Mittwoch, 22. Juli 2020

So hat Südtirol den Lockdown erlebt

Wie die Südtiroler den Lockdown erlebt haben, hat das Landesinstitut für Statistik ASTAT erhoben. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch vorgestellt.

Für 86 Prozent der Befragten war die Stimmung im Haus während des Lockdowns entspannt und für ebenso viele gab es kaum oder gar keine Konflikte.
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Für 86 Prozent der Befragten war die Stimmung im Haus während des Lockdowns entspannt und für ebenso viele gab es kaum oder gar keine Konflikte. - Foto: © shutterstock
Im Rahmen der Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Forum Prävention durchgeführt wurde, wurden einige Daten zum Alltagsleben der Personen im Alter zwischen 14 und 80 Jahren während der Lockdown-Phase (9. März - 3. Mai 2020) erhoben, die sich auf häusliche Stimmung, Gefühle und Werte, Vertrauen in Institutionen und Medien, Ernährungsgewohnheiten und Getränkekonsum, Freizeit und körperliche Betätigung, Online-Einkäufe, Arbeits- und Lehrmethoden beziehen.



Gute Stimmung im Haus

93 Prozent der Südtiroler im Alter von 14-80 Jahren, die nicht allein leben, geben an, dass sich zusammenlebende Personen während der Ausgangssperre genügend oder sehr viel gegenseitig unterstützt haben. Für 86 Prozent war die Stimmung im Haus entspannt und für ebenso viele gab es kaum oder gar keine Konflikte. 79 Prozent bezeichneten die häusliche Stimmung als nicht stressig.

Die Daten deuten darauf hin, dass die häusliche Stimmung von älteren Menschen positiver wahrgenommen wurde als von den Jüngeren. Ebenso wurde sie auch von Haushalten ohne zusammenlebende Kinder positiver eingeschätzt als von Haushalten mit zusammenlebenden Kindern. Außerdem ist festzustellen, dass der Anteil der Personen, die die häusliche Stimmung während der Ausgangssperre als kooperativ, angenehm, nicht konfliktreich und wenig stressig empfanden umso größer ist, je mehr Platz in den Häusern pro Kopf zur Verfügung stand.


Negativer und positiver Gemütszustand zugleich


In der Rangfolge der Gefühle, die die Südtiroler während der Ausgangssperre am meisten begleitet haben, steht die Sorge (43 Prozent, aber 50 Prozent bei den Personen mit zusammenlebenden Kindern) an 1. Stelle, gefolgt von Hoffnung (35 Prozent), Unsicherheit (34 Prozent, aber 42 Prozent bei den Personen mit zusammenlebenden
Kindern) und Freude (für kleine Dinge wie ein Lächeln oder einen Spaziergang, 33 Prozent).

Bei Männern und Frauen sind die 4 häufigsten Gemütszustände gleich, mit der Sorge an 1. Stelle (39 Prozent bzw. 46 Prozent). Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass erstere die Zeit der Einschränkungen etwas positiver erlebt haben als letztere.

Bei den Jüngsten steht Langeweile (48 Prozent) an 1. Stelle der Rangfolge, während Sorge (26 Prozent) und Unsicherheit (24 Prozent) das Podium verpassen. Zusammen mit den jungen Erwachsenen sind sie jedoch diejenigen, die am wenigsten an eine Lösung des Gesundheitsnotstands glauben.

Mindestens ein Wert hat für 77 Prozent der Personen an Bedeutung gewonnen

Die persönliche Autonomie ist für 43 Prozent der Südtiroler wichtiger geworden als vor der Ausgangssperre. Es folgen zwischenmenschliche Solidarität (41 Prozent), Gesundheit (40 Prozent), Bewegungsfreiheit
(39 Prozent, aber 49 Prozent bei den Stadtbewohnern), wirtschaftliche Sicherheit (39 Prozent) und Familie (37 Prozent). Die Veränderung der Wertvorstellungen ist bei den Frauen etwas ausgeprägter als bei den Männern.

Die Wertvorstellungen älterer Menschen sind beständiger als die von Jugendlichen und Erwachsenen. Infolge der Eindämmungsmaßnahmen ist die persönliche Autonomie für 51 Prozent der 14- bis 24-Jährigen wichtiger geworden gegenüber 30% der über 64-Jährigen. Die Bewegungsfreiheit hat an Bedeutung gewonnen, wobei die Prozentanteile mit zunehmendem Alter abnehmen (von 49 Prozent der 14- bis 24-Jährigen auf 30 Prozent der über 64-Jährigen). Mehr als 40 Prozent der 14- bis 64-Jährigen haben der wirtschaftlichen Sicherheit größere Bedeutung beigemessen gegenüber 25 Prozent der über 64-Jährigen.

