Montag, 17. Januar 2022

Streetworkerin: „Wichtig, dass Jugendliche Konsequenzen spüren“

Junge Schläger, die in Brixen Gleichaltrige terrorisieren; eine Gruppe – darunter auch ein Südtiroler –, die in Mailand einen Beamten angreift: Solche Meldungen hatten bisher Seltenheitswert. Nun kommen sie fast täglich. Was ist los mit Südtirols Jugendlichen? Nadine Lutz ist Teamleiterin der Streetworker in Meran. Sie sagt: „Für Jugendliche ist es wichtig, dass sie die Konsequenzen für ihr Handeln spüren.“

Bei Jugendkriminalität spielt auch die Gruppendynamik eine Rolle: „Der Stärkste bekommt am meisten Macht und Anerkennung in der Gruppe, weil die anderen Angst vor ihm haben“, weiß Nadine Lutz von den Meraner Streetworkern. - Foto: © shutterstock

Von:
Katrin Niedermair
Wenn die eigenen Taten keine Folgen haben; wenn man sich hinter der Gruppe Gleichgesinnter verstecken kann: „Das ist nicht hilfreich“, sagt Streetwork-Teamleiterin Nadine Lutz. „Dann stellt sich kein Lerneffekt ein.“ Der Respekt gegenüber den Ordnungskräften sei unter den Jugendlichen tatsächlich geringer geworden. „Woran das liegt, weiß ich nicht“, sagt sie.


Der Stärkste bekommt am meisten Macht und Anerkennung in der Gruppe, weil die anderen Angst vor ihm haben.
Nadine Lutz, Team Streetwork Burggrafenamt, Jugenddienst Meran



In Meran gibt es seit 16 Jahren Streetworker. Die Erfahrungen mit dem Projekt sind sehr gut. „Unser Ansatz ist es nicht, die Probleme der Anrainer zu lösen, sondern wir interessieren uns für die auffälligen Jugendlichen als Person“, erklärt Lutz. Dass durch ihren Einsatz problematische Situationen befriedet würden, sei ein positiver Nebeneffekt. Zwang übten die Streetworker nicht aus. „Wenn eine Gruppe uns ablehnt, drängen wir uns nicht auf.“ Trotzdem habe der Ansatz oft Erfolg. „Die Erfahrungen sind gut“, sagt Lutz: „Unser Team kommt gut an die Jugendlichen heran.“ Oft komme es vor, dass sich Jugendliche von sich aus an die Streetworker wenden, weil sie von anderen gehört haben, dass sie ihnen weiterhelfen können.

Kein Erfolg, nichts zu tun: Der Frust ist groß


Lutz weiß von großer Frustration, die auffällige Jugendliche empfänden: „Manche kommen in der Gesellschaft nicht zurecht, haben negative Erfahrungen gemacht, ihren Platz nicht gefunden.“ Das provoziere negative Verhaltensweisen. Die Corona-Krise komme erschwerend hinzu: „Gerade Jugendliche, die keine Arbeit haben, keine Ausbildungsstelle, in keinem Verein sind, haben momentan wenig Möglichkeiten, sich gesellschaftskonform zu treffen. Nichts ist wichtig.“ Das bringe Aggressionen mit sich.

„In der Jugend ist man sich der Konsequenzen des eigenen Handelns oft nicht bewusst.“ Auch die Gruppe, in der sich ein Jugendlicher bewege, habe Einfluss. „Dadurch kann sich die Sache noch mehr aufschaukeln. Der Stärkste bekommt am meisten Macht und Anerkennung in der Gruppe, weil die anderen Angst vor ihm haben.“

Oft sei es deshalb leichter, einzeln mit Jugendlichen zu arbeiten: „Wenn ein Mitglied der Gruppe eine Veränderung durchmacht, ändert das auch die Gruppendynamik“, erklärt Nadine Lutz.

Die Schläger von Brixen haben Videos ihrer Taten in den Sozialen Medien veröffentlicht, dort damit geprahlt. „Auf diese Weise bekommen sie Klicks und Aufmerksamkeit“, erklärt Lutz. Auch negative Rückmeldungen seien für solche Jugendliche oft eine Genugtuung. „Das verstärkt ihre Rolle in der Gesellschaft. Sie sehen: ,Sogar die Erwachsenen haben Angst vor mir. Ich bin ein Gangster, bekomme das auch gesagt. Umso mehr handle ich nach diesem Muster.‘“

Mit Tätern und Opfern arbeiten: Gute Erfahrungen in Meran

Und wie ausbrechen aus diesem Teufelskreis? „Auf der einen Seite muss man mit den Jugendlichen arbeiten, die die Übergriffe verüben. Auf der anderen Seite muss man jene Jugendlichen, die sie erleben, stärken.“ Streetworker könnten versuchen, die Orte aufzusuchen, an denen sich die Betroffenen aufhalten. „Wenn man konkret weiß, was läuft, würde man die Fälle ansprechen, versuchen, zu verstehen, worum es geht. Man muss sehen, was von der anderen Seite kommt. Sind sie gesprächsbereit? Was kommt von ihnen?“, erläutert Lutz.

In Meran habe man damit jedenfalls positive Erfahrungen gemacht: „Jeder kann sagen, was er erlebt. Das hilft den Jugendlichen weiter. Wenn sie sehen, was ihr Verhalten bei anderen auslösen kann, kann das eine Reflexion anregen.“

kn

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