Wahlen ist mehr als 750 Jahre alt. 1258 wurde das Dorf „Waaln“ erstmals erwähnt. Der Turm der heutigen Pfarrkirche soll zunächst ein Wachturm der Herren von Welsperg gewesen sein. An ihn wurde anfangs eine Kapelle angebaut, um 1500 dann die heutige Nikolauskirche.<BR /><BR />Das Dorf Alt-Wahlen dagegen entwickelte sich abseits von Kirche und Turm nahe am Wasser. Die Häuser wurden am Silvesterbach entlang errichtet – wohl deshalb, weil neben der Landwirtschaft mit dem Vieh auch viele Handwerksberufe das Wasser notwendig brauchten – vom Müller bis zum Hutmacher, vom Schmied bis zum Sägewerker.<h3> Segen und Fluch zugleich</h3>Doch die Nähe zum Bach war nicht nur Segen, sondern auch Fluch. Denn der Silvesterbach wurde immer wieder zum wilden und gefürchteten Bergbach. Dafür verantwortlich ist einmal das Pfannhorn, dessen lockeres Gestein mit viel Sand unter der dünnen Grasnarbe bei starken Regenfällen und Hagel leicht weggeschwemmt werden kann. Zum anderen trägt auch der Mensch Schuld daran. Denn im Mittelalter und auch später noch wurde der Bergwald massiv geschlägert, das Holz kam vielfach nach Venedig.<BR /><BR />Und ein dritter Grund ist die extreme Nutzung als Schafweide: Bis 1500 Schafe grasten den Berg ab, viel zu viele für die Fläche, deren Grasdecke dadurch immer schwerere Schäden nahm. Nicht umsonst wurde nach dem großen Hochwasser von 1882 die Almweide in den Gräben des Pfannhorns verboten. Diese wurden ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart herauf mit Sperren verbaut und die Hänge wurden gesichert sowie zum Teil bepflanzt und aufgeforstet, sodass Wahlen und Toblach heute vor dem Bach ziemlich sicher sind.<h3> Gefährlich am Wasser</h3>Um 1800 war das ganz anders. Immer wieder überschwemmte damals der ungebändigte Bach die Siedlungen an seinen Ufern. Der Theresianische Steuerkataster der Jahre 1775 bis 1780 bezeichnete fast alle Höfe Alt-Wahlens als „wassergefährig“. Im Urbar der Nikolauskirche von 1769 scheinen 26 Höfe und ein Wirtshaus in „Waaln“ auf. Einige von ihnen waren schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts in die Umgebung der Kirche ausgesiedelt worden. <BR /><BR />Doch die meisten von ihnen standen am Bachufer – bis zu jenem verhängnisvollen 14. August des Jahres 1823. Die Toblacher Pfarrchronik berichtet von einem „ungeheuren Unwetter“ an diesem Tag. „Der Silvesterbach schwoll dadurch innerhalb kürzester Zeit so an, dass er über die Ufer trat und in einer halben Stunde, zwischen 6 und 7 Uhr abends, Wahlen und Toblach überschwemmte.“ 14 Häuser in Wahlen und etwa 40 Häuser in Toblach seien dabei „teils ganz, teils zur Hälfte eingesandet“ worden „und das ganze Dorf war mit Schlamm, Steinen und Holz belegt.“ Erst nach 4 Tagen sei es gelungen, „über das Wasser Herr zu werden.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="928153_image" /></div> <BR /><BR />Während in Toblach die Häuser wieder bewohnbar gemacht wurden, entschied man sich in Alt-Wahlen, die Gebäude an einem sicheren Ort wiederaufzubauen, nämlich am Hügel bei der Pfarrkirche. So wurden die Ruinen am Bach nach und nach abgetragen und mit den Steinen errichtete man die neuen Häuser. <BR /><BR />Neuhaus, heute ein stattliches Bauerngehöft hinter dem Gastbetrieb „Enzianhütte“‚ das „über dem Wasser“ lag, „ist der einzig verbliebene Hof und stumme Zeuge der Alt-Wahlener Vergangenheit“, schreiben Agnes Mittich Steinwandter und Elmar Rainer in einem Beitrag für die Toblacher Gemeindezeitung „Info“ im September 2020.<h3> Ausgrabungen in Wahlen</h3>Ein weiterer Zeuge ist vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen, die 2017 von Stefan Mittich angestoßen und in Absprache mit dem Amt für Bodendenkmäler durchgeführt wurden, ans Tageslicht gelangt: die ehemalige „Strobl’sche Wirtsbehausung“. Sie war nach 1823 nicht abgerissen worden, sondern hatte noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehr schlecht als recht weiter bestanden. In Quellen scheint das Wirtshaus erst 1899 als gänzlich „durch das Wasser fortgerissen“ auf. Damit fand die Geschichte Alt-Wahlens endgültig ihr Ende.