In diesen Tagen haben die Daten des Sozialfürsorgeinstituts NISF/INPS aufhorchen lassen: Frauen haben auch im vergangenen Jahr um einiges weniger verdient als ihre männlichen Kollegen. In Zahlen ausgedrückt sind es laut NISF/INPS in Italien um 25 Prozent weniger im Vergleich zu den Männern. „Wir dürfen bei dieser Diskussion nicht vergessen, dass sich dies nicht nur auf das aktuelle Einkommen und die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen auswirkt, sondern auch auf ihre zukünftige Rente“, sagt Renate Gebhard, die innerhalb der SVP auch Landesfrauenreferentin ist: Jede Maßnahme der Regierung zur Beseitigung dieser Ungleichheit sei eine soziale und wirtschaftliche Investition in die Zukunft der Frauen. In der Haltung der Regierung Draghi hat Gebhard eine Trendumkehr ausgemacht. <BR /><BR />Für Südtirol, für Italien und für Europa gelte es besonders in so schwierigen Zeiten politischen Stillstand mit allen Mitteln zu verhindern, sagt Gebhard zur aktuellen Regierungskrise in Rom.<BR /><BR /><b>STOL: Es ist seit Jahren Thema: Frauen verdienen weniger und bekommen damit auch weniger Rente. Sie haben in Rom aber eine Trendumkehr ausgemacht. Woran machen Sie diese fest?</b><BR /><BR />Renate Gebhard: Während es in der Vergangenheit fast immer nur Lippenbekenntnisse zum Thema gegeben hat, nimmt die Regierung konkret Geld in die Hand, um mit strukturellen und konkreten Maßnahmen dagegen zu steuern. Eine der innovativsten davon ist die Gleichstellungszertifizierung, die von Fachleuten erarbeitet worden ist und vor allem das Ziel verfolgt, die verschiedenen Geschlechterungleichheiten in den Bereichen Arbeit und Wirtschaft zu beseitigen. Dafür werden jährlich 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Auch wird in Italien über die Gelder des Wiederaufbauplan flächendeckend in den Bau und den Ausbau von Kitas und Kindergarten investiert, insgesamt stehen hierfür 4,6 Milliarden Euro zur Verfügung. <BR /><BR /><b>STOL: Was versprechen Sie sich konkret von einer Gleichstellungszertifizierung für Unternehmen? Was haben weibliche Angestellte davon?</b><BR /><BR />Gebhard: Neben dem schrittweisen Abbau der verschiedenen Geschlechterdiskriminierung in der Arbeits- und Wirtschaftswelt wie z.B. dem Gender Pay Gap und dem erschwerten Zugang von Frauen zu Führungspositionen soll das Zertifikat auch dazu beitragen, die Unternehmens- und Führungskultur zu ändern, in kleinen wie in großen Unternehmen. Aber damit nicht genug. Die weibliche Arbeitskraft ist eine wertvolle volkswirtschaftliche Ressource und soll als solche anerkannt und honoriert werden. Dafür braucht es natürlich die entsprechenden Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die derzeit vielfach nicht in zufriedenstellendem Ausmaß vorhanden sind und Frauen von einer beruflichen bzw. vermehrten beruflichen Tätigkeit abhalten. All dies kommt vor allem den Frauen zugute.<BR /><BR /><b>STOL: Welche Maßnahmen gegen die schlechtere Rentensituation der Frauen sind geplant?</b><BR /><BR />Gebhard: Eine der der zentralen Maßnahmen werden Förderungen sein, die den Zugang für Frauen (und auch Jugendliche) zur Arbeitswelt erleichtern. Dies ist nicht zuletzt aus diesem Grund eine der Zielvorgaben des staatlichen Wiederaufbauplanes. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55225931_quote" /><BR /><BR />Vorgesehen sind neben den bereits oben angeführten Maßnahmen auch Förderungen für die Gründung von weiblichen Unternehmen, wodurch die Teilhabe der Frauen an der Arbeitswelt verstärkt werden soll. Auch sollen weibliche Talente in Zukunftsbranchen und innovative Start-Ups von Frauen gefördert werden. Dadurch steigt die weibliche Erwerbstätigkeit, mit der eine finanzielle Besserstellung einhergeht. Innovative Unternehmen werden entstehen und auch die Produktivität des Landes steigt. Laut Schätzungen des Weltwirtschaftsforums würde sich das Bruttosozialprodukt um 9 bis 11 Prozent erhöhen, wenn gleich viele Frauen wie Männer arbeiten würden. Dies würde eine zusätzliche Wertschöpfung von 200 Milliarden Euro zur Folge haben. Die Überwindung der Geschlechterkluft ist also weit mehr als ein soziales oder frauenpolitisches Anliegen.<BR /><BR /><b>STOL: Der Arbeitskräftemangel, auf den wir zusteuern, war lange absehbar: Trotzdem ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stiefmütterlich behandelt worden. Leidtragende waren vielfach Frauen. Werden in diesem Bereich jetzt – angesichts von Pandemie, Krieg und Rohstoffknappheit – große Sprünge möglich sein?</b><BR /><BR />Gebhard: Gerade wegen des Arbeitskräftemangels ist es notwendig und wichtig, auf die Ressourcen von Frauen zu bauen und diese besser zu nutzen. Dafür müssen aber die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, was u.a. durch die Förderungen zur Schaffung von flächendeckenden Betreuungsstrukturen für Kinder gelingen soll. Zudem braucht es dringend flexiblere Betreuungsmodelle, für die Ferien aber auch während des Schuljahres. Da gilt es neue Modelle anzudenken und auch die Diskussion der Ganzjahresbetreuung ist zu führen bzw. zu intensivieren.<BR /><BR /><b>STOL: Auch öffentliche Ausschreibungen und Finanzierungen sollen auf Gleichstellungskriterien abgeklopft werden: Wie werden diese aussehen?</b><BR /><BR />Gebhard: Gleichstellungszertifizierte Unternehmen sollen bei öffentlichen Ausschreibungen, Finanzierungen und Beiträgen prämiert werden, es gibt also Sonderpunkte dafür. Ebenso erhalten zertifizierte Unternehmen einen Skonto von einem Prozent bei den für die Arbeitnehmer zu bezahlenden Sozialabgaben, dies bis zu maximal 50.000 Euro jährlich.<BR />Der Abbau des Gender Pay Gap, familienfreundliche Arbeitszeiten und Bedingungen, die Möglichkeiten für die so genannte Work-Life-Balance, das Vorhandensein eines Arbeitsumfeldes frei von Stereotypen und Diskriminierungen, konkrete Maßnahmen und Kriterien zur Förderung von Karrierechancen für Frauen im Unternehmen, eine ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in Arbeitsgruppen sind z.B. einige der Parameter bei der Bewertung, die je nach Branche variieren.<BR /><BR /><b>STOL: Die ISEE-Bestimmungen sollen angepasst werden: Wie? Welche Familien werden davon profitieren?</b><BR /><BR />Gebhard: Es gibt verschiedene Probleme auch technischer Natur und auch Ungerechtigkeiten bei den ISEE-Bestimmungen, z. B. die Berücksichtigung von Darlehen oder von unbewohnbaren Immobilien. Außerdem gilt es, die Höchstgrenzen für das staatliche Kindergeld so anzupassen, dass dieses tatsächlich für alle Familien einen Vorteil im Vergleich zur bisherigen Situation bringt.<BR />