„Liebe Leserinnen und Leser“ – Geht es nach den „Gender-Talk“-Befürwortern, dann ist auch diese Formulierung nicht mehr zeitgemäß. Zumal damit eine bestimmte Gruppe an Menschen ausgeschlossen wäre, die sich geschlechtlich keinem der beiden Lager zurechnen kann. „Divers“ ist hier mittlerweile das etablierte Wort. <BR /><BR />Doch während in Deutschland die mediale Debatte (noch) vorzugsweise auf rein sprachlicher Ebene läuft, hat dies am römischen Parkett dieser Tage eine grundsätzlichere Note bekommen. Denn dort geht es im Senat aktuell um das Anti-Diskriminierungs-Gesetz (Stichwort „Zan-Gesetz“) und driften die Meinungen sogar in der Autonomiegruppe in Sachen „Geschlechteridentität“ stark auseinander. Ebenso wie hier in Südtirol selbst. <BR /><BR />Von der Formulierung zum ideologischen Spektakel<BR /><BR />„Während es in Deutschland um Formulierungen geht, ist das hier in Italien schon eher ein ideologisches Spektakel“, befindet jedenfalls der SVP-Senator Meinhard Durnwalder. Er persönlich findet die Wortwahl „Damen und Herren“ keineswegs diskriminierend. Aber derartige Begrüßungsformeln grundlegend in Frage zu stellen, sei auch nicht zielführend im Kampf gegen Diskriminierung jeder Art: „Hier wären mehr Bodenständigkeit und Sachlichkeit dienlicher – auch in Rom. Die Diskussion im Senat um Worte wie ‚genere‘ oder ‚sesso‘ ist ein politisches Spektakel in der Aula geworden – und das obwohl sich alle einig sind, dass gegen Diskriminierung etwas getan werden muss.“ <BR /><BR />Daher habe er auch für einen Aufschub des umstrittenen Zan-Gesetzentwurfes gestimmt, bei dem vor allem die Einführung der Kategorie der ‚Geschlechtsidentität‘ zum Zankapfel wurde: „Nun gilt es die Abänderungsanträge abzuwarten. Aber weiter geht hier wohl erst im Herbst etwas.“ Zumal – wie Durnwalder erinnert – auch ganz andere Themen die politische Aufmerksamkeit aller fordern würden: „Von der Verlängerung des Notstands bis hin zum Recovery Fund gilt es nun, viele gewichtige, für Italien wegweisende Entscheidungen zu treffen.“<BR /><BR />Weniger Streit um Worte als für echte Gleichstellung <BR /><BR />An die Vordringlichkeit anderer Themen gegenüber dieser Debatte erinnert auch Freiheitlichen-Obmann Andreas Leiter Reber: „Mich erstaunt und erschreckt, wie schnell Konzernführungen und Politik hier eine Momentaufnahme des Zeitgeistes ins Zentrum ihrer Interessen rücken. Dabei ist diese Gender-Diskussion für den durchschnittlichen Bürger quasi irrelevant. In Zeiten wie diesen haben wir – nicht zuletzt Corona-bedingt – andere Sorgen.“ <BR /><BR />Und noch etwas stört den Landtagsabgeordneten am „Damen-und-Herren“-Tabu: „Damit macht man doch das gleiche, was man eigentlich verhindern will – nämlich bestimmte Gruppen auszuschließen, noch dazu die mit Abstand größten.“ Das erinnert Leiter Reber an die sprachwissenschaftliche Diskussion um das „generische Maskulinum“ – also etwa die Mehrzahl „die Politiker“ für alle Geschlechter: „Ich halte dies für eine anmaßende Bevormundung, dass mir jemand anderer sagt, wen ich damit meine oder unterstellt, wen ich nicht meine.“ Insofern sei diese Gender-Diskussion vor allem im Deutschen völlig überhöht bzw. vom neuen Spießertum im linken Lager überidealisiert: „Statt um die Worte muss es um die effektive Gleichstellung und Gerechtigkeit gehen – ob bei der Entlohnung oder den Renten. Diese Diskussion sollte eigentlich im Vordergrund stehen.“ <BR /><BR />Sprache als Abbild der Gesellschaft<BR /><BR />Die Debatte rund um gendergerechte Formulierungen hat auch Felix von Wohlgemuth, Co-Vorsitzender der Grünen, mitbekommen und spricht im Gegenzug von einer unnötig „feindseligen Stimmung“, die er persönlich als unangebracht empfindet: „Ich glaube, es ist kein Untergang des christlichen Abendlandes, wenn ‚Damen und Herren‘ mit ‚Fahrgäste‘ ersetzt wird.“ Die Entscheidung der Lufthansa bewertet Wohlgemuth jedenfalls als einen positiven, kleinen Schritt in Richtung inklusivere Sprache, die niemanden weh tue. <BR /><BR />Die diesbezügliche politische Aufregung vor allem im konservativ-rechten Flügel kann er daher nicht nachvollziehen: „Das ist einfach eine normale gesellschaftliche Entwicklung, worin ich kein Problem sehe.“ In Deutschland sei die ganze Gender-Thematik zwar viel präsenter als in Italien, aber auch hierzulande stellt Wohlgemuth ein gewisses Bewusstsein fest – gerade bei der jüngeren Generation. Es sei daher weiterhin wichtig, Sprache kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls nach besseren Alternativen zu suchen, da sie letztlich die Gesellschaft abbilde und damit auch beeinflusse.<BR /><BR />Kritik am „generischen Maskulinum“<BR /><BR />Diese Ansicht teilt dann auch die Gleichstellungsrätin Michela Morandini: „Für mich spiegelt Sprache die Realität wider und lässt in unseren Köpfen Bilder entstehen.“ Genau diese Bilder würden dann wiederum die Gesellschaft prägen. Als konkretes Beispiel nennt Morandini die Bezeichnungen für bestimmte Berufsgruppen: Sowohl im Italienischen als auch im Deutschen würde hierzulande oft automatisch von „dem Arzt“ und nicht „der Ärztin“ oder „der Krankenschwester“ und nicht „dem Krankenpfleger“ gesprochen. <BR /><BR />Damit seien ganz konkrete Wertvorstellungen verbunden, weshalb der sog. „Gender-Talk“ für Morandini einen weit höheren Stellenwert einnimmt als bloß eine nette „Verschönerung der Sprache“. Die Bemühungen von Lufthansa & Co um inklusivere Formulierungen empfindet die Gleichstellungsrätin daher als gut und richtig. Zumindest dort, wo es möglich sei, sollte ein neutraler Begriff wie „Fahrgäste“ dem „generischen Maskulinum“ vorgezogen werden. Auch in Südtirol habe man sich darauf geeinigt. „Auf Staatsebene wird darüber allerdings noch wenig diskutiert“, erinnert Morandini: „Besonders im Vergleich zu Deutschland, wo diese Debatte schon viel länger geführt wird, hinken wir sicher hinterher.“ Im Gegensatz zu Italien seien dort viele gendergerechte Bezeichnungen bereits in Kultur und Gesellschaft verankert. Dass sich eine Frau selbst als „Architekt“ bezeichnet, habe sie zumindest nur in Italien erlebt. <BR /><BR />