In den ersten Oktobertagen 1922 endete in Bozen eine Ära, die der Landeshauptstadt einen großen Aufschwung beschert hatte, von der sie noch heute zehrt: Der letzte deutsche Bürgermeister Julius Perathoner (1849-1926) wurde von der italienischen Regierung abgesetzt. Es war dies die Folge des Marsches auf Bozen, zu dem Anhänger der faschistischen Partei am 1. Oktober 1922 aufgerufen hatten. <BR /><BR />Um den Marsch und den Faschismus im Allgemeinen ging es anlässlich einer Tagung an der Universität Bozen, organisiert von der Gemeinde Bozen, der Universität und dem Institut „Ferruccio Parri“. Namhafte Referenten waren der Einladung gefolgt und haben zum Thema gesprochen. <BR /><BR /> Historiker Andrea De Michele hatte in seiner Einführung erklärt, dass man mehrere Aspekte des italienischen Faschismus beleuchten und in Erinnerung rufen wolle. „Der Marsch auf Bozen wurde mehrmals als Testlauf auf den Marsch auf Rom bezeichnet“, meinte er. Es sei diese eine schwerwiegende Tat gegen die lokalen und staatlichen Behörden gewesen. Unabhängig davon dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass der Faschismus auch ein Vorbild für andere Bewegungen dieser Art in ganz Europa gewesen sei, auch für Adolf Hitler, meinte Di Michele. <BR /><BR />Auf dieses Thema ging der bekannte Historiker und ehemalige Professor an der Universität Köln, Wolfgang Schieder ein. Er gilt als ausgewiesener Experte im Bereich vergleichende Faschismusforschung und merkte zu Beginn an, dass der Faschismus heutzutage als polemischer Begriff genutzt werde: „Wenn es gegen Andere geht.“<BR /><BR />„Der Faschismus war ursprünglich eine rein italienische Bewegung“, meinte Schieder. Später jedoch wurde er zum Vorbild zahlreicher Bewegungen in ganz Europa. „Einer der wichtigsten und gelehrigsten Schüler Benito Mussolinis war Adolf Hitler. Aber nicht ideologisch, denn Mussolini hatte keine politische Theorie“. Mussolini hielt Hitler anfangs sogar für einen unbedeutenden Provinzpolitiker. Aufgrund verschiedener Geschehnisse hätten die Nazis keine große Sympathien für die italienischen Faschisten entwickelt und taten sich mit Hitlers Italienfreundlichkeit schwer. Dafür gab es 3 Gründe: „Es mangelte ihnen an Sozialismus, es fehlte der Antisemitismus und auch die Südtirolfrage spielte ebenfalls eine Rolle“, sagte Schieder. <BR /><BR />Der Brunecker Historiker Stefan Lechner kam schlussendlich auf den Marsch auf Bozen zu sprechen. In der gesamtstaatlichen Geschichtsschreibung fände man darüber relativ wenig. Lechner teilte die Meinung bekannter Kollegen nicht, dass dieses Ereignis eine Generalprobe für den Marsch auf Rom gewesen sei. „Das ist nicht haltbar und schlichtweg übertrieben“, meinte er. Lechner untermauerte dies unter anderem mit der Tatsache, dass es in anderen Städten Italiens faschistische Gewaltexzesse gegeben habe, die in Bozen ausgeblieben seien. „Lokal ist der Marsch bekannt, er wird in seiner ganzen Tragweite aber kaum wahrgenommen. Mehr im Bewusstsein geblieben ist der Blutsonntag vom 24. April 1921.“ <BR /><BR />Im Gegensatz zu Meran, wo der damalige Bürgermeister die Faschisten als politische Macht anerkannt hatte, vertrat der Bozner Bürgermeister Julius Perathoner gegenüber den, so Lechner, „Schwarzhemden“ eine glasklare Linie: „Er bestrafte sie mit demonstrativer Nichtbeachtung.“ Diese forderten daher immer vehementer Perathoners Absetzung und die Anerkennung ihres Forderungskatalogs. Am 2. Oktober wurde das Ernennungsdekret Perathoners zurückgezogen. „Das Rathaus wurde schlussendlich gestürmt, die Gegenwehr der Ordnungshüter war mäßig“, berichtete Lechner. <BR /><BR />Den Marsch auf Bozen bezeichnete er als Zwischenstation auf dem Weg nach Rom. „Er stand am Anfang des sogenannten schwarzen Oktobers, an dessen Ende Mussolini zum Regierungschef ernannt wurde.“ <BR /><BR /><b>„Wir müssen wachsam bleiben“</b><BR /><BR /><BR />In seinen Grußworten zum Auftakt der Tagung an der Universität Bozen erinnerte Bürgermeister Renzo Caramaschi daran, welches Leid der Faschismus und der Nationalsozialismus über Europa gebracht hätten. <BR /><BR /> Es gelte daher die Erinnerung am Leben zu erhalten. „Mann muss sich vorstellen, dass vor 100 Jahren der gewählte Bürgermeister samt Gemeinderat aufgelöst und die Demokratie de facto abgeschafft wurde“, sagte Vizebürgermeister Luis Walcher den „Dolomiten“. „Wir müssen uns auch darüber bewusst sein, dass es damals in erster Linie gegen das Deutschtum ging“, erklärte Walcher. <BR /><BR />„Die Geschehnisse von damals sollen uns eine Lehre sein: Bleiben wir wachsam, halten wir demokratische Werte hoch“, <a href="https://www.stol.it/artikel/politik/100-jahre-marsch-auf-bozen-landeshauptmann-mahnt-zur-wachsamkeit" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">meinte Landeshauptmann Arno Kompatscher anlässlich des bevorstehenden Gedenktages. </a><BR /><BR />„Die Aufarbeitung unserer Geschichte endet nie. Genauso wie eine entschlossene Ablehnung sämtlicher totalitärer Ideologien unsere Pflicht ist“, <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/100-jahre-marsch-auf-bozen-geschichtsaufarbeitung-staendige-aufgabe" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">schrieb SVP-Obmann Philipp Achammer in einer Aussendung.</a> Die Mitglieder der faschistischen Partei auf ihrem Weg durch die Laubengasse Richtung Rathaus. <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR />