Mittwoch, 01. Dezember 2021

Tiroler Covid-19-Studie: „Die Nervosität bei den Kindern steigt“

Wie steht es um das psychische Befinden von Kindern in Südtirol und im Bundesland Tirol. Dieser Frage geht ein Team der Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Hall seit Pandemiebeginn in einer Online-Befragung nach. Am 1. Dezember startet die vierte Erhebung.

Kinder leiden besonders unter den Folgen der Pandemie.
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Kinder leiden besonders unter den Folgen der Pandemie. - Foto: © Shutterstock / shutterstock
Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen im Sommer war den Kindern nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Jene, die bereits angeschlagen waren, konnten sich psychisch nicht erholen und „die Anzahl der Kinder, die Symptome zeigen, wird größer“, sagt Kathrin Sevecke, Direktorin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hall und Innsbruck.

Das gehe aus den Ergebnissen der bisherigen Online-Befragungen im Rahmen der „Tiroler Covid-19 Kinderstudie“ hervor und das sehe sie auch am wachsenden Zulauf an ihrer Klinik. Inmitten dieser angespannten Lage lädt ihr Team Eltern und Kinder aus Süd-, Ost- und Notirol dazu ein, an der vierten Online-Erhebung der „Tiroler Covid-19-Kinderstudie“ unter teilzunehmen. Anhand eines Fragebogens können sowohl die Kinder selbst, als auch die Eltern Auskunft über die psychische Befindlichkeit der Kinder geben.


„Die Nervosität steigt. Wenn es zu weiteren Belastungen, wie einer erneuten Schulschließung kommt, dann spitzt sich die Situation noch zu“, betrachtet die Klinikdirektorin die neuesten Entwicklungen mit Sorge. Kinder bräuchten Stabilität und eine organisierte Tagesstruktur sowie den Austausch mit Gleichaltrigen. „Neben therapeutischen Unterstützungsangeboten, finde ich es extrem wichtig, den Druck nicht noch zu erhöhen.“

Fragebogen beantworten und mit Expertinnen telefonieren

Direkt im Anschluss an die Teilnahme an der „Tiroler Covid-19-Kinderstudie“ bekommen Eltern und Schüler eine automatisierte Einschätzung ihrer Gesundheit. Für alle, auch für die Kinder, gilt zudem das Angebot, anonym mit einer Psychologin zu telefonieren.

„Bei diesen Telefonaten können wir Anleitungen von außen geben und zum Beispiel auf tolle Unterstützungsangebote, die es auch bereits im Internet gibt, verweisen. Wenn die Kinder und ihre Eltern von einer ausgeprägten Symptomatik berichten, dann vereinbaren wir zeitnah einen Termin in unserer Ambulanz“, schildert Sevecke.

Viermal mehr Kinder brauchen psychologische Hilfe

Der erste Teil der Online-Erhebung wurde im Lockdown im März 2020 durchgeführt, die Mehrheit der Kinder war noch im Normalbereich verortet. Im zweiten Teil vor einem Jahr wiesen bereits 16 Prozent klinisch relevante Krankheitszeichen auf. „Das bedeutet, dass man unbedingt professionelle Hilfe suchen soll“, erklärt Silvia Exenberger.

Die Klinische und Gesundheitspsychologin hebt den Hörer ab, wenn Eltern nach der Befragung das Telefonangebot wahrnehmen. Bei der dritten Erhebung im Juni 2021 wurde den ExpertInnen die kritische Entwicklung besonders drastisch vor Augen geführt. „Der Anteil der Kinder, die vom Normalbereich in den klinischen Bereich gerutscht sind, hat sich seit der ersten Erhebung auf 23 Prozent vervierfacht“, sagt Exenberger.

Dazu kommt noch ein zweiter Gipfel an Kindern, die vom Normalbereich unter Umständen in einen problematischen Zustand kommen werden. „Wenn hier noch eine Belastung dazukommt, dann geraten wieder mehr Kinder vom Normalbereich in den Problembereich und jene vom Problembereich in den klinischen Bereich.“

Die Symptome reichen von Stress, Überforderung und Angst bis hin zu weiteren Traumazeichen. Bei den bisherigen Online-Befragungen haben im Durchschnitt jeweils 700 Elternteile mitgemacht. Bei den Schülern ist die Teilnahmezahl von anfänglich durchschnittlich 220 im Juni auf 150 gesunken. Dabei wäre es den Experten besonders wichtig, dass möglichst viele Kinder selber bei der Studie mitmachen. Die Befragungen hätten nämlich gezeigt, dass Schüler ihr psychisches Befinden weitaus belasteter einschätzen als deren Eltern.

„Manche Symptome können Eltern nicht sehen, wenn die Kinder nicht darüber sprechen, etwa, dass ihnen düstere Gedanken durch den Kopf gehen, dass sie negativ in die Zukunft und auf sich selber schauen, oder sich schuldig fühlen. Andere negative emotionale Zustände, wie Wut und Reizbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder Antriebslosigkeit sind leichter erkennbar“, erläutert Exenberger.

Sie rät Eltern, in der Pandemie generell ihre Kinder zu beobachten ohne sie zu überwachen, sie in ihrem Tun zu bestärken, Schwierigkeiten anzusprechen und, ganz wichtig, ihnen Sicherheit zu geben. „Wenn draußen alles unsicher ist und man sich nicht mehr auskennt, dann ist es wichtig, dass Eltern eine Richtschnur vorgeben, auch wenn sie selber nicht genau wissen, was kommt.“

stol