<b>Ein Porträt von Maria Cristina De Paoli.<BR /></b><BR />Viel zu schmale und selbst für Grundschulkinder ausgesprochen unbequeme Holzbänke, Schiefertafeln und Kreidestumpen, aber auch Tintenfässer und Griffeln, vergilbte Wandbilder und verstaubte Fibeln: Im zweiten Stock des ehemaligen Missionshauses in der Brixner Regensburger Allee hat Annemarie Augschöll Blasbichler ein historisches Klassenzimmer eingerichtet. Die Sammlung von Möbeln und didaktischen Materialien hat sie aus verschiedenen Südtiroler Schulen zusammengetragen. <BR /><BR />Die Professorin führt durchs Haus. Nur ein Stockwerk tiefer ist in einem Vorlesungssaal die Dauerausstellung zum Thema „Südtirol und seine Schulen im 20. Jahrhundert“ untergebracht. Beide – das kleine Schulmuseum und die Ausstellung – sind Teil des Forschungs- und Dokumentationszentrums zur Südtiroler Bildungsgeschichte, das an der Fakultät für Bildungswissenschaften angesiedelt ist. Und beide tragen die Handschrift der Bildungshistorikerin aus Villanders. Doch alles der Reihe nach.<h3> Verantwortungsbewusst</h3>Eigentlich wollte Annemarie Augschöll Grundschullehrerin werden. Trotz Abschluss der Lehrerbildungsanstalt und selbst nach bestandener Stammrollenprüfung hatte sie aber das Gefühl, den Kindern nicht ausreichend gerecht werden zu können. So entschied sie sich für ein Studium – auch wenn es für die Familie nur schwer nachvollziehbar war, dass sie kurzerhand auf eine fixe Stelle verzichtete. In Innsbruck inskribierte die junge Frau an der Fakultät für Erziehungswissenschaften, studierte anschließend auch noch Psychologie und Geschichte und promovierte schließlich in diesem Fach. Dann ging es Schlag auf Schlag: Auf eine Assistentenstelle in Innsbruck folgten ein Auftrag als „Ricercatrice“ an der neu gegründeten Uni Bozen und schließlich die Professur an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-63776987_quote" /><BR /><BR /><BR /> Dazwischen hat die heute 56-jährige viel geforscht und viel publiziert, vor allem aber hat sie sich aber für eine umfassende Ausbildung der neuen Lehrergenerationen starkgemacht, „die den Anforderungen der Gesellschaft und den Ansprüchen der Kinder gerecht wird“, wie Annemarie Augschöll mit Nachdruck betont. Und eine solche Ausbildung könne niemals von der Geschichte absehen – weder von der Historie des Landes noch von den persönlichen Erfahrungen seiner Bürger. „Seit Jahren animiere ich meine Studentinnen und Studenten, die Bildungsbiografien von Eltern, Großeltern oder Bekannten niederzuschreiben.“ Erst durch diese Recherchearbeit werde vielen klar, wie prägend schulische Erfahrungen sein könnten. „Was man in der Schule erlebt – ob Positives oder Negatives –, hält oft ein Leben lang.“ <h3> Geschichtsbewusst</h3>Nicht von Einzelschicksalen, sondern vom Drama eines Landes und den Folgen für gleich mehrere Generationen spricht Annemarie Augschöll, wenn sie die Südtiroler Ereignisse vor über 100 Jahren analysiert. Im Herbst 1923 trat in Italien die faschistische „Lex Gentile“ und mit ihr eine weitgreifende Schulreform in Kraft. Unter anderem schrieb das Gesetz vor, dass italienweit nur mehr in italienischer Sprache unterrichtet werden durfte, was das Aus für den muttersprachlichen Unterricht in Südtirol bedeutete. Fortan und bis 1943 wurden die deutschen und ladinischen Grundschulkinder in einer ihnen fremden Sprache alphabetisiert. Aber nicht nur: Sie wurden im Unterricht und in den Schulbüchern mit einer massiven Herabwürdigung der Kultur ihrer Eltern oder gar mit vollkommen konträren Darstellungen der Geschehnisse des Ersten Weltkriegs konfrontiert. „Die Katakombenschulen haben Großartiges geleistet“, sagt die Bildungshistorikerin. „Sie hätten aber niemals alle erreichen können.