Montag, 26. Oktober 2020

Misshandlung in Bozen: „Erniedrigt, gedemütigt, mit Tod bedroht“

Unfassbar, was 2 Schwestern laut Anklage erdulden mussten: Ihr Vater und ihr Bruder sollen sie derart herabgewürdigt haben, „als seien sie keine menschlichen Wesen mehr“. Richterin Carla Scheidle verhängte über den 61-Jährigen und den 25-Jährigen, denen Misshandlungen in der Familie vorgeworfen wurde, eine Haftstrafe von je 3 Jahren.

2 Schwestern wurden von ihrem Vater und ihrem Bruder geschlagen und misshandelt.
Badge Local
2 Schwestern wurden von ihrem Vater und ihrem Bruder geschlagen und misshandelt. - Foto: © shutterstock
Ab diesem Strafmaß ist keine Bewährung vorgesehen. Sobald dem Vergleich Rechtskraft erwächst, müssten der Vater und der Sohn ihre Strafe antreten. Beide sind auf freiem Fuß, wurden aber mit einem Annäherungsverbot an die Opfer belegt. Für jene Straftaten, die in einen Zeitraum fallen, als der Sohn noch minderjährig war, wird er sich noch vor dem Jugendgericht verantworten müssen.

Selbstmordversuch aus Verzweiflung

Aufgeflogen war die Leidensgeschichte der Schwestern aus einer Einwandererfamilie, als eines der Mädchen ins Spital eingeliefert werden musste. Sie hatte in ihrer Verzweiflung einen Selbstmordversuch mit einer ätzenden Substanz unternommen. Der Vater selbst brachte sie ins Krankenhaus, verbot ihr laut Anklage aber, den Ärzten zu verraten, was sie zu sich genommen hatte, wodurch die Behandlung erst mit ziemlicher Verspätung begonnen werden konnte. Während das Mädchen im Spital war, hätten sich beide Angeklagten nicht um ihre Tochter bzw. Schwester gekümmert. Der Vater habe das Mädchen zudem gezwungen, zu sagen, dass ein Streit mit einer Freundin dem Suizidversuch zugrunde liege. Das Jugendgericht habe schließlich entschieden, die Minderjährige an einen sicheren Ort zu bringen, da sich die Angeklagten ihr gegenüber zusehends gewalttätiger zeigten. Geschützte Treffen im Beisein von Mitarbeitern des Sozialdienstes hätten sie nicht akzeptiert.

„Unmenschlicher Terror“

Auch die zweite Schwester habe die Willkür der Angeklagten zuspüren bekommen. Laut Anklage sei sie „unmenschlichem Terror“ ausgesetzt gewesen. Sie sei wüst beschimpft, geohrfeigt, ins Gesicht und am ganzen Körper geschlagen worden – und das aus nichtigen Gründen. Beispielsweise sei sie misshandelt worden, wenn sie sich weigerte, gleich bei der Heimkehr aus der Schule traditionelle Kleidung anzuziehen. Sie sei auch geprügelt worden, wenn sie nicht um 4 Uhr morgens aufstand, um zu beten, oder wenn sie sich einen Film im Fernsehen ansehen wollte.

Schläge mit der Metallstange

Mindestens 15 Mal habe der Bruder sie mit einer Metallstange auf den Rücken, das Gesäß und die Beine geschlagen, so heftig, dass das Mädchen nicht mehr sitzen konnte. Ein anderes Mal habe der Bruder sie auf den Kopf geschlagen, was eine schmerzhafte Schwellung zur Folge gehabt habe, bei anderen Gelegenheiten habe er sie mit Fußtritten und Ohrfeigen traktiert, bis Abdrücke zurück blieben. Sowohl Vater als auch Bruder hätten ihr gedroht, sie zu töten, falls ihnen etwas über eine Beziehung zu einem Jungen zu Ohren kommen sollte. Sie hätten der Jugendlichen auch gedroht, sie für eine Zwangsheirat in ihr Heimatland zu bringen. Das Mädchen durfte nicht aus dem Haus gehen oder sich mit Freundinnen treffen, sie durfte kein Handy besitzen, musste sich verschleiern und durfte keine Oberschule besuchen. Auch in ihrem Fall griff das Jugendgericht, sobald ihr Martyrium bekannt wurde, sofort ein und brachte sie an einen sicheren Ort.

rc

Schlagwörter: