Das gesamte Gebiet um den Reaktor, auch die Stadt Prybjat wird auf absehbare Zeit aufgrund der enormen Verstrahlung unbewohnbar bleiben. <BR /><h3> Wie alles begann</h3>Am Anfang der Katastrophe stand ein Reaktor nahe einer, erst kurz zuvor gegründeten, sowjetischen Musterstadt. In Prybjat lebten in den Apriltagen des Jahre 1986 knapp 50.000 Menschen, deren Schicksal plötzlich eine dramatische Wende erfahren sollte. <BR />Denn am Freitag, den 25. April, fand im nahegelegenen Atomkraftwerk Tschernobyl, unter der Leitung von Anatoli Djatlow, die Simulation eines Ernstfalls statt. Diese routinemäßigen Simulationen sollten das Personal auf einen Ernstfall vorbereiten und zur Vermeidung einer Katastrophe beitragen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="762593_image" /></div> <BR />An diesem Tag sollte aber genau das Gegenteil der Fall sein. Simuliert wurde ein großflächiger Stromausfall – in einem AKW durchaus ein schwerwiegender und ernster Zwischenfall. Mit der Simulation sollte sichergestellt werden, dass auch bei einem externen Stromausfall innerhalb des Kraftwerks genügend Strom produziert wird, um die Kühlsysteme am Laufen zu halten. <BR />Was genau bei diesem Test schief ging, blieb lange im Dunkeln. Heute gehen Experten davon aus, dass vor allem zwei Ursachen dazu geführt haben. Einerseits Mängel des anfälligeren graphit-modernierten Kernreaktors und andererseits Verstöße des Personals gegen die Sicherheitsvorschriften. Als Vorgeschichte sei hier noch zu nennen, dass es bereits 4 Jahre zuvor zu einem Zwischenfall gekommen war. Damals konnte in letzter Minute ein Unglück aber noch vermieden werden.<h3> Der Weg in die Katastrophe</h3>In den späten Abendstunden des 25. Aprils spitzte sich die Situation unbemerkt zu, während das Personal des AKWs nach wie vor von einem reibungslosen Ablauf der Simulation überzeugt waren. Man hatte sogar automatisch arbeitende Sicherheitssysteme abgeschaltet, die ansonsten eine Schnellausschaltung bedingt hätten. <BR />Als man schließlich bemerkte, dass etwas nicht stimmte, reagierte die Führungsebene hektisch und panisch. Der Schichtleiter befahl eine manuelle Reaktorabschaltung – ein Schritt der endgültig in die Katastrophe führen sollte. Denn dadurch wurde die Radioaktivität zusätzlich erhöht und die Leistung stieg immer weiter an – wodurch auch innerhalb kürzester Zeit große Mengen Kühlwasser verdampften.<BR /> Der dabei entstehende hohe Druck ließ den Reaktor zerbrechen. Zudem wurde eine chemische Reaktion in die Wege geleitet, die kurz darauf zu einer weiteren Explosion führte. Gegen 1:23 Uhr nachts am 26. April war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.<h3> Ein grausames Spiel mit Menschenleben</h3>Obwohl es zu mehreren Explosionen kam und der Reaktor ganz offensichtlich beschädigt war, ließ die Kraftwerksführung bis zum Abend des 26. April nach Außen hin verlautbaren, dass der Reaktor nach wie vor intakt sei. Das ließ man auch nach Moskau kommunizieren, wodurch wohl eine Evakuierung Prybjats auch verzögert wurde. <BR />Die entstandenen Brände auf und rund um dem Kraftwerksgelände wurden von der Feuerwehr bekämpft. Die jungen Männer aus der Umgebung wurden aber einerseits lange über den Ernst der Lage im Unklaren gelassen und hatten auch keinen richtigen Schutz gegen die deutlich erhöhte Strahlung. Bei einem größeren Teil von Ihnen wurde infolgedessen die Strahlenkrankheit diagnostiziert. Es war ihr Todesurteil – andere starben auch an Spätfolgen, wie etwa diverse Krebserkrankungen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="762596_image" /></div> <BR /><BR />Zudem wurden insgesamt um die 200.000 Menschen für Aufräumarbeiten auf dem Katastrophengebiet eingesetzt – viele von ihnen auch ohne adäquate Schutzausrüstung. Bei ihnen und bei den Menschen im näheren Umkreis des Katastrophengebietes stieg in den folgenden Monaten und Jahren die Krebsrate dramatisch an. Auch Kinder und Neugeborene blieben von den Folgen nicht verschont. Hier kam es etwa zu genetischen und teratogenen Schäden. <BR />Prybjat selbst wurde übrigens erst am 27. April evakuiert – lange Zeit wurde die Katastrophe vom sowjetischen Führungsapparat heruntergespielt und Bedenken von Experten ignoriert. Bis zum 3. Mai wurden alle Einwohner 10 Kilometer und bis zum 4 Mai, alle bis zu 30 Kilometer rund um Tschernobyl in Sicherheit gebracht. Am 29. April bestätigte die sowjetische Führung erstmals die Katastrophe, die Auswirkungen wurden aber weiterhin verschleiert. Wenngleich schon bald klar wurde, dass das Gebiet in unmittelbarer Nähe zum Reaktor auf lange Zeit unbewohnbar bleiben würde. