Vor 75 Jahren also beschließt die UNO die Teilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837560_image" /></div> <BR /><b>Uri Avnery,</b> der bekannte israelische Schriftsteller, berichtete damals über die Stimmung in Tel Aviv: <BR /><BR /><i>„29. November 1947, einige Minuten nach Mitternacht. Keiner schläft. Alles sitzt an den Radioapparaten. Und über den Äther kommt die Nachricht: ,Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates beschlossen.' Wie ein wilder Sturm explodiert die Freude. Die Jugend strömt auf die Straße, versammelt sich, tobt. [...] Männer und Frauen, die sich noch nie gesehen haben, umarmen und küssen sich. Die Freude überspielt jeden Gegensatz, Grenzen und Unterschiede fallen in sich zusammen. In einem Meer von Fahnen, in einem Rausch von Begeisterung feiert die junge Bevölkerung die große Nachricht.“</i><BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837563_image" /></div> <h3> Die Vorgeschichte</h3>Was <b>Theodor Herzl</b>, der Führer des politischen Zionismus, 50 Jahre zuvor in sein Tagebuch geschrieben hatte, dass es den Judenstaat geben werde, war Realität geworden. Es war ein schwerer Weg gewesen. Zu den wichtigsten Stationen gehört die sogenannte Balfour-Deklaration, jene Zusicherung des britischen Außenministers vom November 1917, in dem die britische Regierung den Zionisten <i>„die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“</i> zusicherte.<BR /><BR />Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Großbritannien das Mandat des Völkerbundes über Palästina, mit der Auflage, die von Balfour gegebene Zusicherung durchzuführen. Das ging jedoch nicht ohne Konflikte ab. In den zwanziger und dreißiger Jahren gab es immer wieder schwere Zusammenstöße in Palästina mit Toten sowohl auf arabischer als auch auf jüdischer Seite.<BR /><BR />Mit der Übernahme der Macht durch die Nazis in Deutschland 1933 und dem Anschluss Österreichs 1938 stieg die Zahl der jüdischen Flüchtlinge nach Palästina rapide an, die Konflikte ebenfalls. 1937 schlugen die Briten als Lösung die Teilung des Landes in einen arabischen und einen jüdischen Staat vor; die Araber lehnten ab. 1939 trafen die Briten dann eine Grundsatzentscheidung: Am Vorabend des Weltkrieges wollten sie die Araber als Verbündete gewinnen und entschieden sich gegen die Zionisten. In dem berüchtigten Weißbusch machten sie klar, dass es einen jüdischen Staat in Palästina nicht geben werde; die Einwanderung sollte gestoppt und der Landverkauf an Juden verboten werden.<BR /><BR />Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verfolgte die britische Regierung diese Politik weiter. Zu jenem Zeitpunkt befanden sich unter den Millionen von Displaced Persons (DPs) in Deutschland und Österreich auch zahlreiche Juden, zumeist Überlebende der Konzentrationslager. Der jüdischen Lobby gelang es im Juli 1945, den neuen US-Präsidenten <b>Harry S. Truman</b> persönlich für das Schicksal dieser Menschen zu interessieren. Truman verlangte daraufhin von den Briten, dass sie einhunderttausend Juden nach Palästina einreisen lassen sollten. Das Ergebnis war eine anglo-amerikanische Untersuchungskommission, die sich dieser Forderung Anfang 1946 anschloss.<h3> Die UN-Sonderkommission für Palästina</h3>Inzwischen forderten jüdische Terroraktionen gegen die Briten in Palästina immer mehr Opfer. Ein trauriger Höhepunkt war der 22. Juli 1946, als die Terrorgruppe <b>Irgun</b> unter <b>Menachem Begin</b> den Südflügel des bekannten King David Hotels in Jerusalem sprengte, worin sich das Hauptquartier der britischen Mandatsverwaltung befand. 