Schwäne gleiten in den dunklen Untiefen des Flusses. Eine Phalanx von Enten stürmt in einen nahegelegenen Sumpf und schreckt eine schwarze Wolke wilder Mücken empor. Sie lassen sich wieder rund um eine Rentierherde nieder, die am Flussufer weidet. <BR /><BR />Hier, wo der Tiaga, der bedrohliche sibirische Wald, die Sonne verdeckt, ist die Kälte so scharf wie die bekannte klingenartigen Feuersteine im Flussbett. Ungemütlich trifft sie den Bauern, der gerade aus seiner Blockhütte kommt. Er bleibt auf der Treppe stehen und überlegt, ob seine erste Aufgabe des Tages darin besteht soll, den Pflug zu reparieren, der gestern kaputt gegangen ist, weil er zu tief gegraben hat und den dauerhaft gefrorenen Boden erreicht hat, oder ob er für das Abendessen Kaninchen jagen will. Stattdessen zündet er seine Pfeife an. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="961969_image" /></div> <BR /><BR />Zwei Nomadenfamilien schlafen noch immer in ihren Zelten, in der Luft riecht es stark nach nassem Hund, während das Eis auf deren Fellen schmilzt. An einem Handelsposten streiten Fallensteller um den Preis von Hermelin- und Zobelfellen. <BR /><BR />Am Rande der Siedlung macht sich ein Landstreicher mit klirrenden Töpfen und Pfannen auf dem Rücken auf den Weg zum nächsten Dorf, das zwanzig Kilometer entfernt liegt. Am Rande des Dorfes stößt ein Bootsmann zum ersten Mal an diesem Tag vom Flussufer ab. Der halbmondförmige Rumpf seines Bootes ist überladen mit kreischenden Hühnern, knurrenden Hunden und schweigenden Bauern.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="961972_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR />Ohne Vorwarnung blitzt es blendend blau am Himmel auf, gefolgt von einem Brüllen und einem sengenden Hitzestoß. Es ertönt ein donnernder Knall, der Boden bebt, und die bis dato ruhige Luft ist erfüllt von Feuer, schwarzem Rauch und Trümmern.<BR /><BR />Das Boot zerfällt und schleudert Menschen und Tiere in den eiskalten Fluss. Das Hemd des Bauern ist ihm am Rücken verbrannt. Der Landstreicher wird von den Füßen gerissen, seine Töpfe und Pfannen fliegen wie Schrapnelle umher. Einer der Fallensteller, der in der Tür des Handelspostens steht, wird bewusstlos, überwältigt von der sengenden Hitze. <h3> Nur noch verkohlte Kadaver</h3>Die Zelte der Nomaden werden losgerissen, die Männer und Hunde darin werden über den Boden gerollt wie Blätter im Sturm. Von den Rentieren sind nur noch verkohlte Kadaver übrig. Der Wald hat sich in ein knisterndes Inferno verwandelt und ein schwarzer Feuerball steigt in die Luft.<BR /><BR />Was war geschehen? Am 30. Juni 1908 gegen 7 Uhr morgens werden die Menschen in Zentralasien und Sibirien Zeugen eines ungewöhnlichen Ereignisses: Plötzlich schießt eine Feuerkugel flach über die Stadt Irkutsk hinweg. Knallend und knatternd verschwindet sie nach Nordwesten. Sie fliegt über die Taiga, bis sie Vanovara erreicht, eine kleine Handelsstation am Fluss Podkamennaya Tunguska, den dort „Steinige Tunguska“ genannten Fluss. <BR /><BR />Dort dreht die Kugel nach Norden. Plötzlich spaltet ein greller Blitz den Himmel. Es wird blendend hell. Feuersäulen steigen auf. Ein Hitzeschwall rollt über die Taiga hinweg, Donnerschlag folgt auf Donnerschlag. In einem Gebiet, so groß wie das Pustertal samt dessen Seitentälern, werden 80 Millionen Bäume entwurzelt, entastet, geknickt.<BR />In Vanovara bersten die Fenster, und – wie gesagt - Menschen werden zu Boden geschleudert, Hirtenhunde und Rentiere verbrennen zu Asche. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="961975_image" /></div> <BR /><BR />Was damals ein großes Waldgebiet in Russland verwüstete, gibt bis heute Anlass zu heftigen Spekulationen. Die Erklärungsversuche reichen von einem explodierten Raumschiff über eine Kollision mit einem Kometen bis hin zu einem Überschall-Gasausbruch aus der größten Kohlelagerstätte der Welt. Doch was wissen wir heute wirklich, rund 115 Jahre nach den seltsamen Ereignissen von Tunguska?<BR /><BR />Wie gesagt, in der näheren Umgebung des Geschehens lebten nur wenige Augenzeugen. Diese erzählen davon, dass die Hitze ihnen das Hemd in den Körper brannte, dass Metall schmolz, dass die Fenster zerbarsten und Verschläge einstürzten.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="961978_image" /></div> <BR /><BR />Das alte Physikalische Institut der Universität Bologna ist ein ehrwürdiges Gebäude mit verwinkelten Gängen, hohen Räumen und einem beeindruckenden Treppenhaus. Hier hat Giuseppe Longo sein kleines Büro, immer noch, trotz seiner 79 Jahre. Eine Urkunde an der Wand sticht ins Auge. Für seine Verdienste hat ihm die Internationale Astronomische Union den Asteroiden 5948 Longo verehrt. Der Kernphysiker kümmert sich seit 1991 ausschließlich um Tunguska – doch viel ist es nicht, worauf er seine Arbeit stützen kann.<BR /><BR />„Das Einzige, was wir mit Sicherheit wissen, sind die Auswirkungen dieses Ereignisses auf den Wald von Tunguska,“ meint der Wissenschaftler.<BR />Die Gesteinsproben 210Pb und 137Cs auf dem Grund des Sees Cheko weisen darauf hin, dass der Übergang von der unteren zur oberen Sequenz kurz vor dem Tunguska-Ereignis stattfand. Die Pollenanalyse zeigt, dass Überreste von Wasserpflanzen in der oberen Sequenz nach 1908 reichlich vorhanden sind, aber im unteren Teil des Kerns vor 1908 fehlen. Die Ergebnisse, legen nahe, dass sich der Cheko-See zum Zeitpunkt des Tunguska-Ereignisses gebildet hat.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="961981_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR />Seit dem Ereignis von 1908 gab es schätzungsweise 1000 wissenschaftliche Arbeiten. Einige Proben aus einem Torfmoor nahe der Mitte des betroffenen Gebiets zeigen Fragmente, die möglicherweise meteoritischen Ursprungs sind (Asteroid oder Komet). Frühe Schätzungen der Energie des Luftstoßes reichen von 10 bis 15 und bis 30 Megatonnen TNT-Dynamit. <BR /><BR />Im Gegensatz dazu gehen moderne Supercomputer-Berechnungen davon aus, dass der Luftausbruch einen Energiebereich von 3 bis 5 Megatonnen TNT-Dynamit hatte.<BR /><BR />Vor 110 Jahren explodierte damit ein bislang unbekanntes Weltraumobjekt namens „Tunguska-Meteorit“ über der sibirischen Taiga. Diese große Explosion bleibt ein Rätsel und vereint Menschen unterschiedlicher Fachrichtungen (Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Musiker) in dem Bemühen, eine Erklärung für dieses Phänomen zu finden. „Der Tunguska-Meteorit“ gilt als der größte Absturz des Himmelskörpers auf der Erde in der jüngeren Geschichte. Die Fragmente eines außerirdischen Objekts wurden jedoch trotz langer Suche und vieler Expeditionen nicht gefunden … <BR />