Vertrauen in Institutionen und Medien

Das schlechteste Ergebnis erzielten die politischen Organe: 38 Prozent der Südtiroler geben an, dass sie aufgrund der Maßnahmen gegen die Pandemie weniger Vertrauen in die Politik haben, während 8 Prozent mehr vertrauen und 54 Prozent ihre Meinung nicht geändert haben. Auch das Vertrauen in die Ordnungshüter und die religiösen Einrichtungen ist gesunken, während das Vertrauen in die Gesundheitsversorgung unverändert geblieben ist.

Das Vertrauen in die Medien ist bei 34 Prozent der Bevölkerung gesunken, bei 7 Prozent gestiegen und bei 60 Prozent unverändert geblieben, mit einem negativen Gesamtergebnis.

Sowohl in Bezug auf die Institutionen als auch auf die Medien ist das Vertrauen bei den Männern stärker gesunken als bei den Frauen. Darüber hinaus ist der Rückgang bei den jungen Menschen insgesamt stärker als bei den älteren, mit Ausnahme der Gesundheitsversorgung, bei der das Vertrauen der 14- bis 24-Jährigen leicht gestiegen ist.



Gesündere Ernährung

28 Prozent der Südtiroler änderten ihre Ernährungsgewohnheiten während der Ausgangssperre und 39 Prozent ernährten sich bewusster als zuvor. In Bezug auf die Menge gaben 78 Prozent an, wie üblich gegessen zu haben, 9 Prozent weniger als üblich und 13 Prozent mehr als üblich. Viele von ihnen nahmen aus Langeweile oder aus reiner Lust mehr Nahrung zu sich, wenige aus Traurigkeit oder Angst. 65 Prozent hielten ihr vorheriges Gewicht, 12 Prozent verloren Gewicht und 23 Prozent nahmen zu.

Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, der Nahrungsmenge und des Körpergewichts treten bei jungen Menschen häufiger auf als bei älteren. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind hingegen
gering oder nicht signifikant.

Was die verschiedenen Lebensmittel betrifft, haben die Südtiroler im Durchschnitt mehr Obst und Gemüse, Süßwaren und frische Lebensmittel (Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte usw.) und mehr Mehlprodukte (Brot, Nudeln usw.) während der Ausgangssperre gegessen als zuvor. Dagegen
ging der Verbrauch von Wurstwaren, vorgekochten oder tiefgefrorenen Produkten, Konserven und salzigen Snacks zurück.

78 Prozent der Südtiroler Haushalte änderten ihr Kaufverhalten in Bezug auf die Qualität der gekauften Produkte nicht, 18 Prozent achteten mehr als zuvor auf die Qualität und 4 Prozent weniger als zuvor. Auf die Angebote achteten 75 Prozent beim Einkaufen wie zuvor, 15 Prozent haben mehr darauf geachtet und 10 Prozent weniger.

Während der Ausgangssperre haben 43 Prozent der Haushalte zu Hause Brot gebacken und 31 Prozent haben Vorräte angelegt. Nur wenige Haushalte (6 Prozent) hatten oft zu wenige Lebensmittel zu Hause und nur sehr wenige haben viele Lebensmittel weggeworfen.



Weniger Alkohol


Während der Ausgangssperre haben die Südtiroler im Durchschnitt mehr Wasser und mehr Kaffee oder Tee getrunken als zuvor. Stattdessen ging der Konsum von kohlensäurehaltigen Getränken, alkoholischen Getränken und Obstsäften zurück.

In Bezug auf den Alkoholkonsum geben 61 Prozent der Personen an, dass sie ihre Gewohnheiten während der Ausgangssperre nicht geändert haben, 26 Prozent haben ihren Alkoholkonsum reduziert und 13 Prozent haben mehr getrunken. Der Alkoholkonsum während der Ausgangssperre war daher niedriger als vor dem Gesundheitsnotstand.

Die Veränderung der Gewohnheiten eines Teils der Bevölkerung hat dazu geführt, dass die prozentuelle Verteilung der Häufigkeit des Alkoholkonsums während der Ausgangssperre von der im Jahr 2019(1) beobachteten abweicht, wobei der Anteil der Südtiroler zwischen 14 und 80 Jahren, die mindestens einmal pro Woche Alkohol trinken, von 57 Prozent auf 36 Prozent gesunken ist. Der Anteil der täglichen Konsumenten bei den 25- bis 64-Jährigen ist jedoch von 5 Prozent auf 10 Prozent gestiegen.

