Jedenfalls ein synästhetisches Erlebnis, das mit dem Schwingungsmuster, dem Herzschlag der Erde beginnt. Denn mitten in der Galerie hängt ein grauer Vorhang, eine Säule bildend, darin tauchen aus dem Nebel Sissa Micheli und Thomas Riess auf... <b>von Eva Gratl</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014198_image" /></div> <BR /><BR />Beide loten die Grenzen aus, Sissa Micheli hat in den fotografischen Werken einen Wurf von Textilien entwickelt, der immer neue unwiederholbare Würfe erschafft. Thomas Riess arbeitet sich in der realistischen Malerei bis zur Gegenstandslosigkeit vor. Die Ausstellung „Ode to two Worlds“ wird mit einer besonderen Installation „Behind the curtain“ eingeleitet: Ein grauer Vorhang verbirgt ein Video...<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014201_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>„What’s behind the curtain?“, fragt man sich, sobald man die Ausstellung betritt...</b><BR />Thomas Riess: Die Ausgangsidee ist ein Lied von Laurie Andersons erstem Studioalbum „Big Science“ von 1982, in dem es heißt: ...and they were all free, and they were all asking themselves the same question: „What is behind that curtain?’“ Dieser Song ist voll von Poesie, der in wenigen Sätzen unendlich viel beinhaltet.<BR /><?Schrift Spationierung="1ru"> <BR />Sissa Micheli: Das Video hinter dem Vorhang ist eine Gemeinschaftsarbeit, ausgehend von unserer Absicht, eine Einladungskarte zu machen. Das Video ist das gemeinsame Treffen von Fotografie und Malerei in einem Video als Porträt. Man sieht zwar unsere Gesichter, allerdings verschleiert hinter Rauch, der das vorüberziehende Leben symbolisiert.<BR /><?_Schrift> <BR />Riess: Wir bauen immer beide Pole in unseren Arbeiten mit ein: Leben und Tod, Werden und Vergehen und den Übergang; es geht in der ganzen Ausstellung um die Welt hinter den Dingen. <BR /><BR />Micheli: Es sind unsere zwei verschiedenen Künstlerwelten, das Helle und das Dunkel, das Apollinische und das Dionysische. In unseren beiden Arbeiten, Fotografie und Malerei, spielt die Flüchtigkeit des Augenblicks eine besondere Rolle. <BR />Riess: Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Schwarz-Weiß-Denken dominiert. Mit dieser Ausstellung wollen wir zeigen, dass das gesamte Leben aus dem Prinzip von beiden Seiten besteht. Deshalb versuchten wir, eine „Ode an die zwei Welten“ zu „singen“, wie der Ausstellungstitel „Ode to two Worlds“ verrät.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014204_image" /></div> Transformieren, 2023<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Könnte man Ihre Werke, die gesichtslose Körper zeigen, dahingehend interpretieren, dass uns in dieser unübersichtlichen Welt auch die Identität abhandenkommt?</b><BR />Riess: Ja, sicher ist dieser Dialog von Malerei und Fotografie mehrschichtig zu sehen. Die Vielschichtigkeit in der Malerei, vom Realismus bis hin zur Abstraktion, ist natürlich offensichtlich. Tiefer gedacht, leben wir natürlich in einem Selfie Zeitalter, wo alle versuchen, durch unterschiedliche Bildinterventionen Verjüngung und Schönheit ins Bild zu bringen. Dabei merken die wenigsten, dass uns dadurch die Individualität abhandenkommt und wir uns schablonisieren..<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014207_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie wählen in den Fotografien ganz besondere Titel: „Die unendliche Falte“, die „Metaphysik der Falten“: Was hat es mit der Falte in ihrer Kunst auf sich?</b><BR />Micheli: Ich beziehe mich da auf die barocke Philosophie insbesondere auf jene des Philosophen Leibniz. Ich übernehme in der Fotografie die „Faltenmalerei“. Nur durch die Falte entstehen in der Kunst Licht und Schatten, Höhen und Tiefen. Beides sind Metaphern, wie in der Philosophie Leibniz': Falten der Materie und Falten der Seele: Dabei geht es um die Wahrnehmung der Welt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014210_image" /></div> <BR /><BR /><b>Faltung und Entfaltung, mannigfaltig, Vielfalt: Offensichtlich ist den malerischen und fotografischen Arbeiten im übertragenen Sinn ein Denken mit /in Umwegen...