Was der Intendant vor hat in dieser Opernsaison 2023/24, warum er sich für La Bohème zum Start gewählt hat und wie wichtig die Förderung junger Talente ist, erklärt Matthias Lošek im Gespräch.<BR /><BR /><BR /><b>Jede Opernsaison stand unter einem Motto. Für die neunte, Ihre letzte, haben Sie sich für den Titel „Nothing is written“ entschieden. Warum?</b><BR />Matthias Lošek: Die verschiedenen Titel sind Spiegel der Zeit, ich durfte damit zeigen, um was es mir ging. Oper ist das Leben. Es ist ein Versuch, in der Kunst das Leben zu reflektieren. Und im aktuellen Titel lässt sich alles zusammenfassen: Nichts ist geschrieben, nichts ist möglich, alles ist möglich. Es geht um das Schöpferische, das Einmalige, es geht um das noch nicht Geschriebene, um die Veränderung, um das Unvorhergesehene, das Unberechenbare, um den Menschen und somit um alles. Mit den an die Pop-Kultur angelehnten Titeln der Spielzeiten wollte ich von der ersten Ausgabe unter dem Motto „The irony of life“ an, Impulse geben. Das, worum es mir in der zeitgenössischen Oper im Grunde geht, ist die Frage: Wie tickt der Mensch?<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="953422_image" /></div> <BR /><BR /><b>In diesen Jahren wurden auch Opern in Auftrag gegeben an junge Komponisten und Komponistinnen aus der Euregio: Den Auftakt machte die Brixnerin Manuela Kerer mit „Toteis“, es folgte der Osttiroler Wolfgang Mitterer mit „Peter Pan – The Dark Side“ und nun folgt der Trient</b><b>ner Matteo Franceschini mit „Dorian Gray“. Warum dieses Sujet?</b><BR />Lošek: Bei diesen Uraufführungen war mir wichtig, dem Humus der Region einen Stellenwert einzuräumen, den er national und international auch hat. Der Komponist, der Librettist und Regisseur, Stefano Simone Pintor, und ich haben gemeinsam den Stoff ausgewählt. Pintor hat schon die Oper „Falcone“ (2022) inszeniert, und wenn man seinen Stil kennt, dann darf man sich eine bildgewaltige, ästhetische Umsetzung des Stoffes von Oscar Wilde erwarten. Dass Dorian Gray meine 9 Jahre als künstlerischer Leiter der Oper im Haydn Orchester abschließt, ist kein Zufall, denn es gibt nur wenige Stoffe in der Literatur und in der Musik, die sich so sehr mit Ästhetik und den Fragen auseinandersetzen wie: Was ist Kunst und was darf Kunst, wo hat Kunst im Sinne der Moral zu enden? Das ist sozusagen die Zusammenfassung meiner 9 Jahre Arbeit.<BR /><BR /><BR /><b>Durch den Musikwettbewerb „Fringe“ bekommt ein Musiktheaterprojekt die Chance, den Sprung auf die Bühne zu schaffen, indem es in den Spielplan der Stiftung Haydn aufgenommen wird und auch am Landestheater Innsbruck, Partnerinstitution der Haydn Stiftung, zu sehen sein wird. Im Jänner wird die Oper „Lorit – Eine Endzeitoper“ von Marius Binder uraufgeführt. Worum geht es da?</b><BR />Lošek: „Fringe“ ist sozusagen die kleine Schwester unseres Euregio Projektes, während dieses 3 Komponistinnen zeigt, die auf der internationalen Bühne beachtet sind, steht „Fringe“ für Nachwuchskünstler. Das wichtige dabei ist, dass wir eine nächste Stufe im Prozess des Künstlerwerdens anbieten. Das heurige Siegerprojekt, ist in der Thematik spannend: Es geht um den Klimawechsel. Wir sehen eine Art Jedermann-Fassung, ein Everyman-Play in einer Doppelung: Es spielt in einer alpinen Landschaft, es geht um den Wintertourismus. Das Stück wirft sicherlich viele Fragen auf.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="953425_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Und nun die wichtigste Frage zum Schluss: Sie eröffnen die Opern-Saison mit „La Bohème“ von Giacomo Puccini und führen nach Jahren auch noch selbst Regie? Was hat Sie dazu bewogen?