Der Rückgang des Alkoholkonsums im März und April 2020 betraf alle Altersgruppen, insbesondere aber die 14- bis 24-Jährigen. Unter ihnen tranken 42 Prozent während der Ausgangssperre weniger Alkohol als üblich und der Anteil derjenigen, die mindestens wöchentlich Alkohol konsumieren, fiel von 53 Prozent auf 19 Prozent. Die Menge und Häufigkeit des Konsums nahmen bei Männern und Frauen etwa gleich stark ab.



Mehr Freizeit

55 Prozent der Südtiroler hatten während der Ausgangssperre mehr Freizeit als üblich, 30 Prozent wie zuvor und 15 Prozent weniger als üblich. Männer und Jugendliche hatten aufgrund der Einschränkungen häufiger mehr Freizeit als Frauen und ältere Menschen.

In ihrer Freizeit sahen die Befragten hauptsächlich
fern (40 Prozent), putzten das Haus (36 Prozent), kochten (35 Prozent)
und erledigten kleine Arbeiten (Reparaturen, Gartenarbeiten, Heimwerken usw., 33 Prozent).



Viele haben sich fit gehalten

Während des Lockdowns haben sich 33 Prozent der Südtiroler (46 Prozent vor der Pandemie) unter Erhaltung der Verordnungen regelmäßig körperlich oder sportlich betätigt. Ungefähr genau so viele
(35 Prozent) haben sich von Zeit zu Zeit körperlich betätigt. 31 Prozent, gegenüber 17 Prozent in der Zeit vor dem Lockdown, haben sich überhaupt nicht körperlich betätigt.

Die Befragten versuchten, ihre Gewohnheiten beizubehalten. 54 Prozent derjenigen, die regelmäßig Sport treiben, haben sich weiterhin körperlich betätigt, 29 Prozent haben weniger trainiert als zuvor und 17 Prozent gar nicht. Unter den Gelegenheitssportlern trainierten 50 Prozent von
Zeit zu Zeit, 20 Prozent regelmäßig und 30 Prozent nie. Unter den Bewegungsfaulen haben 73 Prozent weiterhin keine körperliche Betätigung ausgeübt, 21 Prozent bewegten sich gelegentlich und 6 Prozent regelmäßig.

54 Prozent der 14- bis 80-Jährigen waren der Ansicht, dass
ihre körperliche Verfassung durch die Covid-19-Beschränkungen nicht beeinträchtigt wurde. 38 Prozent gaben stattdessen an, dass sie sich weniger fit fühlen als zuvor. Wenige (8 Prozent) haben ihre körperliche Verfassung während des Lockdowns verbessert. Es gibt einige altersbedingte Unterschiede, wobei sich der Lockdown bei jungen Menschen stärker auf die körperliche Kondition auswirkt als bei älteren Menschen.

Mehr Online-Shopping

46 Prozent der Südtiroler zwischen 14 und 80 Jahren haben in den 2 Monaten der Ausgangssperre im Internet eingekauft. Dieser Wert ist höher als die Schätzung des Prozentanteils der Online-Käufer aus früheren Erhebungen: Im Frühjahr 2019 gaben 31 Prozent der 14- bis 80-Jährigen an, in den 3 Monaten vor der Erhebung Produkte im Internet
gekauft zu haben.

Für etwa die Hälfte der Online-Käufer (49 Prozent) bewirkten die Einschränkungen keine Veränderungen in der Menge der online gekauften Produkte, 35 Prozent kauften mehr online als üblich und 17 Prozent weniger.

Bei den Männern war der Anteil der Online-Käufer während des Lockdowns etwas höher als bei den Frauen (49 Prozent gegenüber 43 Prozent). Größere Unterschiede finden sich hinsichtlich des Alters. Die aktivsten Online-Käufer im März und April 2020 waren die 25- bis 44-Jährigen (63 Prozent) und die 14- bis 24-Jährigen (62 Prozent), gefolgt von den 45- bis 64-Jährigen (41 Prozent). Am wenigsten haben die 65- bis 80-Jährigen (14 Prozent) online gekauft.

Technische Probleme für jeden 4. Smart Worker

42 Prozent der unselbstständig Beschäftigten arbeiteten während der Ausgangssperre an ihrem üblichen Arbeitsplatz oder an einem anderen Ort, aber nicht von zu Hause aus (33 Prozent immer und 9 Prozent zeitweise). 27 Prozent arbeiteten im Smart Working (21 Prozent immer und 6 Prozent zeitweise).

