Manuel Schuen aus San Martin de Tor/St. Martin in Thurn ist Organist, Chor- und Ensembleleiter, Ensemblesänger und Dozent an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er ist seit 2008 als Organist an der historischen Sieber-Orgel von 1714 in der Wiener Michaelerkirche in Wien tätig. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Der österreichische Chorleiter und Dirigent Erwin Ortner hat Sie persönlich angerufen und Ihnen mitgeteilt, dass Sie den Erwin-Ortner-Preis zur Förderung der Chormusik 2021 gewonnen haben. Wie sehr haben Sie sich darüber gefreut?</b><BR />Manuel Schuen: Als mich Erwin Ortner anrief, war ich gerade in Südtirol bei meinen Eltern auf Besuch. Die Botschaft kam völlig überraschend für mich und die Freude darüber war umso größer. Ich fühle mich sehr geehrt, von einer solch bedeutenden Persönlichkeit auf dem Gebiet der Chormusik diesen Preis erhalten zu haben. Im Kirchenmusikstudium war Erwin Ortner mein Professor für Chor- und Ensembleleitung. Nebenher hatte ich die Möglichkeit, als Sänger - und bei Gelegenheit auch als Assistent - in seinem “Arnold Schoenberg Chor“ prägende Erfahrungen zu sammeln. Für mich bedeutet dieser Preis Anerkennung und Wertschätzung für meine künstlerische und pädagogische Tätigkeit im Bereich Chor und Chorleitung. <BR /><BR /><b><BR /><embed id="dtext86-52609356_quote" /><BR /><BR />Sie leiten seit 2008 die Kirchenmusik in der Wiener Michaelerkirche und sind Organist an der dortigen historischen Sieber-Orgel von 1714: welche sind dabei Ihre Hauptaufgaben?</b><BR />Schuen: Ich habe das große Glück, in dieser geschichtsträchtigen Kirche mit ihrer prächtigen historischen Orgel wirken zu dürfen. Neben den wöchentlichen Orgeldiensten in der Liturgie, darf ich regelmäßig Musik aus dem reichen Schatz der musica sacra aufführen und bin dabei als Dirigent, leitender Continuospieler oder als Sänger in meinem solistisch besetzten „Ensemble Vox Archangeli“ aktiv. Hinzu kommen noch regelmäßige Orgelführungen und bei Gelegenheit die musikalische Gestaltung von Rundfunk- und TV-Messen. <BR /><BR /><b>Wie stark haben sich die Corona-Einschränkungen auf Ihre Arbeit ausgewirkt?</b><BR />Schuen: Natürlich haben die Corona-Einschränkungen auch in meinen Arbeitsbereichen unmittelbar eingewirkt. So musste ich einige fertig geplante und teilweise schon geprobte Projekte kurzfristig absagen bzw. verschieben. Mit dieser ständigen Unsicherheit planen zu müssen, verlangt einem viel Durchhaltevermögen und Selbstmotivation ab, lehrt aber einen auch, mit mehr Gelassenheit auf äußere Umstände zu reagieren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52609357_quote" /><BR /><BR />Insgesamt lässt sich seit „Corona“ ein Rückgang der Konzert- und Gottesdienstbesucher feststellen. Ich hoffe sehr, dass sich dieser Trend wieder umkehrt. Pandemiebedingt werden nun viele Konzerte und Gottesdienste gestreamt. Trotzdem kann das aus meiner Sicht niemals das unmittelbare Erlebnis von Musik in Verbindung mit dem Raum und der gefühlten Gemeinschaft mit den ausführenden Musikern und den Menschen im Publikum ersetzen. <BR /><BR /><b>Sie sind seit 2013 Dozent am Institut für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien: welche Kurse unterrichten Sie dort?</b><BR />Schuen: Zu Ihrer vorigen Frage möchte ich noch ergänzen, dass die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit sehr rigorosen Corona-Maßnahmen einen funktionierenden und größtenteils in Präsenz stattfindenden künstlerischen Lehrbetrieb aufrechterhalten konnte, wofür ich sehr dankbar bin. Meine Lehrtätigkeit am Institut für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik ist vielseitig: so unterrichte ich „Frühe Ensemblemusik“, im speziellen die Fächer Continuo-, Basso-seguente-Spiel und Intavolierung sowie Ensemblearbeit und leite seit 2017 das Seminar “Aufführungspraxis auf historischen Orgeln mit Exkursion“. Zudem bin ich Korrepetitor für Gesang und seit Oktober 2020 stellvertretender Institutsleiter. <BR /><BR /><b>Wie hat sich die Chormusik im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?</b><BR />Schuen: Im Bereich der Kirchenchöre kann man insgesamt einen Rückgang der Mitgliederzahl beobachten, der sicherlich in engem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung steht. Es gibt immer weniger junge Menschen, die sich mit der Kirche identifizieren und das wirkt sich unweigerlich auf die Mitwirkung in den Kirchenchören aus. Das hat die Kirche inzwischen erkannt und versucht nun bei den Ausschreibungen von Kirchenmusikstellen, den Aufbau von Kinder- und Jugendchören zu fördern. