Dienstag, 05. Mai 2020

Winterhaus geschlossen: 7000 Nächtigungen

Vom 10. Dezember bis 30. April haben 96 Freiwillige ein Haus für mehr als 50 obdachlose Menschen in Bozen freiwillig geführt und Corona-bedingte Herausforderungen gemeistert.

Von Dezember bis Ende April haben 96 Freiwillige ein Haus für mehr als 50 obdachlose Menschen in Bozen geführt.
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Von Dezember bis Ende April haben 96 Freiwillige ein Haus für mehr als 50 obdachlose Menschen in Bozen geführt. - Foto: © Privat
Nach einem Unfall fragen Rettende nicht nach Schuld, sondern danach, wer Hilfe braucht. So war es auch beim Bozner Winterhaus. Sozial engagierte Freiwillige rund um den Unternehmer Heiner Oberrauch wollten die politische Untätigkeit rund um die mehr als 100 obdachlosen Menschen in der Landeshauptstadt nicht mehr hinnehmen. Anfang Dezember organisierten sie unbürokratisch und schnell eine Unterkunft für mehr als 50 wohnungs- und obdachlose Männer, Frauen und Familien. 143 Tage lang haben fast 100 Freiwillige das Winterhaus engagiert betrieben und die Politik vor allem nach Ausbruch der Corona-Pandemie zum Handeln für die noch auf der Straße verbliebenen obdachlosen Menschen aufgefordert.

Keine Probleme mit Gewalt oder Diebstahl

Trotz negativer Prophezeiungen gab es im Winterhaus keine Probleme mit Gewalt oder Diebstahl. Respekt und Solidarität prägten den Umgang miteinander. In der Südtiroler Obdachlosenarbeit brauche es solch kleinstrukturierte Einrichtungen, ein gelingendes Zusammenspiel zwischen Fachkräften und Freiwilligen, politisches Wohlwohlen und neue Konzepte wie „Housing first“, betonen die Betreiber des Winterhauses nach Abschluss des Projektes.


Bunt gestaltete sich das Zusammenleben der mehr als 50 Bewohnerinnen und Bewohner in den vergangenen 5 Monaten im Winterhaus: Die Menschen kamen aus Südtirol, dem übrigen Italien, aus der Slowakei, der Türkei, aus Afghanistan, Pakistan, Mali, Gambia, Niger, Ghana und Marokko. Drei Viertel von ihnen waren Männer, die meisten unter 35 Jahre alt. Sie sind in den vergangenen Jahren aus ihrer Heimat geflohen, haben eine Aufenthaltsgenehmigung oder warten darauf, manche eine Arbeit, aber niemand eine Unterkunft. Andere Winterhaus-Bewohner – meist Männer mittleren Alters – leben bereits seit Jahren auf der Straße. Dazu kamen Frauen, die auch schon seit Jahren obdachlos sind, aber auch Familien auf der Flucht kamen im Winterhaus unter.

Offene, solidarische Hausgemeinschaft


Sie übernachteten dort in den Zimmern zu zweit, dritt oder viert, hatten jeweils ein Bad zur Verfügung, konnten abends und morgens Tee trinken und dabei von verschiedenen Betrieben gespendete Kekse essen. Bei den Freiwilligen fanden sie stets ein offenes Ohr. Trotz unterschiedlicher Vorgeschichten und Lebensrucksäcke haben die Gäste zu einer offenen und solidarischen Hausgemeinschaft zusammengefunden. Ursprünglich war die Schließung des Winterhauses für 10. März geplant. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

Heiner Oberrauch stellte sein Haus für weitere 2 Monate bereit. Die Freiwilligen übernahmen weiterhin Nachtdienste. Um Covid-19 einzudämmen, wurde das Winterhaus ab 21. März zur Ganztagesunterkunft. Trotz Virus und dank des großen Einsatzes von Paul Tschigg, Caroline von Hohenbühel, Federica Franchi und vieler anderer Freiwilliger – unter anderem des VinziBus – gelang es, die Menschen auch während der Ausgangssperre mit Essen zu versorgen und die Hygienevorschriften zu beachten.

Die politisch Zuständigen entzogen sich immer wieder der Verantwortung. Dafür sprangen aber Gastbetriebe mit Essen ein, übernahm eine Wäscherei kostenlos das Waschen der Bettwäsche, brachten Freiwillige Süßigkeiten und spendete eine Gärtnerei Blumen für den Garten. Es war ein Kraftakt.

