Mittwoch, 06. November 2019

Samuel Koch: „Damals wollte ich erlöst werden, jetzt genieß' ich die Abenteuer“

Schauspieler Samuel Koch ist für eine Lesung und 2 Theatervorstellungen in der Hauptrolle des Judas in Lot Vekemans Stück Judas nach Südtirol gekommen. Seit seinem furchtbaren Unfall vor 9 Jahren bei „Wetten dass“ ist im Leben des jungen Mannes einiges passiert.

Samuel Koch ist am Mittwoch und am Donnerstag in der Hauptrolle des Judas in Lot Vekemans Stück Judas in Bozen bzw. Meran zu sehen. Im Bild: Samuel Koch bei seiner Lesung am Dienstagabend in Bozen.
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Samuel Koch ist am Mittwoch und am Donnerstag in der Hauptrolle des Judas in Lot Vekemans Stück Judas in Bozen bzw. Meran zu sehen. Im Bild: Samuel Koch bei seiner Lesung am Dienstagabend in Bozen. - Foto: © DLife

Im STOL-Interview spricht er über die schwierige Zeit kurz nach dem schrecklichen Unfall, über den harten, schmerzhaften Kampf zurück ins Leben, Suizidgedanken, über Mut, über Werteverschiebung und Verrücktheit, er schwärmt über seine Liebe Sarah und seine große Leidenschaft, das Theaterspielen.

Interview: Verena Stefenelli

Südtirol Online (STOL): Gehen wir noch einmal an jenen Tag zurück, wo sich für Sie alles verändert hat. Jener Abend bei „Wetten dass“, den auch viele Südtiroler live mitverfolgt haben…Können Sie sich noch erinnern, was Ihnen vor jenem schicksalshaften Sprung durch den Kopf ging….

Samuel Koch: Olá, ich erinnere mich so gut wie gar nicht. A ist es lange her und B hat das Hirn einen guten Schutzmechanismus parat: Das Vergessen. Ich erinnere mich lediglich an wenige Sekunden vor dem Unfall, wo im Kopf alles ablief, wie bei Tausenden Trainingssprüngen zuvor. Ab da, wo ich anlaufe, endet die Erinnerung.


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STOL: Und dann…die erste Zeit danach. Was war das Schwierigste, die körperliche oder die psychische Auseinandersetzung? Sie haben mal davon gesprochen, dass Sie sich vor allem selbst verzeihen mussten.


Samuel Koch: Es ging miteinander einher, diese ganze Abhängigkeit, das Angewiesen sein, die psychische Auseindersetzung ist das Schwierige gewesen. Auch rein praktisch überhaupt nichts machen zu können, sich nicht fortbewegen zu können, nicht eigenständig essen oder trinken zu können, grade am Anfang nicht selbst atmen zu können, sprechen zu können. Das war nicht wirklich lustig. Das „Sich selbst verzeihen“. Ich bin 3 Mal gefragt worden, ob ich mitmache, bis ich mich dafür entschieden habe, die Wette zu machen. Ich bin selber Schuld, und diese Schuld muss man sich selbst irgendwann vergeben.

STOL: Gab es auch Tage, wo Sie aufgeben wollten, wo Sie an Selbstmord dachten?

Samuel Koch: Ganz praktisch und konkret nie. Natürlich gab es die Momente, wo mich die Schmerzen gebeutelt haben und ich bin regelmäßig kollabiert vor Schmerz und da hab ich schon mal gesagt: „Mama hol den Tierarzt, denn wenn Tiere so leiden, werden sie erlöst“. Solche Momente gab es schon, aber es war nicht so, dass ich gesagt hab, ich stürze mich mit dem Rollstuhl von der Brüstung.

STOL: Sie haben 2 Monate vor dem Unfall eine Ausbildung an der Schauspielschule begonnen und diese dann trotz Lähmung fortgesetzt und erfolgreich abgeschlossen. Wer hat Sie darin bestärkt, wer hat Sie ermutigt?

Samuel Koch: Verschiedene Leute: Allen voran meine Kommilitonen zum Beispiel. Man muss wissen, dass das Schauspielstudium neben der Medizin das zeitintensivste Studium ist, wir sind in der kurzen Zeit zu einem familienähnlichen Gefüge zusammengewachsen. Die Leute waren teilweise auch beim Unfall mit dabei und auch die ersten in der Klinik. Die haben sofort gesagt: „Klar kommst du zurück! Wir machen mit dir weiter!“ Und auch einer meiner Dozenten an der Hochschule, der mit mir kurz nach dem Unfall bereits Texte geübt hat und mich genau wie vorher nicht mit Samthandschuhen angefasst hat, sondern mich beschimpft hat, wenn ich falsch rezitiert habe. Er sagte auch: Wir haben dich nicht nur wegen deiner körperlichen Leistungen genommen , sondern wegen deiner Fantasie, deiner Durchlässigkeit und deiner Kreativität. Du kommst zurück!„ Für ihn war es nie eine Frage, dass wir weiter zusammen arbeiten. Ich wollte aktiv bleiben, und so war das Studium das naheliegendste.


STOL: Ein großes Thema bei Ihnen war zu der Zeit und wahrscheinlich noch immer die „Werte“ und die Frage „Was bin ich wert?“ Alles worüber Sie nach außen hin definiert wurden, hatte keine Bedeutung mehr, wie eben der sportliche Samuel, der Artist usw.


