Südtirols Wirtschaft sei relativ krisenfest, wie man in der Pandemie gesehen hat. Das sagt der Volkswirtschaftler Gottfried Tappeiner. Nichtsdestotrotz gelte es Lehren aus dieser Krise zu ziehen, nicht nur in Südtirol, auch auf europäischer Ebene. Und: Das Wirtschaftssystem wird sich ändern müssen, so Tappeiner. Grund dafür seien aber nicht die Folgen der Pandemie. Ein Gespräch über Exit-Strategien, einen Stresstest, Speckpölsterchen und eine enger zusammengerückte Europäische Union.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Tappeiner, die Corona-Pandemie war volkswirtschaftlich ein Schock für die globale Wirtschaft. Die allermeisten Länder der Welt haben Pandemiepläne: Hätte man bei besserer Vorbereitung nicht nur die gesundheitlichen Folgen, sondern auch die wirtschaftlichen Konsequenzen abmildern können?</b><BR />Gottfried Tappeiner: Eine Pandemie diesen Ausmaßes war eigentlich nicht vorhersehbar, auch wenn es immer wieder Personen gibt, die sagen, man hätte davor gewarnt. Aber wenn man für alle Gefahren, vor denen irgendwann irgendjemand warnt, einen kompletten Schutzschirm würde, wäre das nicht finanzierbar. Ich halte es daher für falsch, im Nachhinein zu sagen, das hätte man wissen können. Sehr wohl können wir aus dem Erlebten aber unsere Lehren ziehen, beispielsweise, was eine bessere und schnellere Kommunikation anbelangt, oder wie man die Logistik besser in den Griff bekommt. <BR /><BR /><BR /><b>Weil Sie die Logistik ansprechen: Hat es sich als Fehler erwiesen, dass Europa vor Jahren bestimmte Produktionen an anderen Länder ausgelagert hat?</b><BR />Tappeiner: Diesbezüglich muss es ein Umdenken geben, da man gesehen hat, wie gefährlich es ist, wenn man bei bestimmten Produktionen komplett von einem einzigen Land oder einem Anbieter abhängig ist, beispielsweise bei der Medikamentenherstellung oder der Herstellung von Mikrochips. Europa muss bestimmte Produktionen wieder zurückholen und Monopolen vorbeugen, um autonomer zu werden. <BR /><BR /><BR /><b>Viele Wirtschaftsexperten forderten im vergangenen Herbst von der Politik eine Art Exit-Strategie, um nicht andauernd Lockdowns verordnen zu müssen. Trotzdem schienen Lockdowns die einzige Wahl zu sein. Wäre eine andere Lösung überhaupt möglich gewesen?</b><BR />Tappeiner: Wir haben gesehen, dass die meisten Experten zu Beginn dieser Pandemie noch vieles nicht wussten. Nehmen wir das deutsche Robert-Koch-Institut her: Anfangs sagte das Institut, ein Mund-Nasen-Schutz bringe nichts gegen die Verbreitung des Virus, später hieß es dann, die Masken schützen doch, dann sagte das Institut wiederum, dass chirurgische Masken nur einen Fremd- aber keinen Eigenschutz bieten. Ich will damit sagen, dass auch die Experten erst während der Pandemie dazulernen mussten. Heute weiß man vieles besser. Mit dem heutigen Wissen bin ich überzeugt, dass, sollte es zu einer erneuten Infektionswelle kommen, eine Exit-Strategie durchführbar wäre.<BR /><BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49458706_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sollte es im Herbst in Südtirol zu einer erneuten Infektionswelle kommen, was Experten befürchten, dann glauben Sie also, dass es keinen Lockdown mehr brauchen wird?</b><BR />Tappeiner: Auch wenn wir bis zum Herbst die Herdenimmunität nicht ganz erreichen sollten, dann wird die Zahl der Infizierbaren nicht mehr so hoch sein, wie im vergangenen Herbst und Winter. Und bei einer niedrigeren Zahl kann man wieder auf das Contact Tracing, also die Nachverfolgung der Ansteckungen, setzen. Wenn man früh genug handelt und mit kleineren Einschränkungen, wie der Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, gegensteuert, dann wird es keinen kompletten Lockdown mehr brauchen. <BR /><BR /><BR /><b>Wir haben im vergangenen Frühjahr gesehen, dass einige Betriebe in Südtirol bereits nach wenigen Wochen Lockdown in große Schwierigkeiten geraten sind. Auch der Tourismussektor in Südtirol ist zu einem großen Teil mit Fremdkapital finanziert. Wie gefährlich ist so etwas für eine Volkswirtschaft?</b><BR />Tappeiner: Diese Pandemie ist ein Stresstest, wie ihn eine Volkswirtschaft in diesem Ausmaß sehr selten erleiden muss. Gleichzeitig muss man auch ein wenig relativieren, wenn man sich die Arbeitsmarktzahlen in Südtirol anschaut. Die Pandemie hat uns diesbezüglich zahlenmäßig in das Jahr 2017 zurückgeworfen und damals sind wir auch nicht verhungert. Wie schwerwiegend aber die nicht sichtbaren Schäden sind, kann man noch nicht gut abschätzen. Die Erhebungen zeigen zwar ein positives Bild was die Zuversicht und die Investitionsabsichten der Unternehmen anbelangt, wie viel davon aber echter Optimismus ist und wie viel nur Zweckoptimismus, um die eigene Kreditwürdigkeit nicht infrage zu stellen, kann man nur raten, aber nicht wirklich wissen. Nichtsdestotrotz deutet alles darauf hin, dass man in Südtirol die Krise in eineinhalb oder 2 Jahren überwunden haben wird.<BR /><BR /><BR /><b>Die Südtiroler Wirtschaft ist Ihrer Ansicht nach also spätestens im Jahr 2023 wieder auf dem Niveau von vor der Corona-Pandemie?</b><BR />Tappeiner: Ich würde eher sagen, die Südtiroler Wirtschaft kehrt 2022 auf das Vor-Krisen-Niveau zurück. <BR /><BR /><BR /><b>Südtirols Wirtschaft erweist sich also als relativ krisenfest?</b><BR />Tappeiner: Ja, das kann man so sagen, aber nicht nur Südtirols Wirtschaft, auch in ganz Europa können wir eine erstaunlich krisenresistente Wirtschaft beobachten. <BR /><BR /><BR /><b>Was macht die Südtiroler Wirtschaft so krisenfest?</b><BR />Tappeiner: Die Vielschichtigkeit. Wir tendieren gerne dazu zu sagen, dass die heimische Wirtschaft ausschließlich aus Tourismus und Äpfeln besteht, dabei ist das bei weitem nicht der Fall. Wir haben leistungsfähige Unternehmen in fast allen Bereichen, man braucht nur an die Industrie oder an den Dienstleistungssektor zu denken. Diese Vielfalt führt dazu, dass die Südtiroler Wirtschaft relativ gut gegen Krisen gerüstet ist. Gleichzeitig hat man auch gesehen, dass sich viele Südtiroler, natürlich nicht alle, gleich wie die Deutschen oder die Österreicher, kleine Speckpölsterchen angelegt haben, um durch dieses Tal zu kommen. Wenn es nun aufwärts geht mit der Wirtschaft, dann werden diese Speckpölsterchen ausreichen. Wenn die Krise aber noch ein Jahr oder eineinhalb Jahre länger dauern würde, dann hätte ich hingegen große Zweifel. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49458801_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Vor allem zu Beginn der Krise ist die Europäische Union arg unter Beschuss geraten: Zu träge, zu wenig Koordination zwischen den Mitgliedsländern, zu späte Hilfe... Hat die EU bei der Krisenbewältigung im vergangenen Jahr versagt?</b><BR />Tappeiner: Die Europäische Union hat in dieser Pandemie gleich wie alle anderen handelnden Institutionen und fast alle handelnden Personen Fehler gemacht. Aber von einem Versagen würde ich auf keinen Fall sprechen. Ich möchte nicht wissen, was auf dem Impfstoff-Markt losgewesen wäre, wenn anstelle der EU alle 28 Mitgliedsländer einzeln um die Impfstoffe gekämpft hätten. Das wäre sich nicht ausgegangen. Sich abspalten ist nichts Anderes als Trittbrettfahrerei. Das kann für ein kleines Land wie Israel gutgehen, aber es widerspricht dem Kant’schen Imperativ. Wenn alle so handeln würden, dann wären wir in einer Raubtiergesellschaft, dann würden wir am Ende alle ohne ein gutes Ergebnis dastehen. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat es gut auf den Punkt gebracht. Sie meinte, ob es uns gefalle oder nicht, aber für Krisensituation müssten die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten mehr Kompetenzen nach Brüssel verlagern. Manche Regierungen haben es sich in dieser Krise zu leicht gemacht, indem sie einfach auf Brüssel einschlagen haben, um von den eigenen Fehlern abzulenken. Österreich ist ein gutes Beispiel dafür. <BR /><BR /><BR /><b>Die EU sollte also von einem losen Staatenbund zu den Vereinigten Staaten von Europa werden?</b><BR />Tappeiner: Da muss man differenzieren. Ich bin ein großer Anhänger föderaler Konzepte, das geht gar nicht anders als waschechter Südtiroler. Wir sehen ja selbst, dass man regional vieles gut lösen kann. Es gibt aber auch große Themen, die man regional nicht bewältigen kann, dazu gehören Pandemien und die Bekämpfung von Wirtschaftskrisen. Insofern war das Hilfspaket der Europäischen Union, also der Recovery Fund, ein großer und meines Erachtens richtiger Schritt. Dass, unter Anführungszeichen, „Pfennigfuchser“ wie die Deutschen diesem Paket zugestimmt haben, ist eine große Entwicklung nach vorne. Das bedeutet aber nicht, dass einige Sachen, die derzeit die EU regelt, für immer Sache der EU bleiben sollten. Was man auf regionaler Ebene besser machen kann, soll man auf regionaler Ebene regeln. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="653123_image" /></div> <BR /><BR /><b>Globale Probleme bedürfen also immer einer globalen Lösung und können nicht von Staat zu Staat unterschiedlich gehandhabt werden?</b><BR />Tappeiner: So ist es. Nehmen wir das aktuelle Beispiel der globalen Besteuerung von internationalen Konzernen her. Dieses Problem können wir nicht einfach im hinteren Langtauferer Tal lösen. Selbst die Europäische Union ist zu klein, um das hinzukriegen. Erst wenn auch die USA eine Besteuerung dieser Konzerne wollen – und danach sieht es derzeit aus, könnte man ernsthaft eine Lösung anstreben. Das sind Größenordnungen, bei denen man weit über nationale Grenzen hinausdenken muss. <BR /><BR /><BR /><b>Sie haben den Recovery Fund angesprochen. Das ist de facto eine gemeinsame Verschuldung der EU-Mitgliedsländer. Hat die Corona-Pandemie die Europäische Union also näher zusammenrücken lassen?</b><BR />Tappeiner: Das kann man sagen. Aber der Anlass, dass es so weit gekommen ist, war meiner Meinung nach ein anderer. <BR /><BR /><BR /><b>Nämlich?</b><BR />Tappeiner: Während der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008/09 hat die EU in Bezug auf das Mitgliedsland Griechenland himmelschreiende Fehler gemacht. Aus diesen Fehlern hat die Union gelernt, sonst wäre der Recovery Fund nicht zustande gekommen. Nun müssen die einzelnen Mitgliedsstaaten, vor allem auch Italien, diese Gelder aber effizient und zukunftsgerichtet einsetzen. Das würde die Europäische Union einen gewaltigen Schritt nach vorne bringen. <BR /><BR /><BR /><b>Glauben Sie, dass es auch beim großen Problem Bürokratie einen großen Schritt nach vorne geben wird?</b><BR />Tappeiner: Diesbezüglich gibt es 3 unterschiedliche Aspekte. Der erste ist der technische: Wir haben während der Pandemie gesehen, dass wir beispielsweise in punkto Digitalisierung noch lange nicht so weit sind, wie wir sein sollten. Das ist uns eindrucksvoll vor Augen geführt worden. Der zweite Aspekt ist die fehlende Einheitlichkeit bei bestimmten Regelungen. Durch die ständigen Veränderungen weiß ich zum Beispiel so langsam nicht mehr, was man jenseits des Brenners darf und was diesseits des Brenners und für Bayern gelten dann wieder andere Regeln. Solche unklaren Regelungen führen dazu, dass sich irgendwann auch wohlmeinende Bürger nicht mehr daran halten werden. Und der dritte Punkt ist das Ausmaß der Verrechtlichung, dass also alles bis ins kleinste Detail juridisch geregelt wird. Wenn eine Gesellschaft gleich ob Unternehmen, Privatperson oder auch Verwaltung, alle überzogenen Regeln punktgenau einhält, dann wird sie so langsam und träge, dass sie nicht mehr produktiv sein kann. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49458806_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wie gelingt es, diese Probleme zu lösen?</b><BR />Tappeiner: Ich bin für einen evolutorischen Prozess. Man sollte immer wieder bestimmte Regelungen infrage stellen, kritisch hinterfragen und wenn man sieht, dass sie in der aktuellen Form unnütz sind, dann sollte man diese Regelungen entweder verbessern, abändern oder abschaffen. Aber einen einzigen großen Wurf, dass man also mit einer einzigen Reform das gesamte Problem Bürokratie löst, das wird es nicht geben. Unabhängig davon muss man schon auch sagen, dass eine funktionierende Bürokratie, oder besser Verwaltung, einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren eines Gemeinwesens leistet. Man darf also nicht alles über einen Kamm scheren und verteufeln. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Was unterscheidet die aktuelle Krise – wirtschaftlich gesehen – von der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09?</b><BR />Tappeiner: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass die Finanzkrise hartnäckigere Schäden hinterlassen hat. Die Corona-Pandemie hat zwar eine weitaus breitere Schicht an Unternehmen getroffen, was für machen durchaus auch zu Armut führen kann, aber ich bin überzeugt, dass gerade diese breitere Verteilung der Last dazu führen wird, dass sich die Wirtschaft wieder schneller erholen wird. Bei der Finanzkrise hat die vollständige Erholung 6 bis 7 Jahre gedauert, bei dieser Krise rechne ich mit eineinhalb bis 2 Jahre. <BR /><BR /><BR /><b>Sie sind also durchaus optimistisch?</b><BR />Tappeiner: Ja, wenn man die Entwicklung der Daten der verschiedenen Forschungsinstitute und Institutionen verfolgt, dann schaut das alles sehr gut aus, dann kann man sagen, dass wir glimpflich davongekommen sind, wobei ich glimpflich schon nur wirtschaftlich verstanden wissen will und nicht gesundheitlich oder sozial. Wir haben eineinhalb Jahre mit sehr außergewöhnlichen Lebensbedingungen und vielen tausend Toten hinter uns, eine schreckliche Zeit. <BR /><BR /><BR /><b>Viele sehen die Krise auch als Chance zur Veränderung. Wird und muss sich das Wirtschaftssystem in Europa Ihrer Meinung nach verändern?</b><BR />Tappeiner: Das Wirtschaftssystem wird sich auf jeden Fall verändern müssen, aber nicht als Folge der Corona-Pandemie, sondern wegen des fortschreitenden Klimawandels. Wir müssen die Basis unserer Technologie vollständig umkrempeln. Ökonomen sehen diese Entwicklung aber eher mit einem lachenden, als mit einem weinenden Auge, weil diese Umbrüche immer eine spannende Dynamik in die Wirtschaft hineingebracht haben. Man braucht nur an die Dampfmaschine, an das Auto, die chemische Industrie oder an den Computer denken. Gleichzeitig werden wir Wirtschaft künftig lokaler denken müssen, damit meine ich aber nicht zwischen Auer und Montan. Mit lokaler Ebene meine ich etwa den südeuropäischen, den zentraleuropäischen oder den nordeuropäischen Raum. Dieser Fokus wird der Wirtschaft eine höhere Resilienz bringen. <BR /><BR />