Obdachlosigkeit kann jeden treffen

Die Erfahrung zeigt, dass Obdachlosigkeit jeden treffen kann, Männer und Frauen, Junge und Ältere. Enormer Leistungsdruck, fehlende berufliche Qualifikation, finanzielle Schwierigkeiten, Arbeitsplatzverlust, Schulden, Krankheit, Scheidung, Drogen oder Haftstrafen können den sozialen Abstieg auslösen. Entscheidend ist, welchen Umgang Menschen mit Problemen gelernt haben. Das Unglück trifft jene am härtesten, die es schon früher schwer hatten und denen soziale Kontakte fehlen.

Paul Tschigg ist seit mehr als 10 Jahren beim VinziBus, der Essensausgabe für obdachlose Menschen aktiv. Obdachlosigkeit zersetze den Körper und zerfleddere die Psyche, sagt er. Er beobachtet immer wieder, wie Passanten Bögen um obdachlose Menschen machen, hört von den Betroffenen, wie schwer es ist, keinen Rückhalt in der Gesellschaft zu haben, der öffentlichen Ablehnung und in Zeiten von Corona dem Denunziantentum noch zusätzlich ausgesetzt zu sein: „Wir haben herzzerreißende Szenen erlebt“, erzählt Paul Tschigg von obdachlosen Menschen, die auf Knien gebettelt hätten, um im Winterhaus endlich wieder warm duschen zu dürfen.

Während der Pandemie wurden in Bozen alle öffentlichen Toiletten geschlossen. So hatten die weiterhin auf den Straßen Verbliebenen keinen Zugang zu Sanitäranlagen. Zeitgleich wurde ein Zeltlager geräumt und weitere 20 Menschen blieben wohnungslos. „Wir wissen so wenig von obdachlosen Menschen, weil sie als Randgruppe nicht dazugehören“, sagt Paul Tschigg. Das Phänomen der Armut werde verdrängt.

Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche

Caroline von Hohenbühel kümmert sich mit der „Schutzhütte’ seit Jahren um wohnungs- und obdachlose Menschen in Bozen, meist um Migranten. Schon Dutzende Menschen haben im Vorraum der evangelischen Kirche geschlafen oder wurden ins Pfarrhaus aufgenommen. „Bei dieser angespannten Wohnungsmarktsituation haben Suchende große Schwierigkeiten, Wohnplatz zu finden“, sagt Caroline von Hohenbühel. Vermieter würden verlässliche Mieter bevorzugen und Fremden gegenüber große Vorurteile hegen. Das Leben auf der Straße verändere das Denken und Fühlen eines jeden Menschen – das des hiesigen genauso wie von Asylsuchenden, sagt die engagierte Frau. Um jemandem helfen zu können, müsse man ihn zuerst verstehen.

Die Angst vor dem Fremden erlebt auch Federica Franchi in ihrer Freiwilligenarbeit häufig. Als Vorsitzende des Vereins „Bozen solidale“ unterstützt sie seit Jahren eingewanderte obdachlose Menschen in der Landeshauptstadt. Sie begegnet dabei gravierenden Situationen von Ausgrenzung. Eine große Personengruppe in Bozen ohne Dach über dem Kopf besteht aus jungen Menschen aus Nicht-EU-Ländern, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind und eine Aufenthaltsgenehmigung haben. Viele von ihnen haben zwar Arbeit, aber keine Chance, sich eine stabile Zukunft aufzubauen, weil sie keinen Zugang zu bezahlbarem Wohnraum haben, sagt Federica Franchi. Wachsendem Reichtum stehe wachsende Armut gegenüber.

„Kein Mensch darf erfrieren“

Die Lebenserwartung von Menschen auf der Straße ist geringer als die durchschnittliche Lebenserwartung. Wohnen ist ein entscheidendes Kriterium für menschliche Existenz. Diese Überzeugung und mehrere mediale Aufrufe von Hilfsorganisationen und Privatpersonen, obdachlose Menschen zu unterstützen, haben den Unternehmer Heiner Oberrauch Ende November vergangenen Jahres auf den Plan gerufen. Er entschied, sein freistehendes Haus in der Carduccistraße in Bozen – ein ehemaliges Altenheim – kostenlos zur Verfügung zu stellen und lud Paul Tschigg, Caroline von Hohenbühel und Federica Franchi zur Mitarbeit ein. Es reichten 2 kurze Treffen, um ein Konzept zu erstellen. Den Worten folgten Taten, Barbara Bertagnolli kam als Freiwillige dazu und war vor allem bei der Organisation behilflich.