Samuel Koch: Ja, das ist richtig. Man wurde immer darüber definiert, was man leistet und das dann nicht mehr vorhanden war, fragt man sich schon: Was ist man Wert? Man wird definiert darüber, was man tut. An unseren Errungenschaften messen wir unseren Wert. Für mich war es wichtig, das umzudrehen. Von einem „Tun, Haben, Sein“, zu einem “Sein, Haben,Tun„. Ich bin schon an sich wertvoll und geliebt, daraufhin habe ich ja schon einen Wert, und aus diesem Wert heraus darf ich etwas tun. Das hat mich entspannt und entspannt mich bis heute. Trotzdem werde ich lieber über meine Leistungen definiert, als über meine Fehlleistungen, die mir diesen Rollstuhl hier eingebrockt haben.

STOL: 2015 hatten Sie dann eine der ersten TV-Rollen in der Daily Soap “Sturm der Liebe„. Und der Name wurde zum Programm, als Sie und Ihre Serienpartnerin Sarah Elena Timpe sich auch im wahren Leben verliebt haben. Die Traumhochzeit folgte nur wenig später. 3 Tage lang haben Sie auf einem Platz mit Zirkuszelt gefeiert. Und Sie haben Ihre Ehefrau mit etwas ganz Besonderem überrascht.

Samuel Koch: Ja, der Tag ist unvergesslich. Ich hatte mit dem Thema Frauen ja abgeschlossen, doch dann lernte ich Sarah kennen. Wir waren uns schnell einig und haben dann 2 Jahre später geheiratet. Mittels einer Spezialkonstruktion konnte ich am Hochzeitstag nicht nur tanzen (das kann ja jeder) sondern weit über den Köpfen der Gäste schweben. Sie reden immer noch davon.

STOL: Du machst scheinbar gerne verrückte Sachen… wie etwa Tanzen, Paragliden, Hubschrauber fliegen, du lässt dich von deinem Bruder, der Physiotherapeut ist, einfach so hinstellen, an eine Mauer gelehnt. Ist es dir wichtig die „Comfort Zone“ zu verlassen, suchst du den Kick oder ist es einfach eine Möglichkeit, deinen Radius zu erweitern so im Sinne. „Ich kann nicht gehen, also fliege ich.“

Samuel Koch: Ich suche nicht den Kick, obwohl mir dieser Satz „Ich kann nicht gehen, also fliege ich“ wirklich sehr gut gefällt. Ich brauche den Kick aber nicht mehr. Ich hatte es lange genug. Aber natürlich lote ich Grenzen aus und extrem wichtig ist es, die Wohlfühlzone zu verlassen. Ich würde verkümmern, wenn ich nur in meiner Wohnung bleiben würde. Ich genieße das Leben und das, was es an Abenteuer zu bieten hat.

STOL: Du bist mittlerweile Vorbild für unglaublich viele Menschen, hast auch mehrere Mutmachbücher geschrieben und über Resilienz. Was gibst du Leuten in schwierigen oder gar aussichtlosen Situationen mit auf den Weg?

Samuel Koch: Menschen etwas in die Hand zu geben, da bin ich sehr vorsichtig. Bewältigungsstrategien sind sehr individuell. Wie man psychisch widerstandsfähig bleibt oder wird, liegt bei jedem selbst. Auf meiner Suche nach der universalen Antwort, die es ja nicht gibt, bin ich auf viele alternative, überraschende Sachen gestoßen. Mit den 7 Säulen der Resilienz kommt man da oft nicht weiter. Wichtig ist anderen zu helfen, demütig zu bleiben, oder Sanftmut, Langmut, Selbstdistanzierung, Endlichkeitsbewusstsein und Sinn zu finden. Ratgeberliteratur funktioniert oft einfach nicht. Veränderung und Bewältigung muss von Innen heraus stattfinden, nicht umgekehrt. Das Wollen muss von Innen heraus kommen. Bei einigen braucht es viel Zeit, bei anderen weniger. Bei einigen funktioniert es mit Stille, bei anderen mit Gesellschaft. Wichtig ist die Sinnsuche, sich selbst und anderen vergeben. Also es ist sehr individuell und die Antwort schlummert meist schon in einem selber.

STOL: Du bist fixes Ensemblemitglied am Mannheimer Nationaltheater. Heute und morgen bist du in Lot Vekemans Stück Judas als Judas in Bozen und Meran zu sehen, eine deiner vielen Hauptrollen, die du am Theater spielst. Was hat dich fasziniert an der Person des Judas. Was gibst du der Figur und was gibt die Figur dir?

Samuel Koch: Schöne Frage: Ich geb der Figur meine Stimme, Gedanken, alles, was ich an Ausdruck vermag, und auch mein Herz. Vielleicht mittlerweile auch meine Symphatie. Die Beschäftigung mit der Figur und dem Thema hat mir gegeben, dass ich mich mit diesem Verräter beschäftigt habe und darüber hinaus, nämlich welcher Mensch dahinter steckt, dass er Bedürfnisse hatte, Wut hatte, die ihn zu Entscheidungen brachte, wofür er bis heute negative Berühmtheit erlangte. Dass er vielleicht fromm war, zu radikal fromm war, dass man über ihn nicht nur stupide urteilen darf. Es hat mich gelehrt, dass man generell nicht zu schnell urteilen kann und sollte. Als Zuschauer kann man durch dieses Stück über das Thema der Schuld reflektieren, wie etwa die eigene Schuld zu hinterfragen und neue Denkräume zu eröffnen. Ich freue mich, wenn das Stück zum Nachdenken anregt.

STOL: Danke für das Gespräch.

Wenn Sie Samuel Koch live erleben wollen, es gibt noch Karten

Als Schauspieler tritt Samuel Koch in Lot Vekemans Stück „Judas“ (Nationaltheater Mannheim) auf, das am heutigen Mittwoch im Bozner Waltherhaus und am morgigen Donnerstag im Meraner Stadttheater zu sehen ist. Infos: www.kulturinstitut.org




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