beratungsstellen oder psychologischen Diensten informieren. Dabei können gemeinsam mögliche Schritte ermittelt werden. Wir versuchen mit verschiedenen Projekten und Workshops frühzeitig mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und bestimmte Themen ins Bewusstsein zu bringen. Dabei werden Möglichkeiten aufgezeigt, was sie selbst für sich machen können und Dienste und Beratungsstellen vorgestellt, auf die sie zurückgreifen können.<BR />