Montag, 21. September 2020

„Der Mensch ist vielfach zum Egoisten und Neider geworden“

Nach 30 Jahren als Gemeindeverwalter hat der ehemalige Tisner Bürgermeister und noch amtierende Vizebürgermeister Thomas Knoll bei der Gemeinderatswahl nicht mehr kandidiert. „Die Entscheidungen sind heute zu viel bei den Beamten angesiedelt“, kritisiert er bei seinem Rückblick in der „Dolomiten“-Montagsausgabe.

Thomas Knoll tritt nach 30 Jahren im Rat und im Ausschuss der Gemeinde Tisens ab.
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Thomas Knoll tritt nach 30 Jahren im Rat und im Ausschuss der Gemeinde Tisens ab. - Foto: © fm
Nach 3 Jahrzehnten im Rat und im Ausschuss der Gemeinde Tisens stand Vizebürgermeister Thomas Knoll (60) für eine Wiederkandidatur bei der Gemeinderatswahl nicht mehr zur Verfügung. Im Interview blickt er auf seine Zeit als Gemeindeverwalter zurück – davon etwa 18 Jahre als Erster Bürger.

„Dolomiten“: Herr Knoll, fällt es schwer, loszulassen?

Thomas Knoll: Natürlich ist Wehmut dabei, es überwiegt aber die Freude und Genugtuung, 30 Jahre Verantwortung getragen zu haben. Schon nach der vorgezogenen Gemeinderatswahl im Mai 2014 stand für mich fest, dass ich meine letzte Amtszeit antreten werde. Eine Herausforderung wäre sicher der Neubau des Kindergartens. Bei der Verwirklichung wäre ich gerne dabei gewesen.

„D“: Nachdem Sie 2010 wegen der Mandatsbeschränkung nicht mehr als Bürgermeister kandidieren durften, haben Sie sich 2014 wieder der Wahl zum Ersten Bürger gestellt, unterlagen aber Christoph Matscher: War diese Niederlage der Hauptgrund, 6 Jahre später auszusteigen?

Knoll: Das Wahlergebnis war eine Enttäuschung. Für einen altgedienten Verwalter war es damals wohl der schlechteste Zeitpunkt, sich wieder der Wahl zum Bürgermeister zu stellen. Ich erinnere nur an den Rentenskandal.

„D“: Sind Sie immer noch gegen die Mandatsbeschränkung?


Knoll: Ja, sicher, weil die Direktwahl dem Bürger das Instrument in die Hand gegeben hat, selbst einen Wechsel herbeizuführen.

„D“: Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Knoll: Negativ verändert hat sich die Gesellschaft. Der Mensch ist vielfach zum Egoisten und Neider geworden, der für sich die Ausnahme verlangt, sie beim Nachbarn aber nicht akzeptiert. Weiters hat die Bürokratie zugenommen. Und die Entscheidungen sind heute zu viel bei den Beamten angesiedelt – und zu wenig bei den Politikern bzw. Verwaltern. Ich wünsche mir mehr Politiker, die Entscheidungen treffen.

„D“: Die Geldbeschaffung war auch nicht immer ganz so leicht...

Knoll: Die Finanzierung von Gemeindeprojekten war vor dem Ende der 1990er Jahre wirklich schwierig. Dann hat sich die Situation zum Positiven verändert.

„D“: Was ist Ihnen als langjähriger Gemeindeverwalter positiv in Erinnerung geblieben?

Knoll: Die Dorfgemeinschaft mitzugestalten und mich mit dem Bürger im Dialog auseinanderzusetzen, waren eine Bereicherung. Für mich stand der Bürger immer im Mittelpunkt, denn der Verwalter ist für die Bevölkerung da und nicht umgekehrt. Ich war gerne Verwalter und habe viel Herzblut in diese Tätigkeit investiert. Die interessanteste Amtsperiode war sicherlich jene von 2000 bis 2005, als zwei SVP-Listen aufgrund der Bergzoo-Diskussion im Tisner Gemeinderat saßen: das große und das kleine Edelweiß mit dem Verhältnis 10:5. Die Opposition unter dem kleinen Edelweiß hat mich damals als Bürgermeister motiviert, gut zu überlegen und immer gut vorbereitet zu sein.

„D“: Vor 20 Jahren hätten Sie in Platzers gerne einen Bergzoo realisiert. Sind Sie immer noch der Meinung, dass die Nichtverwirklichung ein Schaden ist?

Knoll: Sie ist sogar ein Riesenschaden für Südtirol. Diesen Zoo hätte man mit den Gärten von Schloss Trauttmansdorff gleichstellen können. Ich habe aber eine Riesenfreude, dass die privat verwirklichte Tierwelt Rainguthof in Gfrill ein großer Erfolg ist. Sie ist eine späte Genugtuung für die Nichtrealisierung des Bergzoos.

D“: Im Jahr 2000 sorgten neben dem damals geplanten Bergzoo auch die Unwetter in Ihrer Gemeinde für Schlagzeilen...

Knoll: Ohne Zivilschutzpläne haben wir damals mit den Feuerwehren, dem Land und Privatfirmen eine gute Form gefunden, dieses Schadensereignis zu bewältigen. In solchen Situationen hat man nicht die Zeit, zu zaudern. Es braucht Entschlossenheit, um zu entscheiden. In einer Krise sind Ruhe, Übersicht, eine offene Kommunikation und eben Entschlossenheit das Um und Auf. Im Herbst 2000 war es wichtig, eine gute Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, um die Bevölkerung über die Gefahren zu informieren und ihr die Begründung für Maßnahmen wie Evakuierungen zu liefern. In der Coronakrise ist das schwierig, weil man das Virus nicht wie eine Mure sichtbar machen kann. Gut erinnern kann ich mich noch an den 26. November 2000, an dem der Grissianer Bach an der Brücke in Schernag über die Ufer trat und sich die Schlammlawine dann über Teile von Nals ergoss. Als das geschah, stand ich 20 Meter von der Brücke entfernt. Zudem war an diesem Tag die Bergzoo-Volksbefragung, die aber ganz in den Hintergrund getreten war.

„D“: Warum war es in Südtirol sehr schwierig, Kandidaten für die Gemeinderatswahl zu finden?

Knoll: Der Bürger ist anspruchsvoller als früher und manchmal respektlos. Und soziale Medien lassen alles zu: anonyme Kritik sowie persönliche Angriffe und Anfeindungen. Und viele glauben, dass sie im Gemeinderat eh nichts zu sagen haben: Alle Entscheidungen zu Programmen und zu den grundsätzlichen Entwicklungen fallen aber im Rat. Der Einsatz für die Allgemeinheit wird insgesamt immer schwieriger, was man auch in den Vereinen sieht, die sich schwer tun, Leute für die Führungsebene zu finden. Wer Führung übernimmt, trägt eine große Verantwortung.

Interview: Florian Mair






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