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="762599_image" /></div> Radioaktive Wolken trieben gefährliche Stoffe über viele hunderte Kilometer in alle Himmelsrichtungen. Auch Österreich, Bayern und Südtirol waren davon durchaus stark betroffen. Einige Zeit wurde deshalb auch vom Verzehr von Pilzen, Wildtieren aber auch Gemüse gewarnt.<h3> Schrecken ohne Ende?</h3>Allgemein war die Lage nach dem Unglück lange Zeit von Desinformationen und Unterschätzung der Gefahren geprägt. Ein Expertenteam wurde zum Reaktor geschickt und allmählich wurde mit entsprechenden Maßnahmen reagiert. So kühlte man endlich den havarierten Reaktor und warf aus Hubschraubern Sand und Borsäure auf den offen gelegten Reaktorblock, um dadurch die Strahlung zu mindern. <BR />Als weiteres Problem sollte sich das Löschwasser herausstellen, bei dem eine weitere Dampfexplosion drohte. Es wurde schließlich durch die Feuerwehr abgepumpt. Bergleute gruben außerdem einen 150 Meter langen Zugang unter den vierten Reaktorblock um dort eine komplexe Kühlanalage zu installieren. Am Ende wurde die Kammer mit Beton ausgefüllt, um zu vermeiden, dass die Strahlung das Grundwasser um den Reaktor verseuchte. <BR />In den folgenden Tagen und Wochen wurde das Gebiet von sogenannten Liquidatoren großflächig gesäubert und das Dach des Reaktorblocks wurde gereinigt und über den gesamten Reaktor ein Sarkophag aus Stahl und Beton gebaut.<h3> Spätere Entwicklung</h3>Dieser Sarkophag wurde im Jahr 2017 schließlich über die alte Ummantelung geschoben, da diese die Sicherheit nach all den Jahren nicht mehr gewährleisten konnte. Das gesamte Gebiet um den Reaktor, auch die Stadt Prybjat wird auf absehbare Zeit aufgrund der enormen Verstrahlung unbewohnbar bleiben. <BR />Die drei noch funktionsfähigen Blöcke des Reaktors wurden zuerst wieder hochgefahren. Im Oktober 1991 kam es schließlich zu einem Feuer im zweiten Reaktorblock, weshalb auch dieser abgeschaltet wurde. Die Europäische Union beschloss 1994 schließlich der Ukraine ein Programm zur Zusammenarbeit vorzuschlagen, mit das schließlich zur endgültigen Stilllegung des Kernkraftwerkes in Tschernobyl führte.<BR /> Als Reaktion auf das Unglück bildete sich in vielen Teilen der Erde Widerstand gegen die Atomkraft – aus der auch Parteien wie die Grünen hervorgingen. Das Unglück hatte der Menschheit die Gefahren der Kernspaltung vor Augen geführt. Fortan diente Tschernobyl als Mahnmal. Auch in Kunst, Kultur und Fernsehen wurde das Unglück aufgegriffen – zuletzt etwa durch die Kurzserie „Tschernobyl“, in der die tragischen Ereignisse und die damit entstandenen menschlichen Schicksale schonungslos ehrlich behandelt werden.<h3> Aktuelle Ereignisse</h3>Der Überfall Russlands auf die Ukraine beeinflusst auch die Sperrzone rund um Tschernobyl. Denn auch rund um das Gebiet tobten Kämpfe. Gleich am ersten Tag der Intervention besetzten russische Truppen das Kraftwerk ein. <BR />In der Folge riss die Überwachung der Strahlenwerte weitestgehend ab und vom ukrainischen Personal vor Ort gab es teils dramatische Berichte über die Vernachlässigung von Sicherheitsbestimmungen. Zudem fiel plötzlich die Stromversorgung in Tschernobyl vorübergehend komplett aus. <BR />Ende März zogen sich die russischen Truppen aus dem Gelände zurück. Begleitet wurde der Abzug von Gerüchten darüber, dass sich einige russische Soldaten beim Einsatz vor Ort Strahlenschäden zugezogen hätten. Die ukrainische Atomenergiebehörde berichtete außerdem davon, dass das russische Militär in der verseuchten Sperrzone Gräben ausgehoben und sich dabei mit radioaktivem Material verseucht hätten. Aktuell bleibt das Ausmaß der Schäden am Unglücksreaktor selbst, aber auch bei den Soldaten im Unklaren.<BR />