Keineswegs von Einzelfällen kann man nämlich sprechen, wenn man sich die Heuschreckenplagen in Südtirol in den letzten paar hundert Jahren ansieht. Richtiggehende Invasionen spielten sich da ab, wie man sie heute nur aus den Fernsehnachrichten aus afrikanischen Ländern kennt. <BR /><BR />Das gab es im Mittelalter und später zum Schrecken der Einheimischen fast im Jahrestakt. Und Heuschreckeninvasionen bedeuteten fast immer auch Hungersnöte, denn die Tiere fraßen alles, was ihren Weg kreuzte. Deshalb begegneten die Südtiroler von einst derartigen Ereignissen mit einer Art Generalmobilmachung.<h3> Vom Kind bis zum Greis im Kampf</h3>Von den Kindern bis zu den Greisen machten sich alle mit Besen, Schaufeln und oft nur mit bloßen Händen auf, um die Heuschreckenarmee abzuwehren. Das berichtet etwa die Bozner Chronik. Eine ganz besonders schwere Heuschreckenplage, heißt es da, gab es beispielsweise im Jahr 1338. Betroffen waren vor allem die Gegend von Bozen und das Überetsch. <BR /><BR />Nur 3 Jahre später wiederholte sich das Ereignis. In der Bozner Chronik hieß es dazu: „Die Heuschrecken flogen durch das Land vor Bozen und die Etsch abwärts. Sie sammelten sich im Pustertal und die jungen Käfer fraßen das Korn, das man für das Vieh im Stall mähen musste. Jedermann musste mit seinem Hausgesinde mit Besen und Stäben auf die Käfer einschlagen. Allein in der Stadt Bruneck füllte man drei große Keller mit Heuschrecken. In Brixen und Eppan tötete man sie mit kochendem Wasser und vergrub sie und wurde ihrer doch nicht ganz Herr.“ Auch mit Feuer rückte man den Heuschrecken zu Leibe.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="942793_image" /></div> <BR /><BR />Um das Ausmaß zu verstehen: So ein Schwarm kann aus bis zu 2 Milliarden Tieren bestehen und er bedeckt eine Fläche von rund 12 Quadratkilometern. „Bei heißem und nicht zu feuchtem Wetter legen die Heuschrecken ihre Eier im Boden ab. Aus den Larven schlüpfen im Folgejahr wieder Heuschrecken und verlängern somit die Plage“, schildert Christian Rohr von der Universität Erfurt, dass es mit einem einmaligen Überfall oft nicht getan war. Und – im Jahr 1364 dauerte die Plage in Tirol von Mitte August bis zum Wintereinbruch.<h3> Heuschrecken wanderten 200 Kilometer pro Tag</h3>Die früheste dokumentierte Heuschreckeninvasion in Südtirol geht auf das Jahr 591 zurück. Doch es ist nur etwas mehr als 300 Jahre her, da gehörten derartige Naturereignisse für die heimische Bevölkerung noch zum normalen Leben. Die letzte Invasion, die zeitgleich Nord- und Südtirol traf, wurde 1693 in den Chroniken festgehalten (die letzte in Mitteleuropa überhaupt gab es Mitte des 18. Jahrhunderts). <BR /><BR />Den heutigen Südtirolern sind derartige Szenarien völlig fremd. Über Jahrhunderte tauchten die Schwärme aus den Steppen des Ostens immer wieder auf und sorgten in den Tälern Nord-, Ost- und Südtirols für riesige Schäden. Und Hungersnöte aufgrund der zerstörten Ernte. Die Schwärme der Europäischen Wanderheuschrecke, die hierfür verantwortlich war, legten übrigens bei gutem Wind bis zu 200 Kilometer pro Tag zurück.