Wie hat Südtirols Wirtschaft die Krise bislang überstanden? Waren die Hilfsgelder des Landes ausreichend? Und: Wird es im Herbst einen weiteren Lockdown geben? Ein Gespräch mit Landesrat Philipp Achammer. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Achammer, mittlerweile dauert die Corona-Pandemie mehr als ein Jahr: Wie hat die Südtiroler Wirtschaft bislang dieser Krise überstanden?</b><BR />Philipp Achammer: Wenn man die Entwicklung auf dem heimischen Arbeitsmarkt beobachtet, dann sehen wir, dass wir im Juni das Beschäftigungsniveau vom Juli 2019 erreicht haben. Natürlich gibt es in einigen Sektoren noch den Kündigungsstopp bis voraussichtlich Ende Oktober. Aber nichtsdestotrotz zeigt diese Beschäftigungssituation, dass die Südtiroler Wirtschaft die Fähigkeit hat, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und relativ schnell wieder auf die Beine zu kommen. Nun hängt aber vieles von den kommenden Wochen und Monaten ab. Wir müssen hoffen, dass diese positive Entwicklung anhält und wir diese nicht wegen einer niedrigen Durchimpfungsrate aufs Spiel setzen. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Im vergangenen Sommer sagten Sie, dass es keinen weiteren Lockdown für die Wirtschaft mehr geben würde. Es ist anders gekommen. Wie ist der Stand heute: Schließen Sie für Herbst und Winter einen neuerlichen Lockdown aus?</b><BR />Achammer: Wir haben in den vergangenen Monaten gelernt, dass in einer Pandemie kaum etwas berechenbar ist. Wir haben in diesem Sommer aber wesentlich bessere Instrumente, um diese Pandemie zu bekämpfen: Wir haben die Möglichkeit uns testen, vor allem aber uns impfen zu lassen. Wenn wir nun den Bürgern sagen, lasst euch impfen, dann wird man sich in der Konsequenz auch viel schwerer tun, erneut einschränkende Maßnahmen zu ergreifen, sollten die Infektionszahlen wieder deutlich ansteigen. Aber ich kann nur sagen: Es liegt an uns selbst. Nur wenn sich genügend Personen impfen lassen, dann werden wir den Herbst und den Winter gut überstehen. Die Leute müssen nicht nur Eigenverantwortung übernehmen, indem sie sich impfen lassen, es gibt auch eine kollektive Verantwortung für die Gesellschaft, für die Wirtschaft und für die Schule. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49646261_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Jene Bürger, die sich nun impfen lassen, würden bei einem weiteren Lockdown kaum verstehen, warum sie die gleichen Einschränkungen hinnehmen müssen, wie jene Leute, die sich nicht impfen lassen. Wird es diesbezüglich Unterschiede geben?</b><BR />Achammer: Ich habe mittlerweile den Standpunkt, dass man manches Mal zum Glück zwingen muss. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Achammer: Wenn geimpfte und nicht geimpfte Personen dieselben Rechte haben, dann wird der Anreiz, sich impfen zu lassen, für viele verschwinden. Deshalb müssen wir das genauso konsequent handhaben, wie in der Schule mit der Testpflicht. Geimpfte müssen gegenüber den nicht geimpften Personen deutliche Vorteile haben. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Die Wirtschaft hat immer wieder gesagt, die Landespolitik stelle den Unternehmen zu wenig Hilfsgelder bereit. Bei den Verlustbeiträgen halten sich die Anfragen aber überraschenderweise in Grenzen. Warum?</b><BR />Achammer: Es gibt 2 mögliche Erklärungen: Zum einen werden wir das Gesamtbild über die Anträge erst haben, wenn wir wissen, wie viele Betriebe um einen Fixkostenzuschuss ansuchen. Damit sind wir ja erst diese Woche gestartet. Zum anderen ist es aber auch so, dass wir gar einige Rückmeldungen von Unternehmen bekommen haben, dass sie die 30 Prozent Umsatzverlust, die für einen Verlustbeitrag nötig sind, nicht erreichen. Bei vielen Unternehmen ist ein falscher Eindruck entstanden, indem sie meinten, die öffentliche Hand würde die gesamten Umsatzverluste, die während der Corona-Pandemie entstanden sind, ausgleichen. Das war nie unser Ziel und unser Anspruch. Das wäre auch gar nicht möglich. Unsere Unterstützung ist als Existenzhilfe für diejenigen Betriebe gedacht, die am stärksten von der Krise betroffen sind. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sie meinen damit vor allem die Betriebe im Tourismus, im Handel und im Eventdienstbereich?</b><BR />Achammer: Es hat vor allem den Tourismus, aber auch den Großhandel arg getroffen, auch den Einzelhandel, die Eventdienstleister, die Reisebüros und die Logistikbranche. Teilweise ist es hier um Existenzen gegangen. Aber alle Umsatzverluste auszugleichen, das war nie unser Ziel, das wäre auch eine Utopie. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49646262_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Die Krise hat auch Schwächen aufgezeigt, so hat man gesehen, dass vor allem die Kleinbetriebe im Bereich Digitalisierung noch schwach aufgestellt sind. Wird sich das auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken?</b><BR />Achammer: Auf jeden Fall. Jene Betriebe, die zumindest einen Basis-Online-Auftritt haben, waren während der Pandemie absolut im Vorteil. Die größte strukturelle Veränderung wird die Pandemie im Handel hinterlassen. Darauf müssen wir reagieren, das Konsumverhalten hat sich stark verändert. Unser Ziel darf es aber nicht sein, Online-Giganten wie Amazon nachzuahmen. Wir müssen eine gute Mischung aus digitalem und analogem Angebot schaffen, das gilt für das Handwerk, vor allem aber für den Handel. Um dorthin zu kommen, braucht es vor allem bei den Kleinbetrieben eine Digitaloffensive. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Apropos Veränderung: Auch die Arbeit bzw. die Arbeitsform hat sich während der Pandemie verändert. Viele Mitarbeiter mussten von heute auf morgen ins Homeoffice wechseln. Wird das die Arbeitsform der Zukunft werden?</b><BR />Achammer: Auch hier glaube ich, dass es eine Mischung zwischen Homeoffice und der Arbeit im Büro geben wird. Wenn man nur mehr im Homeoffice arbeiten würde, ginge der soziale Austausch mit den Mitarbeitern Arbeitskollegen verloren, das darf man nicht unterschätzen. Andererseits bietet das Homeoffice viele Vorteile, man denke nur an die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch an die höhere Flexibilität. Man muss einen guten Mittelweg zwischen Homeoffice und Büro finden. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Von der Politik heißt es immer wieder, man müsse die regionalen Kreisläufe stärken. Was meint man damit konkret?</b><BR />Achammer: Wir haben während der Pandemie erleben müssen, wie schnell globale Zusammenhänge ausgesetzt werden können. Gleichzeitig haben Regionalität und Nachhaltigkeit an Bedeutung gewonnen. Das Bewusstsein, den regionalen Handel zu unterstützen, ist während der Krise deutlich gewachsen. Unsere Aufgabe wird es nun sein, ein Konzept zu erschaffen, wie wir mit unseren lokalen Ressourcen umgehen und wie wir diese begünstigen können. Das heißt jetzt nicht, dass wir uns von der globalen Entwicklung abschneiden sollen, das wäre ein Irrsinn. Der Fokus muss künftig aber verstärkt auf die regionalen Ressourcen und Produkte liegen. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49646263_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Die exportierenden Unternehmen werden aber wenig Freude damit haben, wenn es heißt, den Fokus vor allem auf die regionalen Kreisläufe zu legen.</b><BR />Achammer: Ich denke nicht, dass sich das widerspricht. Auch für die großen, exportorientierten Unternehmen ist es wichtig, dass die Lebensqualität im Land erhalten bleibt, da sie sich dann viel leichter tun, hochqualifizierte Mitarbeiter zu bekommen. Und Lebensqualität schafft man vor allem durch die Stärkung lokaler Strukturen und der lokalen Kreisläufe. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wann wird Südtirol die Coronakrise wirtschaftlich überwunden haben?</b><BR />Achammer: Es gibt einige Betriebe, etwa Bars aber auch andere Betriebe, die über Monate kein Einkommen generieren konnten. Diese Betriebe werden noch lange mit den Folgen dieser Krise zu leiden haben. Wenn wir nun aber „gscheit“ sind und uns impfen lassen und es damit schaffen die Infektionszahlen niedrig zu halten, dann können wir mit 2 blauen Augen aus dieser Pandemie herauskommen. <BR />