Er war mit dem Künstler befreundet, in seinem Kunstraum präsentieren der Architekt Walter Angonese und die Kuratorin Lisa Mazza, welche Sven Sachsalber in London begegnet ist, Aspekte des vielschichtigen Werkes. <b>von Eva Gratl</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020834_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie haben die Ausstellung zusammen mit dem Architekten Walter Angonese kuratiert und gestaltet. Was stand im Mittelpunkt Ihrer Überlegungen?</b><BR />Lisa Mazza: Die Einladung an der Ausstellung zu arbeiten kam zu einem Zeitpunkt, in dem die Forschungsarbeit zum Schaffen von Sven Sachsalber, die von Museion 2022 initiiert wurde und von BAU (Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie) – unter der Leitung von meiner Kollegin und Kuratorin Simone Mair und mir – durchgeführt wird, noch nicht abgeschlossen ist. Die Herausforderung für Walter Angonese und mich war es daher, die Ausstellung als Dispositiv zu denken, das der gegenwärtigen kunstkritischen Aufarbeitung gerecht wird und das Werk nicht versucht festzuschreiben. Ein eigens für die Ausstellung designter überdimensionierten Tisch, auf dem Arbeiten des Künstlers platziert wurden, und die Anlehnung einzelner Kunstwerke an die Wände anstatt einer Hängung, unterstreichen diesen offenen Prozess.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020837_image" /></div> <BR /><BR />Der Titel der Ausstellung <b>„Ich brauche noch Zeit“,</b> ein Auszug einer Nachricht des Künstlers an Ivo Barth, lässt einerseits vorausahnen, dass die Ausstellung auf der persönlichen Beziehung und Freundschaft zwischen dem Künstler Sven Sachsalber und dem Sammler Ivo Barth fußt. Zeit als Thema und wichtiges Element seines Schaffens zieht sich andererseits auch durch das gesamte Werk Sachsalbers. Die Ausstellung ermöglicht einen kleinen Einblick in die künstlerische Arbeit, ausgehend von den Werken aus der Sammlung von Ivo Barth, wie die Serie <b>„Kalter König“, die aus 218 Bleistiftzeichnungen</b> besteht oder die Fotoarbeit <b>„Diptych (a foto by George of Gilbert and me; a foto by Gilbert of George and me)</b>“aus 2012. Sie werden in Dialog gesetzt mit anderen Zeichnungen, Skulpturen, Collagen und Malerei aus den Jahren 2012 bis 2020.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020840_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben den Künstler auch gekannt: Was machte ihn aus?</b><BR />Mazza: Ja, ich habe ihn in London kennengelernt, als Kunststudent am Royal College of Arts. Die Kunst war für ihn eine Möglichkeit, sich mit seiner eigenen Biografie, seiner Herkunft zu beschäftigen. Sven war ein Suchender, der seinen Platz in der Welt und im Kunstsystem finden wollte. Er hatte eine unglaubliche soziale Intelligenz, Humor und Witz, die es ihm erlaubte innerhalb kürzester Zeit an jedem Ort, an dem er war, sich ein Netzwerk aufzubauen, mit Menschen in Austausch zu treten und Freundschaften zu pflegen. So konnte er sich in gleichem Maße in London, Laatsch und New York umtriebig machen. Seine Vergangenheit im professionellen Skisport wurde vor allem in seinen anfänglichen Performances klar sichtbar, in denen er seinen Körper über 24 Stunden an seine Grenzen trieb, wie in <b>Wilhalm (Curon) aus dem Jahr 2012</b> in der er 24 Stunden lang in einem Sarg sitzend um den Kirchturm im Reschensee ruderte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020843_image" /></div> <BR /><BR /><b>Kann man behaupten, sein früher Tod habe sein Werk auch musealisiert?</b><BR />Mazza: Von einer Musealisierung würde ich nicht sprechen, aber sein allzu früher Tod hat sicherlich was mit der Rezeption seiner Arbeit gemacht. Wenn ein Künstler oder eine Künstlerin nicht mehr am Leben ist, um ihr/sein eigenes Werk lebendig zu halten, wird diese Aufgabe plötzlich in die Hände der Erben, der Kunstinstitutionen und Galerien gelegt. Die Weitsicht des Museion, das eine Aufarbeitung seines Werkes und seiner Vita initiiert hat, hat hier sicherlich einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gesetzt. Über die Arbeit der Archivierung hinaus, wird es aber weiterhin wichtig sein, das Werk zu aktivieren, zu präsentieren und zu kontextualisieren, damit es nicht in Depots und Archivschränken liegen bleibt, sondern weiterhin gesehen werden und so als Werk lebendig bleiben kann. Die Ausstellung „Ich brauche noch Zeit“ im Kunstraum barth macht aktuell dazu einen wichtigen Beitag. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020846_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Die Ausstellung haben wir dem Kunstsammler Ivo Barth und dem Museion zu verdanken. Gibt es Aspekte, die Ihnen besonders am Herzen lagen?