Montag, 16. November 2020

Tag des Gedenkens und der Erinnerung

Im vergangenen Oktober jährte sich zum 100. Mal der traurigste Tag in der Tiroler Geschichte. Am 10. Oktober 1920 wurde das Land zerrissen.Am 16. November 1920 folgte ein weiterer Tiefpunkt. Die Südtiroler mussten den Tiroler Landtag verlassen.

Ein trauriger Tag für ganz Tirol: Am 16. November 1920 mussten die Südtiroler Abgeordneten aus dem Tiroler Landtag ausziehen. Ein gutes Monat zuvor – am 10. Oktober 1920 –  ist Südtirol vom Königreich Italien annektiert worden.
Badge Local
Ein trauriger Tag für ganz Tirol: Am 16. November 1920 mussten die Südtiroler Abgeordneten aus dem Tiroler Landtag ausziehen. Ein gutes Monat zuvor – am 10. Oktober 1920 – ist Südtirol vom Königreich Italien annektiert worden.
„Unrecht darf nicht durch Zeitablauf Recht werden“: Das sagt Siegfried Dillersberger, langjähriger FPÖ-Landtagsabgeordneter im Bundesland Tirol. Sein Großvater Josef Dillersberger war am heutigen Montag vor genau 100 Jahren dabei, als die Südtiroler Abgeordneten – in Folge der Annexion Südtirols durch Italien – aus dem Tiroler Landtag in Innsbruck ausziehen mussten. In einem Schreiben an Landeshauptmann Günther Platter und die Präsidentin des Nordtiroler Landtages, Sonja Ledl-Rossmann, erinnert Dillersberger an diesen für ganz Tirol traurigen Tag:

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrter Herr Landeshauptmann!

Am 16. November 2020 werden es genau 100 Jahre sein, seitdem zu Folge des Diktats von St. Germain die vom Tiroler Volk frei gewählten Abgeordneten des südlichen Landesteiles aus dem Tiroler Landtag ausscheiden mussten.

Abschied mit Umarmungen und teils unter Tränen

Es ist mir nicht bekannt, wie viele Abgeordnete bzw. ehemalige Abgeordnete zum Tiroler Landtag es gibt, deren Großväter am 16. November 1920 bei der Trauersitzung dabei waren, die der Tiroler Landtag anlässlich der völkerrechtswidrigen Annexion Südtirols durch Italien abgehalten hat. Mein Großvater KR Josef Dillersberger war von 1919 bis 1929 als Vertreter der Großdeutschen Volkspartei (Obmann Dr. Sepp Straffner), und ich war von 1979 bis 1986 und 1994 bis 1997 als Vertreter der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) Abgeordneter zum Tiroler Landtag. Wahrscheinlich bin ich der einzige ehemalige Abgeordnete, dessen Großvater als Abgeordneter dabei war, als sich am 16. November 1920 die Südtiroler Mitglieder des Landtages „mit bewegten Worten und Umarmungen, teils unter Tränen“, im Alten Tiroler Landhaus von ihren Kollegen aus Nord- und Osttirol verabschiedeten.

Das auf Seite 393 der „Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert“ abgedruckte Bild ist identisch mit jenem, das, aus dem Nachlass meines Großvaters stammend, in meinem Arbeitszimmer einen Ehrenplatz hat. Über das völkerrechtswidrige Diktat von St. Germain will ich hier nicht schreiben, das haben weit Berufenere schon getan, aber an den 16. November 1920 will ich erinnern.

Am 10. Oktober 1920 hatte die offizielle Annexion Südtirols mit rechtskräftiger Einverleibung in den italienischen Staatsverband stattgefunden, nachdem am 9. August 1920 die römische Abgeordnetenkammer und am 24. September 1920 der Senat in Rom das Annexionsdekret beschlossen hatten. Damit war entgegen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, bestätigt unter anderem durch den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der Weg in einen „schlimmen Leidensweg“ (vgl. „Geschichte des Tiroler Landtages im 19. und 20. Jahrhundert“ Seite 384 ff.) der deutschen und ladinischen Bevölkerung in Südtirol „geebnet“.

Im Übrigen: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war stets Grundlage des Völkerrechtes und zuletzt im Jahr 2010 wesentliche Grundlage der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes (IGH) zur Kosovo-Frage.

„In Erwartung auf ihr Wiederkommen“

Warum ich mich jetzt, 100 Jahre nach dem Unrecht, das der Bevölkerung in ganz Tirol durch Diktat der Siegermächte angetan wurde, zu Wort melde? Weil ich das, was mein Großvater im Jahr 1920 gelobt hat, als Teil meiner Familiengeschichte und des Vermächtnisses meines Großvaters betrachte und Unrecht nicht durch Zeitablauf Recht werden darf. Um mich besser zu verstehen, muss man zumindest in die „Stenografischen Berichte über die Landtagssitzungen der Jahre 1919-1920“ blicken, es lohnt sich aber auch, die Entschließung des Tiroler Landtages vom 24. November 1994, an deren Entstehung ich federführend beteiligt sein durfte, mit offenen Augen zu lesen.