Bei 22 Prozent wurde während des gesamten Zeitraums und bei 6 Prozent während eines Teils des Zeitraums auf die Lohnausgleichskasse zurückgegriffen. 11 Prozent arbeiteten einen oder mehrere Tage nicht, weil sie im Urlaub waren, und 7 Prozent wegen Krankheit oder anderer Beurlaubungen.

13 Prozent der Smart Worker hatten während der Ausgangssperre eine nicht angemessene Internetverbindung und 14 Prozent hatten ungeeignete Geräte. 4 Prozent hatten Schwierigkeiten aufgrund mangelnder digitaler Kompetenzen. 25 Prozent, das heißt einer von 4 Smart Workern, hatte mindestens eines der 3 Probleme.



Technologische Probleme bei einem von 3 Oberschülern/Studenten

Mit der Verabschiedung des Dekrets des Ministerpräsidenten vom 8. März 2020 wurden Schulen und Universitäten verpflichtet, den Fernunterricht zu ermöglichen, um die Aussetzung der Lehrtätigkeit aufgrund des Coronavirus-Notstands auszugleichen.

60 Prozent der Schüler der Oberschule oder der Berufsschulen sind mit dem Online-Unterricht ziemlich oder sehr zufrieden. Unter den Universitätsstudenten steigt der Anteil der Zufriedenen auf 78 Prozent.

Von den Oberschülern geben 56 Prozent an, dass beim Fernunterricht das schulische Engagement höher als üblich war, bei 24 Prozent hat sich die der Schule gewidmete Zeit nicht verändert und bei 20 Prozent hat sie sich verringert. Unter den Universitätsstudenten hingegen geben 37 Prozent an, dass sie sich insgesamt mehr als zuvor für ihr Studium engagiert haben, ebenso viele (36 Prozent) weniger als zuvor und 27 Prozent wie zuvor.

80 Prozent der Schüler/Studierenden verfügten über eine ausreichende oder mehr als ausreichende Internetverbindung, um am Online-Unterricht teilzunehmen. Andererseits hatten 20 Prozent Probleme mit der Netzwerkverbindung.

Etwas besser ist die Situation bei der Ausstattung mit digitalen Geräten. 34 Prozent der Schüler/Studierenden verfügten über eine mehr als ausreichende Geräteausstattung und 53 Prozent über eine ausreichende Ausstattung. Nur 12 Prozent waren mit den ihnen zur Verfügung stehenden Geräten unzufrieden.

Wenige (5 Prozent) Schüler/Studierende sind der Meinung, dass sie nicht über ausreichende digitale Kompetenzen verfügen, um am Fernunterricht teilzunehmen. 30 Prozent, das heißt fast jeder 3. Schüler/Studierende, hatte mindestens eines der 3 Probleme.

Der Kommentar der Experten Dr. Peter Koler, Dr. Raffaela Vanzetta

Die Studie gibt einen Überblick über die alltägliche Routine und Gefühlslagen der Südtiroler Bevölkerung in der Lockdown-Phase. Der allgemeine Blick auf die Ergebnisse lässt den Eindruck entstehen, dass die Phase der Isolation und die damit verbundenen Einschränkungen und Herausforderungen von einem großen Teil - zwischen Sorge und Hoffnung, Freude und Unsicherheit - recht gut gemeistert wurden. Dies trotz widriger Umstände wie etwa den Verlust der Arbeit oder Wechsel der Arbeitsroutine bei fast 60 Prozent der Befragten. 80 Prozent der Südtiroler Bevölkerung scheinen mit einer guten Resilienz im Umgang mit spontanen Krisen ausgestattet zu sein, obwohl das Vertrauen - insbesondere in politische Institutionen, in die Ordnungskräfte und Medien - sehr gelitten hat.

Dafür haben Grundwerte wie Solidarität, Gesundheit und Familie
an Boden gewonnen. An Wertschätzung gewonnen haben auch die durch die Schließung stark eingeschränkten Grundrechte persönliche Autonomie und Bewegungsfreiheit. Dass bei vielen das Gefühl von
Unsicherheit aufkam, hat auch damit zu tun, dass die einschränkenden Maßnahmen öfters verlängert wurden und lange kein sicherer Endtermin feststand.