</b><BR />Mazza: Die Möglichkeit sein Werk zu präsentieren, dank der Initiative von Ivo Barth in seinem Kunstraum in Brixen, bietet eine wichtige Gelegenheit, einen Einblick in das Schaffen des Obervinschger Künstlers zu geben, der 2019 seine letzte Einzelausstellung in Südtirol in der ar/Ge kunst hatte und zuvor im Museion 2014. Ohne die Arbeit, die Simone Mair und ich in engem Austausch mit der Verantwortlichen für Sammlung und Archiv des Museion, Elena Bini, seit 2022 gemacht haben, wäre es wohl nicht möglich gewesen, in der Ausstellung einen so facettenreichen Einblick in die Arbeit von Sven Sachsalber zu geben. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020849_image" /></div> <BR />Die erste Phase des Forschungsprojektes über seine künstlerische Arbeit – seit der Studienzeit in London und mit einem Fokus auf Europa – hat mit dem gedruckte Report „Research Phase 1 Europe“ auch in der Ausstellung einen Platz gefunden. <BR /><BR /><BR />Die zweite Phase, die sich mit Svens außereuropäischem Wirken auseinandersetzen wird, ist gerade in Planung und sollte bis Mitte 2025 abgeschlossen werden. Es ist eine Herausforderung, gleichzeitig Arbeiten in einer Ausstellung zu präsentieren und diese kunstkritische aufzuarbeiten und einzuordnen. Dank der radikalen räumlichen Gestaltung von meinem Ko-Kurator Walter Angonese scheint mir diese Gleichzeitigkeit jedoch ein Stück weit gelungen zu sein.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020852_image" /></div> <BR /><BR /><b>Der gesamte Nachlass des Künstlers wird aufgearbeitet, ein großes Unterfangen. Was genau heißt Nachlasserschließung? Haben Sie da auch schon ungeahnte „Schätze“ entdeckt?</b><BR />Mazza: Ein Nachlass besteht ja nicht nur, die fertig gestellten Arbeiten, auch Entwürfe, Korrespondenzen, Einladungskarten, Presseartikel, Materialien sind Teil davon. Sie ermöglichen es, eine Arbeitsweise zu rekonstruieren, ein Netzwerk nachzuzeichnen und eine kunsthistorische Verortung vorzunehmen. Die Aufarbeitung eines Nachlasses ist ein sehr langer Prozess, der über viele Jahre dauert und wohl nie als ganz abgeschlossen betrachtet werden kann. Es gilt alles zu erfassen und zu inventarisieren, aber auch für die Zukunft zu sichern d.h. auch aus konservatorischer Perspektive richtig zu erhalten. Auch das Nachzeichnen eines Beziehungsnetzwerkes sowie die Vervollständigung des Curriculum Vitae mit allen Ausstellungen usw. Was uns bei der Aufarbeitung aufgefallen ist, war die Fülle an Werken, die während einer relativ kurzen Zeit von knapp 10 Jahren entstanden sind. Die unzähligen Zeichnungen, wie jene, die ihn mit anderen Großen der Kunst zeigen wie beispielsweise Joseph Beuys, Albrecht Dürer oder Martin Kippenberger, kannte ich vorher nicht. Sie verbildlichen Svens tiefen Wunsch Teil der Kunstgeschichte zu werden, in dem er sich wörtlich mit ins Bild gezeichnet hat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020855_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Warum ist das Werk von Sven Sachsalber so zeitlos aktuell?</b><BR />Mazza: Einerseits, ist es seine vielfältige künstlerische Sprache, von Skulptur bis Zeichnung und Malerei, Performance und Fotografie, die es immer wieder schafft zu überraschen, aber auch die Themen rund um Herkunft, Heimat, die kulturelle Referenzen eines Ortes sind Universalthemen der Menschheit und werden uns auch noch in Zukunft beschäftigen. Auch die Frage des Kanons in der Kunst verbunden mit der Frage, warum welche Künstlerinnen und Künstler Teil der Kunstgeschichte wurden, ist eine zeitlose.<BR />Da Sven den angefangenen Weg durch seinen verfrühten Tod nicht selbst weiter gehen kann, ist es noch viel wichtiger, dass wir als Kuratorinnen und Kuratoren, Sammlerinnen und Sammlern, Institutionen und Forschungseinrichtungen in Absprache mit den Erben sein Werk weiterhin öffentlich zugänglich machen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020858_image" /></div> <BR /><BR /><b>Termin:</b><BR />Bis 26.7., „b art h“ Kunstraum, Julius Durst Str. 38 Brixen, Besichtigung nach Voranmeldung<BR /><BR /><BR />Vita: Sven Sachsalber<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1020861_image" /></div> <BR />Der Künstler wurde 1987 in Schlanders geboren und ist in Laatsch aufgewachsen. Er besuchte die Sportoberschule in Mals, da er zunächst die Karriere eines Skirennläufers einschlug. Von 2010 bis 2013 studierte er Kunst am Fine Arts Royal College of Art London (Sculpture Department) und schloss mit einem Master ab. 2013 wurde er mit dem New York Prize ausgezeichnet, wo er eine Zeit lang lebte und einen beachtlichen Werdegang einschlug. 2019 erhielt er den Paul Flora Preis. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen und Performances. Er starb 2020.