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="942796_image" /></div> <BR /><BR />Auf ihrem Weg nach Westen schlugen die Heuschrecken unterschiedliche Wege ein. Aus der Schwarzmeerregion oder aus Moldawien über Ungarn kommend gab es eine nördliche Route über Salzburg und Oberbayern ins Inntal ( <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/biblische-plage-als-tirol-einen-krieg-gegen-heuschrecken-fuehrte" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">die Nordtiroler Ereignisse wie etwa der „Kampf um Innsbruck“ sind in diesem Artikel beschrieben</a>). <BR /><BR />Für Südtirol relevant war die südlichere Route, die über Kärnten und Osttirol ins Pustertal führte. Wie auch im obigen Text der Bozner Chronik vermerkt. Von dort wanderten die Heuschreckenschwärme über die Felder auf den Anhöhen über dem Eisacktal Richtung Bozen weiter und entlang der Etsch bis ins Trentino. <BR /><BR />Es gab aber auch noch eine dritte Route. Gefahr drohte aus Bozner Sicht zwar meist aus Norden, manchmal aber auch aus Richtung Süden. Vor allem während der sogenannten Kleinen Eiszeit vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert, wichen die Heuschrecken dem alpinen Gelände über Kroatien in das Gebiet nördlich der Adria aus. Über die Poebene wanderten die Tiere von Süden kommend auch über das Etschtal in das Trentino und weiter bis nach Südtirol. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="942799_image" /></div> <BR /><BR />Mit der Kleinen Eiszeit wurden die Invasionen im Alpenraum übrigens seltener und blieben dann ganz aus. Denn „nach der Mitte des 16. Jahrhunderts verschwanden die Heuschrecken in Mitteleuropa für rund 150 Jahre fast völlig und kamen praktisch nur mehr im Mittelmeerraum vor. Erst zwischen 1690 und 1694 zogen wieder nennenswerte Schwärme von Ungarn in die Alpenregion“, so Christian Rohr.<BR /><BR />Die meisten Heuschreckeninvasionen fanden ab etwa Mitte August statt. Jene im Jahr 1340 erst im September. Erntezeit war damals meist Ende Juli/Anfang August. Es war daher für die Südtiroler Bauern von einst ganz besonders wichtig, die Ernte noch vor dem Eintreffen der Heuschrecken durchzuführen. Ein großes Problem war dies, wenn die Heuschrecken sehr früh eintrafen. Das war beispielsweise im Juni 1341 der Fall. Als sich die Kunde verbreitete, brachte man in der Zugrichtung der Heuschrecken so schnell als möglich noch die Getreideernte vorzeitig ein, ehe die Tiere auf ihrem Zug vom Pustertal nach Süden auftauchten. 1339 etwa bis ins Lagertal bei Rovereto, 1480 bis zum Gardasee. <BR /><BR />Ganz besonders schlimm erwischte es die Bauern im Nordtiroler Inntal 1547, als die Heuschrecken bereits Ende Mai eintrafen. Da gab es nicht mehr viel zu retten.<h3> Prämien für erlegte Heuschrecken</h3>Um nicht nur die Bauern, sondern die gesamte Bevölkerung, die ja ebenfalls von den Ernteausfällen betroffen war, im Kampf Mensch gegen Heuschrecken besonders anzuspornen, wurden sogar Prämien ausgesetzt. Für jedes Star erlegter Heuschrecken wurden 3 Schilling ausbezahlt. Ein Bozner Star entspricht übrigens knapp 31 Liter. Und 3 Schilling entsprachen dem Tageslohn eines Lehrlings. Motiviert waren die Menschen im Kampf gegen die Heuschrecken aber so oder so. Schließlich wollte keiner durch einen Ernteverlust bis zum nächsten Jahr Hunger leiden.<BR /><BR />Apropos Kleine Eiszeit, die dem Treiben ein Ende setzte: Eine Wissenschaftlergruppe des deutschen Julius-Kühn-Instituts und der Technischen Hochschule Köln hat aktuell eine mögliche Ausbreitung der Italienischen Schönschrecke, der Marokkanischen Wanderheuschrecke und der Europäischen Wanderheuschrecke im Zuge des Klimawandels modelliert. <BR /><BR />Das beunruhigende Ergebnis: 10 bis 25 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche an den untersuchten Standorten könnte wieder von Heuschreckenschwärmen bedroht sein. Einst zog die Europäische Wanderheuschrecke besonders in warmen und trockenen Sommern zu uns oder wenn nach außergewöhnlich trockenen Perioden Regenfälle einsetzten. Bedingungen, die nach dem Ende der Kleinen Eiszeit wieder gegeben sind.<BR />