Herbert Dorfmann erklärt im Interview, wie es gehen soll.<b><BR /><BR />In der EU hat es schon einige Versuche gegeben, die Landwirtschaft nachhaltiger zu machen. Viel ist nicht passiert. Worin unterscheidet sich „Farm to Fork“ (F2F) von den bisherigen Strategien?</b><BR />Herbert Dorfmann: Dass nichts passiert ist, stimmt nicht. In der öffentlichen Debatte wird oft so getan, als wäre man in Europa in Sachen Nachhaltigkeit bei der Stunde null. Tatsache ist: Die EU hat seit den 1990er-Jahren Agrar-Umweltprogramme, über die zum Beispiel auch in Südtirol einiges auf den Weg gebracht worden ist. Denken wir an den integrierten Obstbau oder an die Grünlandbearbeitung, für die gewisse Regeln eingehalten werden müssen, um Förderungen zu bekommen. Oder denken wir an die Landschaftsschutzprogramme etwa für Lärchen- oder Almwiesen. In der „Farm-to-Fork“-Strategie geht es jetzt erstmals nicht um die Landwirtschaft allein, sondern um alle Bereiche der Lebensmittelkette, von der Produktion über die Verarbeitung bis zum Konsum. <BR /><BR /><b>„Farm to Fork“ bedeutet sinngemäß „Vom Hof auf den Tisch“. Wie ist dieses Motto zu verstehen?</b><BR />Dorfmann: Die Herausforderung lautet: Wie können unsere Lebensmittel, wie kann unsere Ernährung wieder gesünder, nachhaltiger und dennoch bezahlbar werden? Da gilt es, an mehreren Stellen anzusetzen, bei der Landwirtschaft, bei der Industrie und auch beim Verbraucher. In allen Bereichen wurden in den vergangenen Jahrzehnten Fehler gemacht, deren Auswirkungen wir Menschen, die Tiere und die Umwelt spüren. Jetzt müssen wir nachhaltigere Lebensmittelversorgungssysteme schaffen. Die „Farm-to-Fork“-Strategie will Wege aufzeigen, die die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten in diese Richtung führen können. <BR /><BR /><b>In den Leitzielen der Strategie heißt es unter anderem „50 Prozent weniger Pestizide, 50 Prozent weniger Nährstoffverluste im Boden, 50 Prozent weniger Antibiotika für Tiere, dafür 25 Prozent Bio-Landwirtschaft innerhalb von 10 Jahren“. Klingt gut und richtig. Aber ziemlich unrealistisch, oder? </b><BR />Dorfmann: Hierzu möchte ich schon eines unterstreichen: Der Ansatz der F2F-Strategie ist gut, aber mit diesen Leitzielen habe ich so meine Probleme …<BR /><BR /><b>Weil…?</b><BR />Dorfmann: Weil sie den Anschein machen, als müsste sich wieder nur die Landwirtschaft allein um die Nachhaltigkeit kümmern. Industrie, Handel und Konsumenten werden im Strategiepapier natürlich auch angesprochen, aber in den Leitzielen wird der Bauer quasi als einziger Sündenbock dargestellt. Das entspricht einfach nicht der Realität. Wenn beispielsweise Lebensmittel mit viel zu viel Zucker im Handel auftauchen, wer ist dafür verantwortlich? Der Zuckerrübenanbauer oder die verarbeitende Industrie?<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="714056_image" /></div> <BR /><BR /><b>Aber die Lebensmittelkette beginnt nun einmal in der Produktion. Und die Konsumenten wünschen sich ja weniger Pestizide oder gesünderes Fleisch.</b><BR />Dorfmann: Natürlich kommt es auch darauf an, Pestizid-, Düngemittel- und Antibiotikamengen zu verringern. Allerdings möchte ich schon unterstreichen, dass unsere Bauern die Pestizide nicht grundlos ausbringen, sondern um die Pflanzen zu schützen und den Abnehmern eine hohe Qualität bzw. Kontinuität zu garantieren. Das wird strikt gefordert, sonst sind sie weg vom Markt. Deshalb kann man nicht plakativ sagen „Spritzt weniger!“, sondern man muss den Bauern auch Alternativen anbieten, damit sie trotz Reduktion dieser Mittel wirtschaftlich arbeiten und am Markt bestehen können. <BR /><BR /><b>Genau deshalb ernten Sie bei der Vorstellung der Strategie von den Bauern mehr Skepsis als Unterstützung. „Die da oben in Brüssel haben leicht reden“, heißt es dann oft. Wie begegnen Sie solcher Kritik?