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52609358_quote" /><BR /><BR />Obwohl einerseits gesamtgesellschaftlich im Alltag wahrscheinlich weniger gesungen wird, werden andererseits viele innovative Ideen im Bereich der Chormusik geboren, verschiedene Projektchöre gegründet, Festivals und Gemeinschaftsprojekte entwickelt. Ich denke, dass neben der kulturellen Bedeutung des Chorgesanges, dessen gemeinschaftsbildende Kraft und seine wohltuende Wirkung auf Körper und Seele für unsere Gesellschaft von unschätzbarem Wert ist. <BR /><BR /><b>Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders Spaß?</b><BR />Schuen: Ich bin sehr froh, dass ich meine Leidenschaft zu meinem Beruf machen konnte und diese in vielfältiger Art und Weise ausleben kann. Als angestellter Kirchenmusiker kann ich Gottesdienste spielen, wunderbare Chor-/Orchesterwerke in Liturgie und Konzert aufführen, als Sänger im Vokalensemble mitwirken, besondere Konzerte konzipieren und organisieren oder etwa eine professionelle CD-Aufnahme realisieren, wie die gerade erschienene CD „Regina Angelorum“ mit meinem „Ensemble Vox Archangeli“ zum 800-jährigen Jubiläum der Michaelerkirche. Als freischaffender Musiker kann ich Orgelkonzerte als Solist bzw. zusammen mit anderen MusikerInnen auch außerhalb meiner Anstellung im In- und Ausland zum Besten geben. Dabei schätze ich besonders das gemeinsame Musizieren mit Kolleginnen und Kollegen in wunderbarer musikalischer und menschlicher Verbindung. Nicht zuletzt habe ich das Privileg, mein Wissen und meine Begeisterung für die Musik weitergeben und teilen zu dürfen. Das macht mir große Freude, unabhängig davon, ob im Rahmen meiner Lehrtätigkeit oder im Amateurbereich. <BR /><BR /><BR /><b>Ab wann wussten Sie, dass Sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollten?</b><BR />Schuen: Musik spielt seit meiner Kindheit eine wesentliche Rolle in meinem Leben und so führte eine Station, eine Begegnung, eine Erfahrung zur anderen. Dieser Prozess entwickelte sich sehr natürlich und fließend. Prägend waren sicherlich in meiner Kindheit der ungezwungene und direkte Bezug meiner Familie zur Musik, besonders zur Volksmusik und zur klassischen Musik, in meiner Jugendzeit der Kirchenchor und der Bau der Zanin-Orgel in meinem Heimatdorf, das Vinzentinum mit der dortigen Orgel und dem Knabenchor, meine Klavier- und Orgellehrer in den Musikschulen Gadertal und Brixen, die mir sukzessive den Weg zum Studium in Wien ebneten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52609359_quote" /><BR /><BR /><b>Welchen Bezug haben Sie noch zu Südtirol und zu Ihrem Heimatort San Martin de Tor?</b><BR />Schuen: Meine Heimat bedeutet für mich in erster Linie Verwurzelung, Verbundenheit, Familie, Entschleunigung und Ruhe. Wenn ich neue Menschen in der „großen, weiten Welt“ kennenlerne, erzähle ich gern vom „entlegenen Tal mitten in den Dolomiten, wo ladinisch gesprochen wird“ und wo ich aufgewachsen bin, und freue mich über das Interesse, das mir entgegengebracht wird. Ich lebe nun schon seit bald 20 Jahren in Wien und ich merke, dass ich zunehmend den Drang verspüre, meine gesammelten musikalischen Erfahrungen auch in meine Heimat zu bringen. In diesem Zusammenhang möchte ich die Chorleiterfortbildungsseminare auf Schloss Goldrain nennen, wovon ich einige halten durfte, und vor allem die Komposition einer Messe in ladinischer Sprache für gemischten Chor a-cappella. Weitere Ideen für die Zukunft schweben mir bereits vor… <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>34 Jahre Erwin-Ortner-Fonds zur Förderung der Chormusik</b><BR /><BR />Der Erwin-Ortner-Fonds versucht durch Förderung von jungen Chorleitern, Kompositionsaufträge und Unterstützung anderer künstlerisch hochwertiger Aktivitäten, der österreichischen Chorszene Impulse zu geben. Der Fonds wurde 1988 von Erwin Ortner gegründet. Er ist gemeinnützig und wird ohne Subventionen der öffentlichen Hand finanziert. Seit der Gründung wird jährlich im Dezember ein Förderungspreis oder Kompositionsauftrag vergeben. Derzeit ist der Preis mit € 3000 dotiert. Die Preisträger des Jahres 2021 ist Manuel Schuen. <BR />Erwin Ortner ist Gründer und künstlerischer Leiter des Arnold Schoenberg Chors, emeritierter ordentlicher Professor für Chorleitung und chorische Stimmbildung und ehemaliger Rektor der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Seit 2010 ist er auch künstlerischer Leiter der Wiener Hofmusikkapelle. <BR />