91 Menschen wurden getötet. Als Reaktion darauf verschärften die Briten die Gangart gegen die Juden, deren Fluchthilfe-Organisation <b>Bricha</b> (hebräisch „Flucht“) mit Sitz in Salzburg die illegale Einwanderung nach Palästina erfolgreich fortsetzte: Bis Anfang 1948 etwa 200.000.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837566_image" /></div> <BR />Am 14. Februar 1947 schließlich beschloss das britische Kabinett, das Palästina-Problem der UNO zu übergeben. Die setzte daraufhin am 15. Mai 1947 eine Sonderkommission für Palästina ein (UN-Special Committee on Palestine: UNSCOP ),deren Mitglieder vom 18. Juni bis 3. Juli die wichtigsten Städte und Dörfer des Landes besuchten. Die dortigen Juden kooperierten eng mit UNSCOP, während die Araber jegliche Zusammenarbeit ablehnten, zum Generalstreik aufriefen und jeden arabischen Offiziellen bei einem möglichen Kontakt mit dem Tod bedrohten. <BR /><BR />Die Arbeit der Kommission wurde von 2 gravierenden Ereignissen überschattet. Zum einen erhängte Begins Untergrundorganisation Irgun 2 britische Unteroffiziere, nachdem zuvor 3 Irgun-Kämpfer getötet worden waren. Zum anderen gab es das Drama um das <b>Flüchtlingsschiff Exodus</b> 1947 mit 4515 Holocaust-Überlebenden an Bord. Das Schiff wurde von den Briten aufgebracht und erreichte am 18. Juli Haifa. Die Flüchtlinge durften nicht an Land. Es spielten sich furchtbare Szenen ab – und dies unter den Augen einiger UNSCOP-Mitglieder, die am Quai standen. Auf britischen Transportschiffen wurden die Juden später nach Hamburg zurückgebracht, wo sie wieder als DPs in diversen Camps landeten.<BR /><BR />Am 31. August legte UNSCOP einen Bericht vor. Die Mehrheit – Guatemala, Kanada, Niederlande, Peru, Schweden, Tschechoslowakei und Uruguay – empfahl die Teilung in einen arabischen und einen jüdischen Staat, Jerusalem sollte unter internationale Treuhänderschaft kommen. Die Minderheit – Indien, Iran und Jugoslawien – schlug einen unabhängig-föderalistischen Staat vor, Australien enthielt sich der Stimme.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837569_image" /></div> <h3> Die Abstimmung</h3>Am 13. Oktober ließen die Sowjets erkennen, dass sie für die Teilung waren. <BR /><BR />Am 29. November 1947 sprach sich die UN-Generalversammlung dann in der Resolution 181 für die Teilung aus. US-Päsident Truman hat später in seinen „Erinnerungen“ geschrieben, dass in keinem anderen Fall so viel Druck und Propaganda auf das Weiße Haus ausgeübt worden seien wie bei dieser Entscheidung. Die amerikanischen Zionisten waren besonders aktiv gewesen. Das Weiße Haus war mit 135.000 Briefen geradezu bombardiert worden; mehrheitliche Forderung: für die Teilung stimmen. <BR /><BR />Trumans Anweisung vom 24. November, von amerikanischer Seite weder Drohungen noch unangemessenen Druck auf Länder auszuüben, damit sie für den Mehrheitsbeschluss stimmten, war am Ende negiert worden. Es wurde Druck ausgeübt, wie eine undatierte Notiz im Weißen Haus nach einer Kabinettssitzung beweist. Einzelne Personen, die angeblich für die Regierung sprachen, waren genauso aktiv wie zahlreiche Senatoren. 6 Länder, die zunächst gegen die Teilung waren – Haiti, Liberia, die Philippinen, China, Äthiopien und Griechenland –, waren tatsächlich mit Geld und Boykottdrohungen erkauft worden. 