</b><BR />Riess: Es hat damit zu tun, dass gerade die Falten in der Malerei eine wesentliche Rolle spielen. Die alten Meister haben bewusst ihr Können an der Falte präsentiert. So ist es auch für mich spannend, Werke des Künstlers von Velasquez zu betrachten, an denen das Gesicht weniger interessant ist als der Faltenwurf eines Gewandes. Daran sieht man die Stärke der Malerei. Das ist mehr als bloße Dekoration.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014213_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie findet man einen gemeinsamen Nenner, wenn 2 unterschiedliche Künstler-Persönlichkeiten eine Ausstellung bespielen?</b><BR />Micheli: Wir beflügeln uns gegenseitig und tauschen uns immer auch aus. Die Diskussion und ein intensives Philosophieren macht es einfacher. Vielleicht war die größere Herausforderung das gemeinsame Video. Wichtig war es, ein Thema zu finden, das zu beiden passt. Wie man in der Ausstellung bemerkt, schauen die Porträts meines Partners auf die Fotografie an der gegenüberliegenden Wand. Sie schauen und schauen nicht. Diese Ambiguität durchzieht wie ein roter Faden die Ausstellung und regt zur Reflexion an. Es geht uns in dieser Ausstellung auch um transzendentale Augenblicke. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014216_image" /></div> <BR />Riess: Wir haben unterschiedliche Zugänge, aber es gibt viele Parallelen. Vom Formalen her sind wir ziemlich artverwandt. Sissa hat als Fotografin in der Malerklasse studiert, ich habe Grafik studiert und inspiriere mich an der Fotografie. Mein Ausgangspunkt sind Werbefotos aus Magazinen. Es gibt in meiner Malerei eine Störfunktion. Durch diese Verbindung verändert sich der Zugang zur Malerei. Man muss die Arbeit hinterfragen, sie ist viel abstrakter zu sehen. In der Malerei faszinieren mich die Extreme, die ich dabei ausschöpfen kann: Vom Realistischen zum Abstrakten bis hin zur Gegenstandslosigkeit. Das Arbeiten an der Qualität ist vor allem in der figurativen Malerei ein besonderer Ansporn.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014219_image" /></div> <BR />Micheli: Wir haben eine unterschiedliche Herangehensweise. Thomas arbeitet realistisch, aber mit einem Akt der Abstraktion zerstört er diesen Ansatz. In der Fotografie halte ich etwas scharf, was normalerweise in der Fotografie sehr flüchtig und verschwommen dargestellt wird. Ich fotografiere mit einer ganz kurzen Belichtungszeit, d.h. ich reiße einen Augenblick aus der Bewegung heraus. So entstehen meine plastischen Fotografien. Es geht für mich darum, auch die Grenzen auszuloten, zu sehen, wie weit man kommt. Mit fliegenden Kleidungsstücken erschaffe ich temporäre Skulpturen. In meinen Fotografien sind die Identitäten hinter den Faltenwürfen versteckt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014222_image" /></div> <BR /><BR /><b>Noch eine Frage am Schluss: Was ist also für euch beide „behind the curtain“?</b><BR />Riess: Das versuchen wir herauszufinden, es ist eine Lebensaufgabe.<BR />Micheli: Wir sind sehr spirituelle Menschen, wir befassen uns in der Kunst mit diesen Themen: Gerade die Fotografie bringt die Vergänglichkeit auf den Punkt. Und wir sollten uns alle diese Vergänglichkeit immer wieder vergegenwärtigen. <BR /><BR /><BR /><b>Termin</b>: Bis 6.4., Alessandro Casciaro Art Gallery, Kapuziner- gasse 26a, Bozen<BR /><h3> Die Künstler</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1014225_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sissa Micheli</b> ist 1975 in Bruneck geboren. Von 1994 bis 2001 studiert sie Anglistik und Romanistik an der Universität Wien, wo sie von 2000 bis 2002 die Schule für künstlerische Fotografie besucht. Sie absolviert die Akademie der bildenden Künste in Wien. Von 2004 bis 2006 ist sie Kuratorin der Schaugrund-Ausstellung. Im Jahr 2006 trifft sie Louise Bourgeois in New York. Von 2007 bis 2011 unterrichtet sie an der Sommerakademie der Schönen Künste in Venedig. Sissa Micheli lebt und arbeitet in Wien.<BR /><BR /><BR /><b>Thomas Riess</b> ist 1970 in Zams, Tirol, geboren. Von 1995 bis 2001 studiert er an der Universität Mozarteum in Salzburg, Klasse für Graphik und visuelle Medien. Nach seinem Diplom zieht er nach Innsbruck. Seit 2009 lebt und arbeitet er in Wien.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright> <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR /><Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />