Donnerstag, 13. Mai 2021

Neue Selbsthilfegruppe für Betroffene von sexuellem Missbrauch

Es gibt Themen, über die wir lieber nicht sprechen. Wir verdrängen sie, weil sie so unfassbar sind, dass sie uns direkt ins Mark treffen. Sexueller Missbrauch von Kindern ist so ein Thema. Dabei passiert sexueller Missbrauch häufig. Vor allem in der Familie und im unmittelbaren sozialen Umfeld. Aber auch in Schule, Kirche, Sport und ähnlichem.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass 9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Europa von sexuellem Missbrauch mit und ohne Körperkontakt betroffen sind.
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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass 9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Europa von sexuellem Missbrauch mit und ohne Körperkontakt betroffen sind. - Foto: © Dachverband für Soziales und Gesundheit
Als Kind wurde Erika (der Name wurde geändert, um ihre Anonymität zu wahren) viele Jahre sexuell missbraucht. Heute ist sie 56 Jahre alt. Ihr Vertrauen in andere Menschen war lange Zeit bis tief in die Grundfesten erschüttert. Es hat sie viel Kraft gekostet, zu dem lebensfrohen Menschen zu werden, der sie heute ist. Aber sie hat es geschafft.

Sexueller Missbrauch ist ein unbequemes, ein verstörendes Tabuthema, das noch viel an Aufarbeitung bedarf, gerade auch in Südtirol. Darüber gesprochen wird nur hinter vorgehaltener Hand. Es hängt ein dunkler Mantel des Schweigens darüber. Der Druck seitens der Gesellschaft ist hoch. Die Angst davor, dass mit dem Finger auf einen gezeigt wird, ist groß. Nur wenige Betroffene finden den Mut sich zu „outen“. Das Trauma ist mit sehr großer Scham und Selbstzweifel behaftet.

Es braucht Jahre, oft Jahrzehnte bis die Erlebnisse so weit bewältigt sind, dass Betroffene nach außen gehen und sich Hilfe suchen. In der kleinteiligen, dörflichen Struktur von Südtirol, in der jeder jeden kennt, fällt es nochmals schwerer von den belastenden Erlebnissen zu erzählen, was der Trainer, der Vater, die Tante, der Nachbar, der Onkel, der Pfarrer mit ihnen gemacht hat. „Die Hemmschwelle ist riesengroß“, weiß Erika: „Ich möchte andere Frauen und Männer, die ähnliches erlebt haben, motivieren, nicht länger zu schweigen und sich Hilfe zu holen.“

Neue Selbsthilfegruppe startet Ende Mai

Vor kurzem hatte Erika ein Gespräch mit einer Frau, die ebenfalls in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden ist. Diese Frau ist heute 70 Jahre alt. Zum ersten Mal hat sie sich nun jemanden anvertraut. Sie hat ihr Leben lang dieses Geheimnis als schwere Last mit sich herumgetragen. Sich nicht allein fühlen, sich Mut zusprechen und austauschen ist in einer neuen Selbsthilfegruppe möglich, die Ende des Monats Mai startet. Die Selbsthilfegruppe „Freier leben – sexuell missbraucht in der Kindheit“ richtet sich an Betroffene von sexueller Gewalt in der Kindheit. In der Gruppe sind Frauen und Männer willkommen.

Die Treffen finden in deutscher Sprache statt, die Teilnahme ist kostenlos. Das erste Treffen findet am Montag, 31. Mai 2021 am frühen Abend in der Nähe von Bozen statt. In der Folge sind Treffen am letzten Montag im Monat geplant. Die Teilnahme ersetzt keine Therapie. Anonymität und Vertraulichkeit werden selbstverständlich zugesichert.

Weitere Informationen und Anmeldung zur Selbsthilfegruppe bei der Dienststelle für Selbsthilfegruppen unter der Telefonnummer 0471/1888110 oder per Mail [email protected].

9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Europa betroffen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass 9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Europa von sexuellem Missbrauch mit und ohne Körperkontakt betroffen sind. Im Durchschnitt sitzen in jeder Schulklasse 2 bis 3 Betroffene. Jede und jeder von uns kennt ganz bestimmt einen anderen Menschen, der von Missbrauch betroffen ist, auch wenn wir meist nichts davon wissen.

Die Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller hat am gestrigen Mittwoch den Jahresbericht 2020 über die Tätigkeiten ihres Amtes vorgestellt. Viele Problematiken entstanden durch die Corona-Pandemie oder wurden dadurch verstärkt. Die Fälle von Gewalt an Kindern und Jugendlichen sind stark gestiegen. Hier geht's zum Artikel.


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Bozen: 0471/435001
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Brixen: 0472/813100


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stol