</b><BR />Lošek: Im Gespräch mit dem Team kam der Wunsch auf, „traditionelle Oper“ zur Aufführung zu bringen. Und da fiel der Name Puccini, auch weil sich 2024 zum 100. Mal der Todestag des Komponisten jährt. Obwohl ich der künstlerische Leiter der zeitgenössischen Oper bin, bleibt Puccinis „La Bohème“ meine absolute Lieblingsoper. Ich habe ganz große Ehrfurcht vor diesem Werk, und ich habe lange nicht gewusst, wie man diese Oper anders inszenieren könnte als in den letzten 20 Jahren. Seit „Baz“ Luhrmann sie Mitte der 1990er Jahre in Sidney aufgeführt hat, hat sich die Darstellung auf der Bühne grundlegend geändert. Bis dato hatte man Rodolfo und Mimi mit 50-Plus-Jährigen besetzt, ab dem Zeitpunkt ging es um Wahrhaftigkeit in der Oper. Ich habe mich lange mit meiner wichtigsten Vertrauten ausgetauscht, meiner Frau, die mich am Ende fragte: „Und wer soll da Regie führen? Wer soll das nach deinen Ideen machen?“ Da wurde mir bewusst, dass ich selbst nach 24 Jahren wieder in den Ring steigen musste. Das Orchester, und der Chor werden Teil der Bühne sein, nur so viel will ich darüber erzählen. Worum geht es da: 4 junge Menschen, ein Schriftsteller, ein Maler, ein Musiker und ein Philosoph leben in einer Mansarde in Paris. Sie sind am Beginn dessen, was ein Schaffensprozess sein könnte. Gegenüber wohnt eine junge Schneiderin: „Mi chiamo Mimi“. Rodolfo, eigentlich vergeben, verliebt sich in Mimi – ich nenne es ein Requiem für Mimi. Denn die Tragik dieser Figur, sie stirbt, ist von Anfang an greifbar…<BR />Es ist die grausamste, schönste, aktuellste Oper, die je geschrieben wurde. Und am Ende, schreit Rodolfo: „Mimi!“ Die Frage stellt sich, was würde mit Rodolfo nun passieren? Die Antwort findet sich bei der Premiere am 19. November. Ich freue mich sehr, habe auch große Ehrfurcht davor. Als Auftakt für „Nothing is written“ ist „La Boheme“ geeignet wie keine andere Oper, weil es um Menschen geht auf der Schwelle von der Jugend zum Erwachsenenleben, und um eine Oper, die von Hoffnung, Träumen, Leidenschaft, Liebe und Tod erzählt. Andere Heldinnen dürfen sich rächen oder sich opfern, bevor sie sterben. Mimi aber ist tot – Mimi è morta. Das ist unfassbar. Diese Oper ist pure Magie, Leidenschaft. Alle Sänger und Sängerinnen sind sehr jung, denn mir geht es um Wahrhaftigkeit, auch wenn vielleicht nicht jeder Ton perfekt ist…<BR /><h3> Das Programm</h3><BR /><b>La Bohème</b> von Giacomo Puccini unter der musikalischen Leitung von Timothy Redmond und der Regie von Matthias Lošek <BR />19.11. (Oper.A Talk: 16 Uhr), 17 Uhr und 21.11. (Oper.A Talk: 18 Uhr), 19 Uhr, Stadttheater Bozen <BR /><TextHBlau>21.2.</TextHBlau>und 22.2., 19 Uhr Teatro Sociale Trient <BR /><BR />Crossing Bohème: 18.11., 18 Uhr, Stadttheater Bozen. Es diskutieren Philosophen, Künstlerinnen und Publikum über die Puccini Oper Moderation, Marco Russo, Philosoph und Manager des Musiklabels col legno<BR /><BR /><BR /><b>Lorit, eine Endzeitoper</b> von Marius Binder, Libretto Robert Prosser, musikalische Leitung Christoph Huber, Regie Christina Constanz Polzer<BR />21.1., 17 Uhr ( Oper.A Talk: 16 Uhr), Teatro Sociale Trient <BR />23.1., 20 Uhr (Oper.A Talk:19 Uhr), Stadttheater Bozen <BR />11.2., Tiroler Landestheater<BR /><BR /><BR /><b>Dorian Gray</b> von Matteo Franceschini, Libretto Stefano Simone Pintor, Musikalische Leitung Rossen Gergov, Regie, S.S. Pintor<BR />16.3., 20 Uhr (Oper.A Talk: 19 Uhr) und <BR />17.3., 17 Uhr (Oper.A Talk: 16 Uhr), Stadttheater Bozen <h3> Bemerkung am Rande</h3><BR />Zwar ist es offiziell noch nicht kommu- niziert worden, doch bereits durchgesickert: Der Künstlerische Leiter des Haydn Orchesters, Kom- ponist Giorgio Battistelli, wird auch die Leitung des Opernprogramms übernehmen. <BR /><BR />