</b><BR />Dorfmann: Ich sage: Recht habt ihr! Die Landwirtschaftspolitik – und vor allem jene in Brüssel – ist tatsächlich oft ziemlich weit von der Realität entfernt. Man glaubt, den Bauern vorschreiben zu müssen, wie Landwirtschaft zu funktionieren hat, aber so funktioniert sie eben meistens nicht. Wenn wir wollen, dass die Bauern gesünder produzieren, müssen wir – und da meine ich uns Politiker – sie in den Veränderungsprozess einbinden, anstatt ihnen das Gefühl zu geben, sie würden ohnehin nur die Umwelt zerstören. Wir müssen ihnen, wie gesagt, Alternativen anbieten, bevor wir etwas einfach verbieten.<BR /><BR /><b>Welche sind die Alternativen zu den Pestiziden?</b><BR />Dorfmann: Ich denke da vor allem an den Einsatz von Technologie, einhergehend mit entsprechender Aus- und Weiterbildung und Beratung. Nehmen wir als Beispiel das Ausbringen der Pflanzenschutzmittel, von denen ein erheblicher Teil nach wie vor in der Luft und am Boden landet. Durch Sensortechnik lässt sich die Abdrift in weiten Teilen vermeiden und dadurch eine erhebliche Pestizidmenge einsparen. Das ist für den Bauern und für den Konsumenten gut. Teilweise gibt es hier schon Fortschritte, aber das Entwicklungspotenzial ist noch groß. Auch resistentere Pflanzen sind eine Alternative zur Chemie. Dazu bedarf es neuer Züchtungsmethoden und entsprechender Forschung, die von der EU mit der Umsetzung der F2F-Strategie stärker unterstützt werden soll. Immerhin haben wir im Rahmen des Mehrjahreshaushaltes 2022 bis 2027 die Geldmittel für die Agrarforschung von 4 auf 8 Milliarden Euro aufgestockt. <BR /><BR /><b>Neue Züchtungsmethoden stehen oft in der Kritik, weil dazu gentechnische Maßnahmen erforderlich sind. </b><BR />Dorfmann: In der Gentechnik-Diskussion wird leider oft etwas verwechselt. Wenn wir von der sogenannten CIS-Genetik sprechen, dann geht es hier nicht um jene Gentechnik, die heute in weiten Teilen der Welt angewandt wird und der wir in der EU und auch in Südtirol ablehnend gegenüberstehen. Vielmehr werden mit dieser Technik nur Mutationen angestoßen, die auch in der Natur passieren können. Es wird ausschließlich am Erbmaterial der Pflanze selbst gezüchtet und keine Erbsubstanz von einer Art in die andere verpflanzt. Diese Technologie hat sich in der Medizin längst etabliert – und niemand regt sich darüber auf. Bei der CIS-Genetik steht ausschließlich die Gesundheit der Pflanze im Mittelpunkt. Ziel ist es, Sorten zu entwickeln, die gegen bestimmte Krankheiten resistenter werden. <BR /><BR /><b>Nachhaltig klingt das aber nicht.</b><BR />Dorfmann: Moment, da müssen wir schon realistisch bleiben. Die romantische Vorstellung, wir könnten wieder zu einer Landwirtschaft zurückkehren, die wir aus alten Romanen kennen, wird sich nicht umsetzen lassen und wäre auch Unsinn. Der Mensch hat die Produktion von Lebensmitteln immer schon weiterentwickelt – früher vielleicht eher mit dem Ziel, mehr Lebensmittel zu produzieren, weil die Leute schlichtweg verhungert sind. Heute geht es um eine gesündere und umweltfreundliche Produktion. Wir brauchen eine Weiterentwicklung, ohne dabei aber der Natur und den Menschen so zu schaden, wie es in den vergangenen Jahrzehnten zugegebenermaßen passiert ist. <BR /><BR /><b>Und noch immer passiert. Nach wie vor werden auf riesigen Flächen Unmengen an Fleisch, damit auch Methan und Stickstoff produziert, die die Umwelt schädigen. Wo setzt die „Farm-to-Fork“-Strategie an, um diese bedenklichen Zustände zu ändern?</b><BR />Dorfmann: In Europa konzentriert sich die Tierzucht leider auf wenige Gebiete, wo die Stickstoffeinträge in den Böden dann extrem hoch sind, während sie in anderen Gebieten fehlen und durch Kunstdünger ersetzt werden müssen. Wenn es uns gelingen würde, die Tierzucht nicht mehr als reine Industrie auf den Norden Europas zu reduzieren, könnten wir uns viele Probleme ersparen, von der Nährstoffauswaschung der Böden über flächendeckenden Antibiotikaeinsatz bis hin zu den Sojaimporten aus den USA. Es gibt Ansätze in der F2F-Strategie, die flächenbezogene Tierhaltung fördern, die Mitgliedsstaaten müssten sie allerdings auch umsetzen. Und die Konsumenten müssten mitspielen, denn wenn Tiere wieder auf dem Hof aufwachsen und auf der Weide fressen sollen, dann kostet ein Kilo Schweinefleisch natürlich nicht mehr 1,20 Euro. <BR /><BR /><b>Lebensmittel werden dann also teurer.