“ <h3> Folgenschwer</h3>De facto wurden in den Zwischenkriegsjahren und noch bis 1943 ganze Jahrgänge ausgeschult, ohne richtig lesen und schreiben gelernt zu haben, was viele beruflich wie privat stark einschränkte und wofür sie sich oft ein Leben lang schämten. „Selbst die Mitgliedschaft in einem Verein war unter solchen Voraussetzungen ein Problem“, weiß Annemarie Augschöll. Wen wundert’s also, dass die Skepsis gegenüber Schule und Bildung in Südtirol auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch lange anhielt? „Das Wichtigste lernen wir nicht in der Schule, sondern außerhalb“, so das Credo, das den eigenen Kindern und später sogar vielfach noch den Kindeskindern weitergegeben wurde. „Und zum Teil spüren wir die Nachwehen jener Distanz in den Köpfen der Menschen auch heute noch“, sagt die Professorin, die für eine Aufarbeitung der Geschichte und der traumatischen Erfahrungen aus der Faschistenzeit plädiert. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-63773939_quote" /><BR /><BR /><BR />Wie wichtig Annemarie Augschölls Aufforderung zu einer historischen Reflexion ist, zeigt die aktuelle Diskussion rund um die heimischen Schulen und die Integration von immer mehr Nicht-Muttersprachlern. Viele dieser Kinder werden in einer Fremdsprache alphabetisiert, was für sie selbst, aber auch für ihre Familien, für Mitschüler und Lehrer mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. „Auf die Schule kommen Herausforderungen zu, die ein noch größeres Expertenwissen der Lehrer fordern werden“, antwortet die Bildungshistorikerin auf die Frage nach ihrer Einschätzung der Lage.<h3> Konzentriert</h3>Wenn Annemarie Augschöll über Kinder und Schule, über ihre Studenten und deren Ausbildung spricht, ist sie kaum zu bremsen. Mit der Professorin auch über Privates zu reden, ist deshalb gar nicht so einfach. Denn viel lieber als über Freizeit und Hobbys diskutiert sie über den Erhalt von Klein- und Kleinstschulen – ihr zweites großes Forschungsgebiet. „Wussten Sie, dass 50 Prozent der heimischen Grundschulen nicht alle Jahrgänge in einer eigenen Klasse führen und dass wir in Südtirol noch ein Dutzend Kleinstschulen haben?“ Diese historisch gewachsenen Einrichtungen seien eine große Bereicherung, „weil sie nicht nur für die Kinder da sind, sondern sich der Gemeinschaft öffnen und weil hier meist hoch motivierte Lehrpersonen am Werk sind, die unwahrscheinlich viel Innovation in den Unterricht bringen.“ <h3> Privater Einblick</h3>Die Bildungshistorikerin arbeitet an internationalen Projekten zum Thema mit. „Vor rund einem Jahr wurden zwei Kleinstschullehrer und ich sogar zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen, um über unsere Erfahrungen und Erkenntnisse zu berichten“, freut sich Annemarie Augschöll Blasbichler, die sich schlussendlich doch noch dazu überreden lässt, über sich selbst zu erzählen: Über ihren Ehemann, einen Physiker, „mit dem ich mir die Arbeit im Haushalt und mit den Kindern wirklich geteilt habe“, über Sohn und Tochter, die in Innsbruck und Tübingen studieren, über ihr politisches Engagement im Villanderer Gemeinderat und über ihre Hobbys. <BR /><BR />„Ich stricke und nähe gerne. Meine Mutter war Trachtenschneiderin, und ich habe viel von ihr gelernt.“ Last but not least wäre da auch noch die traditionelle europäische Medizin, ein Thema, das sie in Zukunft vertiefen möchte. „Heilkräuter und ihre Wirkung faszinieren mich, der Erfahrungsreichtum ist groß“, schwärmt Annemarie Augschöll. Vielleicht ist das hochgeschlossene schwarze Kleid mit den zarten Kornblumen, Maiglöckchen und Gänseblümchen, das sie zum Fotoshooting trägt, also gar kein Zufall, sondern eine Hommage an ihre große Passion.<BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/tag/Menschen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier finden Sie weitere interessante Porträts.</a><BR />