31 Senatoren hatten Athen mit dem Entzug der Auslandshilfe gedroht; Griechenland hatte dennoch mit Rücksicht auf seine wichtige Diaspora in der arabischen Welt gegen die Teilung gestimmt. <BR /><BR />Liberias Präsident <b>William Tubman</b> war vom Firestone-Chef <b>Harvey Firestone</b> vor die Wahl gestellt worden, entweder für die Teilung zu stimmen oder mit wirtschaftlichen Konsequenzen rechnen zu müssen (Firestone war der größte Arbeitgeber mit den größten Gummiplantagen im Land). Das Telefonat eines Kongressabgeordneten verlieh dieser Drohung Gewicht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837572_image" /></div> <BR />Zionistenführer <b>Ben Gurion</b> erzählte später: <i>„Alle Juden Jerusalems feierten und tanzten. Noch nie hatte ich solche jüdische Freude gesehen. Und ich war vielleicht der einzige Jude, der nicht tanzte. Nicht etwa, weil ich den UNO-Beschluss geringer schätzte oder einen jüdischen Staat weniger wünschte als andere, sondern weil ich wusste, was uns vor der Staatsgründung erwartete und was den neuen Staat danach.“</i> Zu seiner Tochter <b>Renana</b> sagte er: <i>„Wer weiß, ob nicht auch manche der hier Tanzenden fallen werden.“</i><h3> Die Reaktion</h3>Die Araber lehnten den Teilungsplan ab. Der österreichische Gesandte in Kairo, <b>Erich Bielka</b>, wurde 3 Wochen nach der UNO-Entscheidung vom ägyptischen Außenminister empfangen und berichtete Außenminister <b>Karl Gruber</b>, was <b>Khachaba</b> ihm mitgeteilt hatte. Demnach würden Ägypten und die arabischen Staaten den Beschluss der UNO <i>„niemals anerkennen. Bevor wir langsam unsere mühsam erkämpfte Freiheit wieder verlieren und in zwanzig Jahren vielleicht als Sklaven jüdischer Herren enden, ziehen wir lieber jetzt in den Krieg und versuchen, die Entwicklung dieses Staates unmöglich zu machen.“</i><BR /><BR />Der Mufti von Jerusalem, der in Kairo residierende berüchtigte <b>Husseini</b>, rief am 1. Dezember zum <i>„Heiligen Krieg“</i> auf, die Arabische Liga beschloss am 12. Dezember, die Palästinenser mit Waffen, Munition, Geld und Freiwilligen zu unterstützen.<BR /><BR />Es folgte ein blutiger Krieg Araber gegen Juden mit gezielten Terroranschlägen, bei denen es zu erbitterten Kämpfen und teilweise furchtbaren Exzessen kam. Bis Anfang Februar waren etwa 1000 Tote zu beklagen. Am 9. April gab es ein Massaker, das bis heute unvergessen ist. Das arabische Dorf <b>Deir Yassin</b>, das zur internationalen Zone von Jerusalem gehören sollte, wurde am 9. April 1948 von Begins Irgun-Terroristen überfallen, Männer, Frauen und Kinder wurden ermordet, die teils verstümmelten Leichen in Brunnen geworfen, die Überlebenden vertrieben. Die Rede war von 254 Toten. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits die zweite Phase der Kämpfe begonnen: möglichst viele Städte und Dörfer von Arabern zu „säubern“ und so zu „befreien“. Bis Mitte Mai war dieses Ziel erreicht.<BR /><BR />Am 14. Mai rief David Ben Gurion in Tel Aviv den Staat Israel aus. Als an jenem Freitag um Mitternacht das britische Mandat in Palästina endete, gab es den neuen Staat Israel. Genau 11 Minuten später erkannte Präsident Truman in Washington dessen Regierung an. Fast gleichzeitig griffen Truppen der arabischen Staaten Israel an. Um 6 Uhr fielen die ersten Bomben auf Tel Aviv.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="837575_image" /></div> <BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR /><BR />Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.<BR /><BR /><b>Buchtipp:</b><BR /><BR />Rolf Steininger, Die USA, <a href="https://www.athesiabuch.it/item/51991668" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Israel und der Nahe Osten</a>. Von 1945 bis zur Gegenwart, Lau Verlag, Reinbek 2022, 448 Seiten<BR />