Landeshauptmann Joseph Schraffl hat am 16. November 1920 – nachzulesen in den „Stenografischen Berichten des verfassungsgebenden Tiroler Landtages Nr. 46“ – klare Worte zum Unrecht gefunden, das dem Land nach dem 1. Weltkrieg geschehen ist, und ein Versprechen abgegeben, das völlig in Vergessenheit geraten ist.

Dieses Versprechen wurde durch sämtliche Abgeordnete, darunter auch durch meinen Großvater bekräftigt, die sich zum Zeichen der Zustimmung laut Protokoll von ihren Sitzen erhoben (vgl. Seite 1242 der „Stenografischen Berichte“ des verfassungsgebenden Tiroler Landtages). Landeshauptmann Schraffl hat auch auf das Gelöbnis des Jahres 1809, an das wir noch immer an jedem 20. Februar durch Absingen des Liedes „Auf zum Schwur Tiroler Land“ in der Hofkirche in Innsbruck erinnern, Bezug genommen und ausgeführt: „Wenn die Abgeordneten des deutschen und ladinischen Südtirol uns verlassen müssen, so sollen diese Plätze, auf denen sie mit uns in schweren und glücklichen Zeiten über die Geschicke des Landes beraten haben, unbenützt bleiben, in der Erwartung auf ihr Wiederkommen, wenn das Unrecht, das uns geschah wieder gutgemacht ist.“

„Auf Wiedersehen meine Herren aus Südtirol“

Der 1919 im Wahlkreis Südtirol in den Tiroler Landtag gewählte Abgeordnete Friedrich Schmidt sprach für die Südtiroler Abgeordneten unmittelbar nach der Trauersitzung und gab der Hoffnung Ausdruck, „dass wir dereinst wieder vereint werden und unsere Südtiroler Brüder wieder Einzug halten in diesen Raum, um die Geschicke des ganzen ungeteilten Landes Tirol zu beraten“.

Franz Stumpf, der spätere Landeshauptmann, damals 2. Landeshauptmannstellvertreter, erklärte, dass der Landtag die „Plätze der Deutschtiroler Abgeordneten für diese reserviert erhält“ und gab der Hoffnung Ausdruck, dass der Moment des Wiedersehens bald kommen werde. Er schloss mit den Worten: „Auf Wiedersehen meine Herren aus Südtirol“.

Dazu ist es ja, wie wir wissen, nie gekommen.

„Rad der Geschichte kann man nicht zurückdrehen“

Aber am 24. November 1994 hat der Tiroler Landtag in einer auch von mir initiierten Entschließung festgestellt, dass sich die in der Präambel der Tiroler Landesordnung 1989 genannte geistige und kulturelle Einheit des Landes Tirol auf Nord-, Ost- und Südtirol bezieht. Weiters hat sich der Tiroler Landtag damals auch zum „fundamentalen und unveräußerlichen“ Menschenrecht auf Selbstbestimmung bekannt und festgestellt, dass die völkerrechtliche Schutzfunktion Österreichs in Bezug auf Südtirol in ihrem gesamten Umfang durch den EU-Beitritt Österreichs nicht berührt wird.

Und so ist mein Erinnern an den 16. November 1920 nicht allein der Geschichte des Landes, die eng mit der Geschichte meiner Familie verbunden ist – meine Großmutter stammt aus dem Vinschgau – und dem Andenken an meinen Großvater geschuldet, sondern auch meiner eigenen politischen Arbeit im Land und für das Land Tirol.

Es ist mir schon klar, dass das Rad der Geschichte nicht zurückgedreht werden kann und in der gegenwärtigen Situation auch nicht sollte, aber die nachfolgenden Generationen sollten wissen, was in Tirol nach dem 1. Weltkrieg geschehen ist, wie das Völkerrecht mit Füßen getreten wurde und welche Versprechungen von den frei gewählten Mandataren abgegeben wurden. Gerade die letzten Ereignisse in Europa im Allgemeinen und in Italien im Besonderen könnten in Zukunft durchaus dazu führen, dass wir Tirolerinnen und Tiroler das Recht in Anspruch nehmen, zumindest Europa daran zu erinnern.

In jedem Fall sollte der 16. November 2020 ein Tag des Gedenkens und der Erinnerung sein und sollten wir den nachfolgenden Generationen die Schwüre und Versprechungen unserer Vorfahren und die Tatsachen und Umstände, die dazu geführt haben, in geeigneter Weise in Erinnerung rufen.

Es würde mich sehr freuen, wenn Sie, verehrte Frau Präsidentin und Herr Landeshauptmann, auf meine Überlegungen positiv reagieren würden.

Ob und wie die Landespolitik in Südtirol und im Bundesland Tirol diesen Gedenktag begehen wird, lesen Sie in der Meldung links unten.


dolomiten