</b><BR />Dorfmann: Bestimmte Lebensmittel werden dann sicher teurer. Nachhaltigkeit zum Nulltarif werden wir nicht hinkriegen. Die Konsumenten werden sich dann halt überlegen müssen, ob sie anstatt 5 Mal in der Woche nur 2 Mal in der Woche Schnitzel essen. Da sind wir beim Beitrag, die die Konsumenten in der F2F-Strategie leisten müssen. <BR /><BR /><b>„Farm to Fork“ heißt also für uns Verbraucher: Weniger Geld für Smartphones und Mode und mehr für Lebensmittel ausgeben. Aber viele können sich teure Lebensmittel tatsächlich nicht leisten. </b><BR />Dorfmann: Selbstverständlich darf die Ernährung nicht zu einer Elitendiskussion führen. Essen ist nicht nur eine Frage des Marktes, sondern ein Menschenrecht. Einfach zu sagen, jetzt werden Lebensmittel doppelt so teuer, und wer sich das nicht leisten kann, der kauft billige Fertigprodukte aus China, das geht nicht. Eher geht es um eine Sensibilisierung der Menschen für den Wert von Lebensmitteln. Immerhin landet heute ein Viertel der produzierten Lebensmittel nicht in unseren Mägen, sondern auf dem Müll – da erhärtet sich manchmal schon der Verdacht, dass Lebensmittel zu billig sind. Essen ist auch Erziehungssache. Das beginnt in der Familie, geht über die Schule – und die Politik muss die Regeln auch so festlegen, dass regionale Kreisläufe gestärkt werden und es nicht nur auf das günstigste Angebot ankommt. Ich denke da an Mensen oder Krankenhäuser. <BR /><BR /><b>Wenn Lebensmittel teurer werden, besteht da nicht die Gefahr, dass die europäischen Produkte von Billigimporten verdrängt werden?</b><BR />Dorfmann: Die Gefahr besteht. Deshalb müsste man an Importzölle für bestimmte Lebensmittel denken. Andererseits ist es aber nicht gesagt, dass nachhaltige Produktion immer mehr kosten muss. In den Niederlanden gibt es Beispiele von Hühnermastbetrieben, die den Nachhaltigkeitsweg konsequent gegangen sind und heute kostengünstiger arbeiten als früher. Wenn man das ummünzt auf den Obstbau, dann könnten beispielsweise resistentere Pflanzen und damit weniger Pflanzenschutz auch geringere Produktionskosten bedeuten. <BR /><BR /><b>Wie schafft man es, die Industrie dazu zu bewegen, gesündere Lebensmittel zu produzieren?</b><BR />Dorfmann: Das ist zweifellos ein schwieriges Unterfangen. Der einzige Weg führt wohl über ein gutes Lebensmittel-Kennzeichnungssystem, das Konsumenten so realistisch wie möglich darlegt, was sie da gerade kaufen. Das beste Kennzeichnungssystem nützt aber nichts, wenn es nicht Hand in Hand mit der Sensibilisierung der Bevölkerung geht. Nur wenn diese durch ihr Kaufverhalten Druck auf die Industrie macht, wird diese ihre Strategie ändern. <BR /><BR /><b>Wie viel Optimismus braucht es, um zu glauben, dass die europäische Landwirtschaft wirklich nachhaltiger und unser Essen gesünder wird?</b><BR />Dorfmann: Wie eingangs gesagt – in den vergangenen Jahren hat sich doch schon einiges getan. Wenn man heute in die Supermärkte schaut, dann gibt es dort zum Beispiel Regale mit regionalen oder Bioprodukten – das war vor 10 Jahren nicht der Fall. Andererseits ist klar, dass wir als europäische Gemeinschaft jetzt konsequenter vorgehen müssen, sonst wird es ungemütlich. Der Klimawandel ist da, daran zweifelt kaum jemand. Die Herausforderung gilt für alle, auch für die Bauern. Für sie könnte es aber auch eine Chance sein. <BR /><BR /><b>„F2F“ wurde als Strategie vorgestellt. Wie verbindlich ist sie? Wie geht es nun weiter?</b><BR />Dorfmann: Die Strategie enthält einen Anhang mit rund 25 gesetzlichen Maßnahmen, die eingeführt werden müssten, um die Strategie umzusetzen. Im Zuge der Agrarreform ist zum Beispiel vorgesehen, dass die EU-Kommission die Regelung zum Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln demnächst überarbeitet. Das ist nur ein Beispiel. Die Umsetzung wird in kleinen Schritten erfolgen und nur dann möglich sein, wenn man es schafft, alle Akteure einzubinden und mitzunehmen – also Bauern, Konsumenten, Handel und Industrie.<BR /><BR />