Ein erstaunlicher Vergleich fällt Thomas Meraner ein, um die Besonderheit seines Fachs bildlich zu erklären: „Wir kochen mit Omas Zutaten und nach Omas Rezepten, also nach althergebrachter Tradition.“ Ehe man zum Überlegen kommt, was alte Musik mit Großmutters Kochkünsten gemeinsam haben könnte, folgt das nächste kuriose Bild: Barockmusik auf entsprechenden Instrumenten zu interpretieren sei ein wenig wie einen Oldtimer durch die Gegend kutschieren. <BR /><BR />Also gut, es ist die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, komponiert von Größen wie Bach und Händel, Beethoven und Mozart, die mit den Instrumenten der damaligen Zeit gespielt wird. „Natürlich wird Barockmusik vielfach auch mit zeitgemäßen Instrumenten gespielt, allerdings ist das etwas Anderes“, gibt Thomas Meraner zu bedenken. <BR /><BR />Es ist klar, dass die Musik der unvergleichlichen Meister, wenn sie mit den Instrumenten der damaligen Zeit gespielt wird, auch anders klingt: ausdrucksstark und verspielt, sehr wohl auch weich und samtig. <h3>Musizieren wie zu Zeiten von Bach und Beethoven</h3>Das hat einerseits mit der Charakteristik und Bauart der Instrumente zu tun, aber auch mit der Art zu musizieren. Eine Barockpartitur enthält schließlich kaum Angaben über Artikulation oder Dynamik, folglich müssen die Musiker bzw. Ensembles derartige Dinge eigenständig festlegen. „Die Art des Musizierens bzw. die Interpretation der Stücke ist nochmals ein Fach für sich, dabei werden beispielsweise Schriftverkehr von Komponisten oder sonstige Quellen studiert“, erklärt Thomas Meraner. Er hat sich bereits nach Abschluss der Matura aufgemacht, um sich vollumfänglich dem Studium der Oboe zu widmen, wobei er sich bald schon auf die Barock-Oboe spezialisierte. <BR /><BR />Heute lebt der 39-Jährige mit seiner japanischen Frau Chicako und den beiden Kindern in Coburg, hat an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart einen Lehrauftrag, aber ist viele Wochen im Jahr als freischaffender Musiker unterwegs für Auftritte, die ihn bis nach Asien, Australien und Südamerika bringen.<h3> Wie kam es dazu?</h3>Schon frühzeitig folgte der Girlaner dem Lockruf der Musik und widmete sich dem Studium der Oboe am Konservatorium „C. Monteverdi“ in Bozen. Damit war der Grundstein für die Folgestudien gelegt – ab 2006 verschrieb er sich in Basel mit ganzer Kraft der Barockmusikszene. <BR /><BR />Bei Sergio Azzolini vertiefte er seine Kenntnisse im Fach Kammermusik, bei Emmanuel Abbühl indessen gab es die Spezialisierung auf Barock-Oboe, weitere Vertiefungen bzw. Masterstudien folgten von 2008 bis 2010 an der „Scola Cantorum Basiliensis“ bei Katharina Arfken und von 2010 bis 2012 am Konservatorium von Amsterdam bei Alfredo Bernardini. Basel und Amsterdam gelten als Hochburgen für ältere Musik. „Ich habe dieses Fach weiterverfolgt, weil es mehr meinem Wesen entspricht als die moderne Oboe“, begründet Meraner seinen ungewöhnlichen Werdegang. Bereits 2009 war er Solo-Oboist im European Union Baroque Orchestra (EUBO), in jener Zeit gehörte er zu den Mitbegründern des Ensembles Cafebaum, mit dem er 2013 den internationalen Wettbewerb der Händel-Festspiele Göttingen gewann.