Unter dem Motto „Kein Mensch darf erfrieren“ wurden weitere Freiwillige für das Winterhaus gesucht. Die Resonanz war überwältigend: 100 Menschen aus der Landeshauptstadt und darüber hinaus meldeten sich spontan, halfen bei der Vorbereitung und sagten Nachtdienste zu. Innerhalb von 6 Tagen war die Notschlafstätte bezugsfertig und wurde am 10. Dezember mit 50 Menschen eröffnet. Die Freiwilligen hielten auch in der Zeit der Pandemie durch. Parallel führte das Kernteam Gespräche mit den politisch Verantwortlichen, um sowohl für die Bewohner des Winterhauses langfristige Lösungen zu finden, als auch für jene Menschen, die noch auf der Straße verblieben waren. Nach langem Hin und Her wurde die Messe Bozen für die weiteren 70 bis 80 noch auf der Straße lebenden Menschen geöffnet. Nach der Schließung des Winterhauses am vergangenen Freitag wurden die meisten der dortigen Bewohner auch in der Messe untergebracht. Nachhaltig sei das nicht, sagt das Kernteam des Winterhauses.

Projekt kann auf Dauer nicht freiwillig geführt werden

Langfristig brauche es klein strukturierte Einrichtungen für die verschiedenen Gruppen wohnungs- und obdachloser Menschen und zielgruppengerechte Betreuung. Frauen benötigen eine andere Begleitung als Männer, alkoholkranke und langjährig auf der Straße lebende Menschen eine andere Unterstützung als solche, die erst seit Kurzem wohnungslos sind. Eingewanderte Menschen sind auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum.

Auf Dauer könne ein Projekt wie das Winterhaus nicht freiwillig geführt werden, betonen Heiner Oberrauch, Federica Franchi, Caroline von Hohenbühel und Paul Tschigg. Allerdings zeige die fünfmonatige Erfahrung, dass obdachlose Menschen in einem sicheren, sauberen und vor allem respektvollen Ambiente wieder zu sich finden können und von Gewalt Abstand nehmen. Auch für künftige Obdachlosen-Projekte ließen sich Freiwillige finden. Dafür seien allerdings eine gute Arbeitsaufteilung und Abstimmung zwischen Fachkräften und Freiwilligen notwendig und es brauche den Rückhalt der Politik, betonen sie.

Strategie „Housing First“


„Housing First“: modernes Konzept in der Obdachlosenarbeit
In der Zeit nach der Corona-Pandemie müssen in Südtirol neue Wohnkonzepte entwickelt werden. Die Winterhaus-Betreiber sind überzeugt, dass obdachlose Menschen zuerst Wohnraum brauchen, dass sie Begegnung auf Augenhöhe und Vertrauen benötigen, dass sie durch Begleitung und Einbindung in die Gesellschaft viel schneller Eigenkräfte aktivieren und ihre Leben wieder selbstverantwortlich gestalten können. Nördliche Länder können dabei als Vorbild dienen. Dort gelingt es seit einiger Zeit durch die Umsetzung der ursprünglich aus den USA stammenden Strategie „Housing First“, die Zahl Obdach- und Wohnungsloser zu senken.

„Housing First“ sieht Wohnen als Ausgangspunkt und nicht als abschließendes Ziel. Menschen, die ihre Bleibe verlieren, bekommen sofort eine dauerhafte Wohnung. „Housing First“ erfahren obdachlose Menschen mit schwerwiegenden psychiatrischen Erkrankungen, mit psychischen Problemen, mit problematischem Drogen- und Alkoholkonsum, mit schlechter körperlicher Gesundheit und chronischen Erkrankungen. Wohnungslosen-Konzepte, die derzeit angewandt werden, wollen obdachlose Menschen zuerst wohnfähig machen, bevor ihnen dauerhafter Wohnraum bereitgestellt wird.

stol