Bereits vorher benachteiligte und in der Erhebung erkennbare Bevölkerungsgruppen waren in der Phase des Lockdowns allerdings größeren Belastungen und Schwierigkeiten ausgesetzt: Es handelt sich dabei um die Familien - deren Bedürfnisse in einem gesellschaftlichen Diskurs auch vorher weniger wahrgenommen wurden - und um die Jugend, die auch im gesellschaftliche Normalmodus praktisch nie in Entscheidungsprozesse einbezogen wird. Ersichtlich wird das an einigen Kennzahlen: die häusliche Stimmung wurde von Jugendlichen und von Haushalten mit Kindern als weniger angenehm, stressiger und konfliktreicher empfunden. Sorgen und Unsicherheit sind bei Menschen, die mit Kindern zusammenleben, verbreiteter anzufinden.

Bemerkenswert ist auch, dass bei jungen Menschen nicht die Sorge, wie bei allen anderen Gruppen, an 1. Stelle der Gefühlsskalen rangiert, sondern die Langeweile. Dies ist nachvollziehbar, weil viele der für Jugendlichen sinnstiftenden Tätigkeiten, wie in der Schule sein, sich mit Freunden treffen und in Bewegung sein, nicht mehr möglich waren. Die jüngste Altersgruppe hatte zwar mehr freie Zeit, die sie am Telefon und in den sozialen Medien verbrachte, brauchte diese aber auch für ein zeitaufwändigeres Lernen mit veränderter digitalisierter Didaktik, für die sie nicht immer die notwendige technischen Voraussetzungen zur Verfügung hatte. Auch in ihrer persönlichen Autonomie und Bewegungsfreiheit fühlten sich junge Menschen stärker eingeschränkt als ältere Altersgruppen. Nicht von ungefähr kommt dann auch der größte Vertrauensverlust gegenüber der Politik und vor allem gegenüber den Ordnungskräften von der jüngsten Bevölkerungsschicht der 14-bis 24-Jährigen.

Beim Essverhalten wird über mehr bewusste Ernährung - mit mehr Obst und Gemüse und frische Lebensmittel - berichtet, andererseits verändern 35 Prozent der Befragten ihr Körpergewicht. So hat jede/r Vierte zugenommen. Dieser Umstand und der erhöhte Konsum von Süßigkeiten bei einem Viertel der Befragten, lassen vermuten, dass Gefühlslagen auch über Essen reguliert wurden.

Bemerkenswert sind die Veränderungen beim Alkoholkonsum: für einen Großteil der Bevölkerung ist dieser mit Ausgehen und gesellschaftlichen Aktivitäten verbunden. Ist das nicht möglich, sinkt der Konsum. Besonders deutlich wird dies wiederum bei der jüngsten Altersgruppe. Andererseits steigt der tägliche Konsum, im Vergleich zur Erhebung aus dem Jahr 2019, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Wie beim Essen wird auch beim Alkoholkonsum deutlich, dass ein Teil der Bevölkerung die Substanz Alkohol nutzt, um positive Gefühle zu verstärken und
negative zu dämpfen.


Bei den aufgelisteten Freizeitaktivitäten fällt auf, das der Lockdown klassische Rollenklischees verstärkt: Frauen putzen, kochen und telefonieren, während Männer kleine Arbeiten erledigen, den Keller aufräumen und sich körperlich betätigen. Gemeinsam schauen sie dann fern. Auffallend auch, dass klassische Medien wie Zeitungen und Radio sich nur mehr bei der ältesten Altersklasse in den oberen Rängen halten. Kreative Tätigkeiten wie musizieren, Hobbys und spielen zählen bei allen Altersgruppen zu den am wenigsten genannten. Auch das Gebet hat kaum mehr einen Stellenwert.

Für die nächste Zeit und die kommenden Phasen wird es von hoher Wichtigkeit sein, dass bei der Bevölkerung die Krisenkompetenz gestärkt wird. Das gelingt, indem Unterstützung zur Selbsthilfe angeboten wird und vertrauensstärkende Maßnahmen gesetzt werden. Auf psychologischer Ebene muss der Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit unterstützt werden. Das hilft den Menschen, ihre eigenen Fähigkeiten zu aktivieren und Lösungskompetenzen anzuwenden.

Familien und junge Menschen muss dabei ein besonderes Augenmerk zukommen. Wie es gelingen kann, junge Menschen in gesellschaftliche Prozesse mehr einzubinden und so Identifikation zu schaffen, wird eine besondere Herausforderung sein, um einen generationenübergreifenden Gesellschaftsvertrag garantieren zu können.





















stol

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