<BR /><BR />Nach und nach ergab sich eine Vielzahl an Möglichkeiten, in erstklassigen Orchestern und Ensembles mitzuwirken, so etwa im Kammerorchester Basel, im Freiburger Barockorchester, im Orchester „Il Giardino Armonico“, in der Bach-Stiftung St. Gallen sowie im Bach Collegium Japan. „Wenn das Publikum am Ende eines Konzertes begeistert applaudiert, dann weiß man immer, dass sich die Mühen und Strapazen gelohnt haben“, sagt Meraner, den seine Musik bereits in die wichtigsten Konzerthäuser der Welt gebracht haben. <h3>Tourneen in fernen Ländern</h3>Viele Tourneen brachten ihn nach Ostasien (Japan, Korea), Australien sowie Südamerika, zusätzlich dazu stehen immer wieder Mitschnitte für TV-Produktionen oder Audio-Aufnahmen auf dem Programm. Ähnlich wie im Spitzensport müssten Profimusiker „abliefern können, wenn es drauf ankommt – vor allem dann, wenn ein Solo womöglich nur 10 Sekunden dauert“. Dies gelte in körperlicher wie auch in mentaler Hinsicht. <BR /><BR />Besonders mag er an seinem Beruf die stetige Herausforderung, denn man müsse sich immer wieder aufs Neue auf ungewohnte Situationen einlassen können. Somit bleibe man ständig kreativ und offen. Wenngleich oftmals dieselben Stücke zur Aufführung gelangen, so unterscheiden sie sich doch in ihrer Interpretation durch das Ensemble. Letztlich handelt es sich bei jeder Aufführung um ein eigenes Werk. <BR /><BR />Einen Ankerpunkt im bewegten Musikerleben von Thomas Meraner spielt seit vielen Jahren seine Frau Chicako. Sie stammt aus Tokio, ist ebenso ausgebildete Oboistin, wenngleich sie festes Ensemblemitglied in einem Theaterorchester ist. Kennengelernt haben sie sich zu Studienzeiten in Basel, zusammen haben sie 2 Kinder. „Einmal im Jahr sind wir in Tokio zu Besuch, zu Weihnachten oder im Sommer gönnen wir uns ein paar Tage Auszeit bei meinen Eltern in Girlan“, erklärt Meraner. <BR /><BR />Zusätzlich zu seiner vielfältigen Tätigkeit als Musiker kommt die Lehrtätigkeit: Seit Mai 2013 ist der Girlaner Lehrbeauftragter für Barockoboe an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart, 3 Jahre lang (2018 bis 2021) hat er zudem an der Hochschule für Musik in Weimar unterrichtet. <BR /><BR />Seit 2016 ist er mit dem Kammerorchester Basel und „Il Giardino Armonico“ Teil des Langzeitprojektes „Haydn 2032“, das unter der Leitung von Dirigent Giovanni Antonini die Gesamtaufnahme aller 107 Sinfonien von Joseph Haydn aufführen und auf CD einspielen wird. <h3>Ein Mammutwerk: Alle 107 Sinfonien Haydns</h3>Zu den Höhepunkten im abgelaufenen Jahr 2023 zählte eine Opernproduktion mit dem Freiburger Barockorchester in der Staatsoper von Berlin; kein Geringerer als der britische Stardirigent Sir Simon Rattle schwang dabei den Dirigentenstock. <BR /><BR />Die nächste Tournee führt ihn mit dem Freiburger Barockorchester nach Skandinavien, da wird Meraner auch wieder seine Künste als Solist präsentieren. Rückblickend meint er, dass er schon „eine Zeit gebraucht habe, um sich im Klaren zu sein, wohin die Reise gehen soll“, aber er sei sich bewusst, dass es ein Privileg sei, sich seinen Lebenstraum erfüllen zu können. „Anfangs wurde diese Musiknische zwar etwas belächelt, aber mittlerweile hat sie sich fest etabliert“, skizziert der Girlaner den aktuellen Stellenwert der Barockmusik.<BR /><BR />Das dürfte kaum verwundern, denn die Leute wissen den Wert des Ursprünglichen und des Authentischen immer stärker zu schätzen – beim Autofahren, beim Essen und natürlich auch bei der Musik.<BR />